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16. Juni 1967: Jugendbanden schmieden Kriegspläne

„Mods“ und „Rockers“ drängen auf eine Entscheidung: Sieger erhält eine Insel - 16.06.2017 07:00 Uhr

Knisternde Atmosphäre unter dem Dach der Straßenbahninsel: Mitglieder der rivalisierenden Gruppen stehen sich Auge in Auge gegenüber. © Friedl Ulrich


Die Anführer der Rockers und Mods haben Friedensgespräche energisch abgelehnt, zu denen sie von der Polizei eingeladen worden waren. "Wir drängen auf eine klare Entscheidung", verkündeten die Burschen resolut, "eine andere Möglichkeit gibt es für uns nicht." Wann und wo die blutige Auseinandersetzung ausgetragen werden soll, geben die Bandenchefs nicht preis. Sie möchten sich auf alle Fälle dem Zugriff der Beamten entziehen und in einem "fairen Kampf ohne Totschläger, Ketten, Schlagringe und Schusswaffen" den Sieger ermitteln.

Die Polizei gibt sich angesichts, der rivalisierenden Gruppen gelassen. "Wir sind auf alle Situationen vorbereitet", erklärt sie, "und wir werden energisch und unerbittlich durchgreifen, wenn Ruhe und Ordnung in unserer Stadt gestört sind." Mit diesem Vorhaben hat die Polizei zweifellos die Bevölkerung auf ihrer Seite.

Aus ordentlichen Familien

Das Erstaunliche an der heftigen Fehde: die Jugendlichen stammen fast durchweg aus ordentlichen Familienverhältnissen. Die Eltern wissen aber vielfach nicht, wo sich ihre hoffnungsvollen Sprößlinge herumtreiben. So klagt die Mutter von Rockers-Chef Ringo (17): "Mein Junge geht morgens zur Arbeit und kommt abends spät zurück. Über seine Freizeiterlebnisse erzählt er nichts. Jeder Versuch ist zwecklos, eine klärende Aussprache zu beginnen. Hoffentlich passiert nichts. Ich habe Angst." Ringos haßerfüllter Antipode von den Mods genannt Mickey (17), schweigt sich ebenfalls zu Hause aus.

Die Vorbilder der beiden Cliquen wohnen in England, wo sich vor einigen Jahren die Großstadtjugend in zwei Lager gespalten hatte. Auf chromverzierten Rollern rasten damals die Mods, auf stark frisierten Motorrädern die Rockers durch die Straßen. Die Roller- und Radreiter haben ihren Namen von den Tänzen, die sie in ihren streng voneinander getrennten Clubs aufführten. Die Rockers vom Rock‘n‘Roll des US-Heulers Elvis Presley, die Mods (kurz für: the Moderns) von ihrer Eigenart, in rascher Folge neue Tänze zu kreieren.

Nur in Lederjacken mit Abzeichen

Ihre fränkischen Ableger, die schon seit Monaten die Straßenbahninsel belagern und dort nicht gerade für Sauberkeit sorgen, schlagen in die gleiche Kerbe. Die Rockers gehen, wie Hollywoodstar Marlon Brando in dem Film "Der Wilde", ausschließlich in Lederjacken mit Gruppen- und Rangzeichen an den Aufschlägen und weißen Nägeln im "Rücken". Sie tragen oft dicke Metallringe an den Händen, dazu schwere Sturzhelme und Stiefel. Ihre Begleiterinnen heißen im Fachjargon "Birds" (Vögel). Da sich die Mädchen ebenfalls in eine auffallende Ledermontur hüllen, sind sie von den Burschen nur schwer zu unterscheiden.

Das ist ein eisernes Gesetz: jeder 'Rocker', der etwas auf sich hält, trägt eine Nietenjacke. Meist ist auch sein Bandenname 'eintätowiert', damit die Gegner Respekt bekommen sollen.. © Friedl Ulrich


Die "Mods" imitieren und übertreiben in ihrer Kleidung den modernen Style: Seidenhemden mit Rüschen, kragenlose Samtjacken im Gehrockstil, mit Spitzen besetzte enge Hosen, weiche Schuhe und als Krönung oft einen Bowler-Hut. Die "Mod-Mädchen" werden "Judies" genannt – nach der weiblichen Hauptfigur des englischen Kasperltheaters. Langmähniger Kopfschmuck ist bei beiden Geschlechtern Trumpf.

Lederjacken und Melone sind für die Ursache der Krawalle symbolisch. Die Mods, meist Schüler und Angestellte, betrachten die Rockers, die zum größten Teil aus Arbeiterberufen kommen, als sozial tieferstehend. Die Rockers wiederum bezichtigen die Mode-Mods, pervers zu sein. Anführer Ringo sagt über seine Gegner: "Original-weibliche Typen. Ein verweichlichter Haufen. Keinen Mumm in den Knochen. Einfach schrecklich."

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Den überdachten Unterschlupf vor dem Hauptbahnhof wollen die Rockers bis zum letzten Mann vertei"Die Mods können ihn bis nachmittags haben", sagen sie scheinbar kompromißbereit, "aber abends haben sie hier nichts mehr zu suchen. Wir weichen keinen Zentimeter zurück. Einen Schlagabtausch mit den anderen brauchen wir nicht zu fürchten." Der 17-Jährige ist ihr allseits anerkannter Rockers-Führer. Bei ihm entschuldigen sich seine Haudegen, wenn sie einmal nicht in Bandenkleidung erscheinen.

Die Rocker-Konkurrenz drängt sich weniger auffällig in den Vordergrund. Mods-Chef Mickey predigt seinen Leuten sanfte Gewalt. "Im Grunde wollen wir keinen Streit", erklärt er zurückhaltend, "Aber wir wollen uns ungestört an der Straßenbahninsel versammeln können." Mods-Fan Michael (15), der die eigene Streitmacht auf 150 Mitglieder schätzt, fürchtet die Rivalen. "Die sind über 200", meint er, "und besser organisiert. Ihr telephonisches Warnsystem funktioniert schneller, weil die Burschen meist arbeiten und dort gut zu erreichen sind. Unsere Leute sind über alle Schulen verstreut."

Angesichts dieser Nachteile wagen es die Mods nur noch in kleineren Gruppen oder in geschlossener Formation durch die Stadt zu gehen. "Kommt uns ein Rocker dann in die Quere, machen wir nicht lange Federlesens mit ihm", sagen sie im Chor. Obwohl bei den Gruppen die Fäuste locker sitzen, geben sich die langmähnigen Mods und die nietenbehosten Rockers in der Schule oder an ihren Arbeitsplätzen betont zivil. Sie wissen: wer aufmuckt oder renitent wird, fliegt kurzerhand.

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Sowohl in den Gymnasien als auch in den Real- und Handelsschulen haben die Lehrer bisher kaum Ärger mit den Beatles-Typen gehabt. Sie verwechseln zwar oft Buben und Mädchen, aber ansonsten herrscht überall Ruhe und Ordnung. "Solange kein Mädchen im Bikini erscheint", erklärt ein Pädagoge, "können wir nichts machen. Gegen lange Haare und etwas ausgefallene Kleidung ist nichts einzuwenden." 

Allerdings wurde überall die Erfahrung gemacht, daß die Mods in ihren Leistungen oft zu wünschen übrig lassen. Ein Oberstudiendirektor meinte: "Gute Schüler sind selten darunter. Ein anderer Schulleiter hat den Eindruck gewonnen, daß sich „diese jungen Leute gut organisieren lassen." "Und wenn", so folgert er, "dunkle Hintermänner im Spiel sind, werden sie gefährlich."

Dieser Augenblick scheint nun gekommen zu sein. Die Situation (Polizei: "Pubertätserscheinung"; Lehrer: "Ausgefallene Mode, die bald schon im Sande verlaufen wird") gleicht einem Pulverfaß. Wann der zündende Funke ausgelöst wird, ist nur eine Frage der Zeit. 

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