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18. März 1967: Wenn der Club im Stadion spielt

Bei Bundesliga-Wettkämpfen klingeln nicht nur die Kassen der Vereine im Rekord - 18.03.2017 07:00 Uhr

Länderspielkulisse bei einem Bundesligaspiel des „Club“: Über 60 000 Leute verfolgen nicht nur das Geschehen auf dem Rasen, sie geben auch viel Geld aus. © NN


Wen wundert es da schon groß, daß die Anhänger des runden Leders noch mehr als in den „guten“, alten Gau- und Regionalliga-Zeiten nach Nürnberg blicken. Spielen renommierte Vereine wie 1860 und Bayern München, Borussia Dortmund oder der Hamburger Sportverein im Stadion, kommen die Leute von Würzburg bis Passau, von Nördlingen, Eichstätt, Weißenburg bis Hof.

„Club“-Hauptkassier Adam Winkler weiß aus jahrelanger Erfahrung, daß in einer ausverkauften Arena rund die Hälfte der Besucher Auswärtige sind, denn auch die Gastmannschaften werden häufig von einem großen Anhang begleitet. Alle lassen Geld zurück, das aber beileibe nicht nur dem Altmeister zugute kommt.

Begehrte Souvenirs: Vereinswimpel und Biergläser mit Wappen. © NN


„Die Meinung ist weit verbreitet, daß alles Geld, das im Stadion ausgegeben wird, in die Kassen des 1. FCN fließt. An unsere Abgaben denkt kaum einmal jemand“, sagte er entschieden. Seine Rechnung lautet: 35 v. H. der Tageseinnahmen gehen weg, je 10 v. H. an Vergnügungssteuer und für Stadionmiete, 3 v H. für das Flutlicht, je 4 v. H. an den Deutschen Fußball-Bund und an Umsatzsteuer, 2 v. H. an den Bayerischen Fußball-Verband und 2,5 bis 3 v. H. an Kosten für den Ordnungsdienst. Dazu kommen die Ausgaben von 500 bis 1.000 DM für den Schiedsrichter. Da kann sich jeder selber ausrechnen, daß von 200.000 DM dem Verein höchstens 130.000 DM bleiben.

Dem hält Oberverwaltungsrat Eduard Biller von der Nürnberger Stadtkämmerei entgegen, daß die Stadt zwar die Steuern kassiert, aber auch einen jährlichen Schuldendienst von 825 000 DM für den Ausbau der großen Sportarena am Dutzendteich leistet. „Was wir dagegen einnehmen, ist nur ein verschwindend geringer Teilbetrag davon.“

Gerade deshalb kann sich die Stadt nur wünschen, daß der 1. FCN möglichst vor einem ausverkauften Haus spielt. Was nämlich die Fremden an „Nebenausgaben“ zurücklassen, steht nicht nur bei den Gaststätten und Geschäften zu Buche, sondern schlägt sich auch in der Umsatzsteuer günstig nieder.

Willkommene Stärkung in der Halbzeit: ein Sardinenbrötchen. © NN


Viele auswärtige Fußballanhänger sind längst von dem Leitsatz abgerückt: „Am Wochenende gehört Vati dem Fußball“, und machen ein Bundesligaspiel zu einem richtigen Familienfest. „Ich fahre oft schon am frühen Morgen nach Nürnberg. Vormittags gehe ich mit meiner Frau in den Tiergarten oder in die Stadt einkaufen. Während ich im Stadion bin, erholt sich meine bessere Ehehälfte in einem Café. Am Abend besuchen wir ein Theater oder Konzert.

Den Tag beschließen wir gemütlich bei einem oder zwei Glas Wein“, erzählt der 26jährige Kaufmann Werner Sch. aus Hof. Er versichert auch, daß er nicht so häufig nach Nürnberg käme, wenn sein „Lieblingsverein“ nur in der Regionalliga spielte. „Die Mannschaften der zweiten deutschen Spielklasse können wir uns auch zu Hause anschauen.“ So wie er denken viele.

Die Geschäftsleute wissen ein Liedchen davon zu singen: als der 1. FCN im Herbst vorigen Jahres seine „Talfahrt“ in der Bundesliga-Tabelle antrat, blieben viele Anhänger aus ganz Nordbayern einfach weg. Oft verlieren sich nicht einmal 20 000 Zuschauer in dem weiten Rund des Stadions.

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Max Merkel, der neue „Club“-Trainer, den man wegen seines oft rauhen Tones den „Preußen aus Wien“ nennt, hat es geschafft, daß das Interesse am Nürnberger Fußball wieder erwacht ist. „Die Leute haben mit dem Club schon so viel Freude gehabt. Jetzt müssen sie auch im Leid zu ihm halten“, sagte er. Sein Ruf bleibt bisher nicht ohne Echo.

Seit einigen Wochen rollt der Rubel wieder. 48.000 Zuschauer sehen den 1:0-Sieg des „Club“ gegen Hamburg. Am 4. März zeigt sich das Stadion sogar in Länderspielkulisse, als die Nürnberger „Profi-Kicker“ dem FC Bayern München mit 0:1 Toren unterliegen. 61.200 zahlende Gäste – Städte wie Aschaffenburg, Schweinfurt und Hof haben nicht einmal so viel Einwohner.

Mit dem Zug und der Straßenbahn, mit Autos und Omnibussen streben schon in den Mittagsstunden Tausende in Richtung Dutzendteich. Viele Gastwirtschaften verzeichnen Rekordbesuch. Als der Anstoß auf dem Rasen erfolgt, stehen nahezu 10.000 Kraftfahrzeuge auf dem weiten Gelände des Zeppelinfelds. Ist der Parkplatz bewacht, muß selbstverständlich bezahlt werden.

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Im Stadion wird noch die nötige Marschverpflegung für die 90 heißen Fußballminuten mitgenommen. Die Stände, die Bier, Limonade, Schnaps, Zigaretten, Würstchen, Sardinenbrötchen, Süßigkeiten und Souvenirs von der Vereinsfahne bis zum Bierglas und den Bildern der Stars anbieten, sind von dichten Menschentrauben umlagert.

Der Pächter des Clubhauses Zabo, Siegfried Grimm, dem der 1. FCN auch die Abwicklung dieser Geschäfte übertragen hat, schätzt, daß jeder Besucher durchschnittlich 18 bis 20 Mark ausgibt. Häufig ist der Eintritt noch gar nicht inbegriffen. Es läßt sich daher leicht die Rechnung aufmachen, daß 50.000 Besucher die runde Summe von einer Million DM umsetzen.

„Wir beziehen alles von hiesigen Betrieben. Jeder kann sich denken, was diese bei großen Spielen und dementsprechend guten Einnahmen an Steuern abführen müssen“, erklärt der „Club“-Wirt. Er gibt zu, daß auch die Firmen verdienen. „Wer arbeitet schon gerne ohne Gewinn?“

In Reih und Glied warten die Taxometer auf den Schlußpfiff. © NN


Letzten Endes kommt alles der heimischen Wirtschaft zugute. Die Autofahrer, vor allem, wenn sie einen weiten Heimweg vor sich haben, brauchen Benzin, die Taxis sind als Verkehrsmittel beliebt, weil sie direkt bis zum Stadion fahren dürfen, was den meisten anderen Autos verwehrt ist, und auch die Straßenbahnen haben Hochbetrieb. Die Meinung der Städtischen Verkehrsbetriebe, daß die zusätzliche Bereitstellung von Wagen und Bussen nicht unbedingt als Geschäft zu verbuchen sei, will man beim 1. FCN nicht recht teilen. „Die Wagen stünden doch sowieso nur in den Depots herum. Da ist es doch besser, wenn sie eingesetzt werden können.“

Berücksichtigt man all diese Faktoren, dann muß man zu dem Schluß kommen, daß es schon ein herber Verlust wäre, verlöre Franken seine einzige Bundesliga-Mannschaft. Nichts gegen Vereine wie Pforzheim, Villingen, Darmstadt und Wiesbaden, aber sie würden wahrscheinlich nur die Getreuesten unter den „Club“-Anhängern hinter dem Ofen hervorlocken. Die einheimische Wirtschaft bekäme das bald zu spüren. Und dann sollte man auch nicht vergessen, daß in Nürnberg und Fürth ein gutes Stück deutsche Fußballgeschichte geschrieben wurde. Niemand wird dem „Club“ bestreiten wollen, zum Ansehen der Stadt beigetragen zu haben, auch wenn sein Ruf in den letzten Jahren etwas gelitten hat... 

R. P.

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