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9. September 1968: Demonstration vor der Haftanstalt

Schwarze Fahne hinter dem bayerischen Staatswappen - 09.09.2018 08:25 Uhr

Die Demonstranten mit Fahnen und Transparenten auf der Fürther Straße. Minuten später schon werden sie von einem starken Polizeiaufgebot auf den Gehsteig verwiesen. Es kam zu keinen Zwischenfällen. © NN


Dies war der Höhepunkt einer groß angekündigten, aber nicht offiziell angemeldeten Demonstration, mit der die oppositionelle Jugend die Öffentlichkeit auf die nach ihrer Ansicht ungerechtfertigt lange Untersuchungshaft ihres Freundes Hans Peter E. aufmerksam machen wollte. Zwei Minuten später fuhr ein Streifenwagen der Polizei vor. Ein Beamter stieg aus und sagte: „Wir haben Sinn für Humor, aber das geht nicht.“ Er nahm die eine Fahne, holte mit ihr die zweite herunter und drückte beide dem nächststehenden Demonstranten in die Hand.

Hans Peter E. sitzt seit dem 22. April wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften in U-Haft. Jetzt soll er auf seinen Geisteszustand untersucht werden. Obwohl für das Delikt keine allzu hohe Strafe zu erwarten ist, wurden Haftbeschwerden von E.s Verteidiger bisher abgelehnt. Mit der Demonstration wollte der Republikanische Club die Freilassung nachdrücklich fordern. Allerdings kamen statt der erwarteten 200 bis 300 Freunde nur 20 bis 30. Die „Rockers“ und andere „Hilfsgruppen“, die ihr Erscheinen fest zugesagt hatten, blieben aus.

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Vielleicht, weil sie das Fußballspiel im Stadion mehr interessierte, vielleicht auch, weil die Landpolizei – so hörte man zur Entschuldigung – einen „Rocker-Boß“ in Heroldsberg am Vormittag zur Verbüßung einer Strafe von 14 Tagen wegen Hausfriedensbruches abgeholt hatte. „Da mögen seine Leute nicht“, erklärte ein Demonstrant.

Kurz nach 16 Uhr machten sich die 30 Unentwegten an der Maximilianstraße auf den Weg, voran Horst W. Blome im Auto, aus dem eine rote Fahne wehte. Der stadteinwärts fließende Verkehr war nur etwa eine Minute blockiert, denn eh man sich versah, waren acht Streifenwagen zur Stelle. 24 Autotüren sprangen auf. Die Polizei drängte die Gruppe auf den Gehsteig.

Alles blieb friedlich. Die Demonstranten feixten über das Aufgebot, das in keinem Verhältnis zu ihrer Zahl stand. Im Präsidium hatte man jedoch mit mindestens 200 Marschierern gerechnet und entsprechend vorgesorgt.

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Vor dem Untersuchungsgefängnis angekommen, herrschte ziemliche Ratlosigkeit. In gebührendem Abstand von der Mauer belauerten sich auf Distanz Ordnungshüter und Fahnenschwinger. Noch immer wartete man auf telefonisch angeforderte Verstärkung, doch außer zwei ulkig kostümierten Mopedfahrern mit hysterisch kreischenden Sozias traf niemand ein. An der nächsten Ecke machten fünf Mann sofort kehrt, als sie sahen, „daß des zu weng sin, daß mer wos machn ko.“ Ähnliches müssen fünf dem Jugendstrafrecht entwachsene Kiebitze gedacht haben, die nach kurzer Debatte wieder in ihr Auto stiegen.

Jürgen Kalek, profilierter Sprecher des Republikanischen Clubs, riet seinen Anhängern, sich irgendwo zusammenzusetzen und zu beraten, wie man die Sache „eskalieren“ könne, damit in der nächsten Woche 10.000 vor das U-Gefängnis ziehen. Dies geschah dann wohl auch. In der abziehenden Gruppe fiel ein Halbwüchsiger besonders auf, weil er eine Hundekette immer wieder durch die Luft sausen ließ.

Die Nürnberger Polizei beobachtete am Wochenende nicht nur die Demonstration vor dem U-Gefängnis genau. Sie überwachte auch das Volksfest und andere bekannte Treffpunkte von sogenannten Jugendbanden. Man wollte vermeiden, daß Bürger belästigt werden. Vielleicht ahnten dies die „Rockers“ und die „Blue Angels“ schon, denn es blieb auffallend ruhig. 

N. W.

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