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Awdijan: „Im Ring gibt es keinen Vater und keine Familie“

Alexander Awdijan war 2007 Box-Weltmeister und trainiert mittlerweile seinen Sohn, den jüngsten Profi Deutschlands - 15.12.2012 10:00 Uhr

Lächelnd beim Familienboxen: Alexander Awdijan (links) trainiert seinen Sohn Wanik. „Ich sage ihm immer: Im Ring gibt es keine Familie, keinen Vater“, erzählt der Vater im Interview. © Roland Fengler


Wanik, über der Tür hängt ein Bild von Muhammed Ali. Dein Vorbild?
Wanik Awdijan: Eines meiner großen Vorbilder, ja.

Welche Vorbilder gibt es noch?
Awdijan: Meinen Vater natürlich. Und ein paar andere Boxer: Sergio Martinez, Mike Tyson, die großen Namen.

Schaust du dir auch die alten Ali-Kämpfe an?
Awdijan: Eigentlich weniger, lieber die großen Kämpfe der letzten zehn Jahre. Diese Generation kämpft ganz anders.

Schneller, härter?
Awdijan: Aggressiver. Nicht mehr dieses brave Old-School-Boxen. Jetzt hauen sie sich die Köpfe ein — das ist geil.

Du boxt also auch aggressiver als dein Vater?
Awdijan: Auf jeden Fall.

Gibt es etwas, was du aus den Kämpfen im Fernsehen gelernt hast?
Awdijan: Klar, von Mike Tyson schaue ich mir die Bewegungen ab, von Ali ist es mehr die Beinarbeit. Und seine Arroganz.

Muhammad Ali war arrogant?
Awdijan: Ein bisschen gehört das dazu, ja. Ich würde es aber lieber entschlossen nennen: Ich gehe in den Kampf mit dem Wissen: Den zerstöre ich (boxt mit der Faust in die flache Hand) — du musst wie eine Wand sein!

Es gibt dieses Bild, das dich mit den Clubprofis Timo Gebhardt, Timothy Chandler und Marvin Plattenhardt zeigt. Hast du gegen die schon geboxt?
Awdijan: Nein, nein (lacht). Die trainieren hier, wir sind Kumpels, keine Trainingspartner. Für die ist Boxen zu anstrengend.

Wie bitte?
Awdijan: Ja, für mich wäre Fußballtraining auch zu anstrengend. Die Belastungen lassen sich nicht vergleichen — Boxen ist Ganzkörpertraining; Reflexe, Koordination, Beinarbeit. Fußball ist nur rennen, rennen, rennen — mehr ist das nicht.

Wissen die, dass du so denkst?
Awdijan: Na klar (lacht). Wenn die hier sind, spielen wir im Büro gegeneinander Fußball auf der Playstation. Oder wir gehen zum Feiern.

Tanzen, saufen, raufen?
Awdijan: Nein, Alkohol und Zigaretten gibt es nicht für mich. Nicht einmal aus irgendeinem Anlass.

Wie sehen das die Fußballer?

Awdijan: Na ja, die versuchen mich schon mal auf ein Bier zu überreden. Eigentlich immer. Aber ich bleibe hart. Und sie übertreiben es auch nie. Für mich ist die Selbstdisziplin wichtig. Zu sagen: Ich brauche das nicht.

Ist das manchmal schwer?
Awdijan: Nein, finde ich gar nicht.

Und wenn ein Schweinebraten mit Klößen auf dem Tisch steht?

Awdijan: Natürlich gibt es die Momente, in denen du wirklich alles essen könntest. Aber wenn du es schaffst, genau in diesem Moment stark zu bleiben, zeichnet das auch einen richtig guten Sportler aus.

Die Tür geht auf, hinein kommt Waniks Vater, Alexander Awdijan, GBU-Weltmeister im Super-Mittelgewicht 2007. Er trägt Stiefel mit Absätzen, ein dunkles Hemd. Er grüßt freundlich, setzt sich zu uns.

Herr Awdijan, Ihr Sohn sagt, er boxe viel aggressiver als sein Vater.
Alexander Awdijan: Das stimmt. Er hat einen sehr guten Stil. Es wird nicht schwer sein, ihn in einen hoch dotierten Vertrag zu bekommen.

Was macht Sie da so sicher?

Alexander Awdijan: Ich war früher der Schnellste. Er ist noch einen Tick schneller. Ich denke, wenn wir ihn weiter gut aufbauen, wird er in fünf Jahren Weltmeister sein.

Ist er besser als Sie?
Alexander Awdijan: Als ich mit 24 Jahren und vielen Kämpfen auf dem Buckel Profi wurde, war ich erst so weit, wie Wanik jetzt mit 17 Jahren und einem Profikampf ist. Er hat eine Ausnahmegenehmigung bekommen.

Also wird er noch viel besser werden als sein Vater je war?
Alexander Awdijan: Ich hoffe es sehr. Schon jetzt besiegt er alle Sparringspartner, egal wie groß, wie schwer. Es gibt in Nürnberg niemanden, der ihn schlägt.

Haben Sie schon einmal gegeneinander gekämpft?
Alexander Awdijan: Ja, kürzlich. Er ist sehr stark, ich musste sehr aufpassen. Er ist schneller als ich, er hatte ein paar Treffer mehr.

Wie ist das, gegen den eigenen Vater zu kämpfen. Schlägt man da wirklich voll zu?
Wanik Awdijan: Nein.
Alexander Awdijan: Versucht hast du es aber (lacht).
Wanik Awdijan: Nein, das ist natürlich etwas anderes, als gegen irgendwen zu boxen. Da habe ich sehr viel Respekt, ich kämpfe immerhin auch gegen einen Weltmeister.

Und Sie gegen den eigenen Sohn...
Alexander Awdijan: Er schlägt härter und schneller als die anderen, als ich. Und er weiß, wie er gegen mich boxen muss — er läuft viel, geht aus meiner Reichweite heraus, kommt rein, setzt ein paar Schläge, geht wieder. So kann ich ihn nicht treffen, das macht mich müde.

Haben Sie voll zugeschlagen?
Alexander Awdijan: Bei ihm musst du Power geben, du darfst nicht locker schlagen. Aber hundert Prozent habe ich nicht reingelegt — das darfst du nicht, sonst schlägt er mich k.o., wenn ich ihn nicht treffe.

Sie würden sich gegenseitig ausknocken?

Alexander Awdijan: Ich sage ihm immer: Im Ring gibt es keine Familie, keinen Vater. Wenn einer mit dir in den Ring steigt, musst du ihn einfach k.o. schlagen. Etwas anderes gibt es nicht.

Wanik, mit 17 Jahren wurdest du Profi. Da mussten sicher die Eltern etwas ...
Wanik Awdijan: Das hat alles er gemacht (zeigt auf seinen Vater).

War es schwierig, die Unterschrift Ihrer Frau dafür zu bekommen?
Alexander Awdijan: Das war kein Problem. Erst waren wir beide dagegen, weil er sehr sprachbegabt ist und auf dem Gymnasium gut war. Eines Tages hat er gesagt, dass er boxen will. Wir haben Angst gehabt, weil ich ihn immer schon vom Boxen weggezogen habe, das ging mit drei Jahren los: Als ich Joggen war, ist er mit den Inline Skates hinterhergefahren. Das fand ich gut, dadurch konnte auch er für seine Fitness etwas machen. Als ich aber Termine hatte und nicht da war, hat er heimlich Boxtraining gemacht.

Sie haben das nicht mitbekommen?
Alexander Awdijan: Doch, schon. Wir haben auch gesehen, dass er viel Bewegungstalent hat. Ich habe zu meiner Frau gesagt, wir müssen schauen, dass er von dem Boxen wegkommt. Wir haben ihm gesagt, dass das ein Idiotensport ist.

Warum?
Alexander Awdijan: Wir wollten, dass er studiert. Er hat hier alles, er muss nicht boxen. Aber er wollte mehr verdienen. Und er ist ja schließlich auch meine Rente... (lacht)

Wann kam das Umdenken?
Alexander Awdijan: Der Sohn eines Partners hatte einen Boxkampf, hatte sich aber verletzt. Wanik wollte für ihn einspringen. Dann haben wir gesagt: Gut, bevor wir die Veranstaltung abblasen müssen, lassen wir ihn kämpfen — vor 800 Zuschauern.

Du hast wenig später die Schule abgebrochen.
Wanik Awdijan: Ja, nach der Neunten. Ich habe meinen Quali gemacht, dann mit Boxen richtig angefangen und bin dann runter vom Pirckheimer Gymnasium. Früher war ich noch dicker...
Alexander Awdijan: Wir haben da Fotos, willst du die mal sehen?

Awidjan zieht einen Ordner heraus, blättert und zeigt breit grinsend auf ein Schwarzweiß-Foto: ein muskelbepackter Boxer steht jubelnd im Ring, neben ihm ein stolzer, pummeliger kleiner Junge.

Wanik Awdijan: Ei, ei, ei war ich dick.
Alexander Awdijan: Da wurde ich Deutscher Meister 2006. Wanik ist durch den Ring gerollt damals. (lacht)
Wanik Awdijan: Ich habe dann angefangen für mich zu trainieren, habe heimlich Sparring geboxt. Ich habe mir selbst in den Arsch getreten.

Haben wohl in der Schule alle gesagt, du seist zu dick?
Wanik Awdijan: Nein, gar nicht. Ich habe das für mich entschieden.

Warst du am Ring gesessen, wenn dein Vater gekämpft hat?
Wanik Awdijan: Ich habe alle seine Kämpfe gesehen, ja. Mein Opa hat mich mitgenommen, wir sind extra mit dem Zug nach Berlin gefahren.

War das nicht schlimm mitanzusehen, wenn der Vater verprügelt wird?
Wanik Awdijan: Als er verloren hat, das war hart. Da habe ich gebetet: Scheiße, scheiße, steh auf, steh auf... (er hält inne), das war traurig. Aber als ich gesehen habe, wie er damit klar kommt, bin auch ich damit klar gekommen.
Alexander Awdijan: Ich glaube, er hat auch daraus gelernt, dass man wieder aufstehen muss im Leben. Eine Niederlage ist nicht schlimm.

War das für Sie schlimm, vor Ihrem kleinen Sohn k.o. zu gehen?

Alexander Awdijan: Nein, es hat einfach bamm gemacht und ich war weg.

Wie war das, den Vater zu sehen mit blauem Auge oder Platzwunde?
Wanik Awdijan: Das sah manchmal eklig aus, war aber nicht schlimm.
Alexander Awdijan: Ich hatte kein geschwollenes Gesicht, weil ich sehr passiv boxte und groß bin. Da kamen nur wenige Schläge an. Es gab Kämpfe, in denen gab es keinen einzigen Treffer. Das wird bei Wanik anders, er ist ein aktiver Boxer, greift an, in ihm brennt ein Feuer.

Wanik, wie ist das, wenn die Familie am Ring steht?
Wanik Awdijan: Du blendest das alles aus. Du siehst den Gegner, du hörst den Trainer — mehr nicht.
Alexander Awdijan: Wenn du im Ring stehst, schaltest du ab. Du weisst, sie sind da. Aber du konzentrierst dich auf den Gegner, auf den Kampf, auf nichts anderes.

Gut gelaunt in Nürnberg: Wanik Awdijan gestern mit Uli Wegener. © Fengler


Hast du die Kämpfe deines Vaters auf dem Schulhof mal nachgeboxt?
Wanik Awdijan: Ich hatte noch nie eine Schlägerei. Ich mache mir auch keinen Stress bei irgendwas, ich habe keine Nervosität, bin nicht aufgeregt. Aber wenn es darauf ankommt, dann gebe ich alles.
Alexander Awdijan: Er ist ein Vorzeigesohn. Er kann hier nicht einmal einer Fliege etwas zu Leide tun — nur im Ring ist das anders.

Alexander nestelt an seiner Jacke, holt sein Handy und zeigt ein Video von seinem Sohn im Ring beim Schattenboxen.

Alexander Awdijan: Er ist so unglaublich schnell, seine Fäuste sieht man gar nicht richtig.
Wanik Awdijan: Ich habe schon als ich klein war im Ring die Bewegungen meines Vaters nachgeahmt beim Schattenboxen. Er hat mich dann korrigiert. So haben wir uns gemeinsam durch den Ring bewegt.

Gibt es etwas, was Du gern vom Vater hättest?
Wanik Awdijan: Die Größe. Das macht Gegner müde, immer nach oben boxen zu müssen. Ansonsten: nix.
Alexander Awdijan: (lacht) Er ist stolz auf seinen Vater. Das ist gut.

Don King, der große Boxpromoter aus den USA, wollte Alexander Awidjan mal unter Vertrag nehmen...
Alexander Awdijan: Er war zweimal hier bei uns im Studio und wollte mich überreden, für ihn zu boxen. 50000 Euro für die ersten drei Kämpfe, dann 200000 Euro pro Kampf, dann 400000 Euro. Aber ich habe lieber aufgehört aus gesundheitlichen Gründen.
Wanik Awdijan: Ich war noch klein damals, aber es war cool, Don King zu sehen. Ich kannte ihn ja nur aus dem Fernsehen. Aber ich habe nicht mit ihm gesprochen damals.

Gibt es noch Kontakte?
Alexander Awdijan: Ja, natürlich. Ich will Wanik bald in die USA schicken. Bei 20 ungeschlagenen Kämpfen bekommt er dort einen Millionenvertrag.

In den USA gibt es aber auch viele sprücheklopfende Boxer.
Wanik Awdijan: Die meisten reden, können aber auch schlagen. Sprücheklopfen gehört dazu, was willst du machen? Du musst da mitmachen.

Das heißt: Du trainierst schon das böse Gucken für das Wiegen vor dem Spiegel?
Wanik Awdijan: (lacht) Nein, auch Sprüche übt man nicht ein. Die kommen einfach.
Alexander Awdijan: Ich glaube, so etwas hängt vom Charakter ab. Wanik ist niemand, der böses Gucken im Spiegel üben würde. So was würde vielleicht sein Papa machen — aber der boxt ja jetzt nicht mehr.
  

Interview: CHRISTOPH BENESCH

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