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„Bei den Pfadfindern lernt man Eigenständigkeit und Verantwortung“

Zwei junge Frauen erklären, warum sie Pfadfinderinnen geblieben sind — Gemeinschaftsgefühl tut den Jugendlichen gut - 27.07.2016 17:05 Uhr

Die Pfadfinderinnen Lara Fritz (links) und Nomi Pourian sind beim Stamm Sigena Nürnberg aktiv. © Foto: privat/PR


Frau Fritz & Frau Pourian, warum sind Sie Pfadfinderinnen geworden?

Lara Fritz: Da gibt es viele Gründe. Zum Beispiel wegen des Gemeinschaftsgefühls oder der Verantwortung, die man bekommt. Weil einem vertraut wird, man viel in der Natur ist, junge Menschen dabei sind und es Spaß macht, mit ihnen gemeinsam etwas zu unternehmen.

Nomi Pourian: Ich bin mit sechs Jahren dazugekommen. Damals haben mir die Gruppenstunden  super gefallen. Und dass man in den Ferien wegfährt und ständig Neues erlebt. Auch habe ich gemerkt, dass die Art, wie man in der Gruppe miteinander umgeht, etwas sehr Besonderes ist. Das hat sich später verstärkt, als ich Pfadfinder(innen) aus ganz Bayern kennenlernte und realisiert habe, wie viele eigentlich dazugehören.

Suchen Jugendliche heute überhaupt noch nach Gemeinschaft?

Pourian: Ich denke, dass in einer Gesellschaft, in der die Gemeinschaft oft als weniger wichtig angesehen wird, gerade Jugendliche immer mehr nach Zugehörigkeit und einem Platz in einer Gruppe suchen. Man erlebt selten, dass es jemandem schwerfällt, sich einzugliedern.

Fritz: Ich suche die Gemeinschaft, weil sie mir guttut. Die meisten anderen Pfadfinder suchen auch danach und finden sie bei Lagern, wo man das Gemeinsame sehr genießt.

Was lernt man bei Pfadfindern, was man woanders nicht lernt?

Pourian: Das sind ganz klar Eigenständigkeit und Verantwortung. Man übernimmt früh die Leitung einer Gruppe. Das ist eine Aufgabe, an der man wächst.

Wie sieht es mit neuen Mitgliedern aus?

Fritz: Es muss aktiv geworben werden. Zwar bringen Wölfis (die Sechs- bis Elfjährigen) immer wieder Freunde mit, von denen einige bleiben. Viele wissen aber einfach nicht, dass es uns Pfadfinder überhaupt noch gibt. Wir hören immer mal wieder: Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich auch dabei gewesen.

Wie hoch ist der Mädchenanteil?

Fritz: Bei uns im Stamm ist der Anteil von Jungen und Mädchen recht ausgewogen. Das war aber früher nicht so.

Pourian: Grundsätzlich gibt es bei den Pfadfindern sehr viel mehr Jungs. Für mich persönlich ist die Faszination Pfadfinder ganz und gar nicht geschlechtsspezifisch. Ich kann mir aber vorstellen, dass für manche das Nicht-entsprechen-Müssen des typischen Mädchenklischees, das einem von der Gesellschaft auferlegt wird, eine Rolle spielt. Also auch als Mädchen mit verdreckten Klamotten durch den Wald zu rennen und nicht bei jedem Kratzer weinen.

Ist die Einteilung in Stämme, Sippen und Gilden nicht altmodisch?

Fritz: Nein, wegen mir können die Begriffe sehr gerne bleiben.

Pourian: Darüber, dass diese Begriffe auf Außenstehende altmodisch wirken könnten, habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Für uns sind das traditionelle Begriffe, die einfach nicht geändert werden. Neue Wörter würden sich irgendwie falsch anfühlen.

Tragt Ihr Eure Kluft gerne und findet Ihr sie zeitgemäß?

Fritz: Ich beschränke mich meist aufs Tragen des Halstuches. Die Kluft ziehe ich selten an, nur zu besonderen Anlässen. Das ist zwar von Stamm zu Stamm unterschiedlich, aber bei uns ist das Halstuch der wichtigste Teil unserer Tracht und das trage ich wirklich sehr gerne!

Pourian: Auf das Halstuch würde ich nicht verzichten wollen. Und ich würde mal behaupten, auch kein anderer Pfadfinder. Es ist unser Erkennungszeichen und es wird im Rahmen einer Versprechensfeier verliehen. Bei der verspricht man, sich an die Pfadfinder-Regeln zu halten. Einige tragen das Halstuch ganz klassisch, andere (so wie ich selbst) hängen Erinnerungsstücke daran und individualisieren es auf diese Weise.

Wie sieht es mit moderner Technik aus — wie GPS? Oder lernt Ihr „auf die alte Art“?

Pourian: Es ist eine Mischung aus beidem. In den Gruppenstunden wird manchmal  GPS eingesetzt, beispielsweise beim Geocaching. Allerdings ist es uns wichtig, dass jeder mit Karte und Kompass umgehen kann. Wenn wir auf Fahrt gehen, benutzen wir ganz altmodisch die gute alte Landkarte.

Gibt’s bei Euch ein Handy-Verbot?

Pourian: Ein striktes Verbot gibt es nicht. Die Handys werden bei Aktionen wie Lagern zwar benutzt, aber es wird darauf geachtet, dass es eher seltener zur Hand ist. Wer dauernd am Handy hängt, wird darauf hingewiesen. Auf Fahrten lassen die meisten ihr Handy daheim, ein Notfallhandy haben wir dabei.

Schlaft Ihr bei Euren Lagern in Hightech-Zelten?

Pourian: Wir schlafen in Zeltkonstruktionen aus Stoff und Holz. Der Vorteil ist, dass man darin Feuer machen kann. Das ginge in Plastikzelten nicht. Auch ist so ein Stoffzelt, das aus mehreren aneinandergeknüpften Planen besteht, vielseitig einsetzbar. Es kann im Wald um einen Baum herum aufgebaut oder zu riesigen Konstruktionen zusammengefügt werden.

Der Bund der Pfadfinder ist ja ein interkonfessioneller Verband — spielt Religion trotzdem eine Rolle?

Fritz: Ehrlich gesagt, weiß ich beim Großteil in meinem Stamm nicht, welcher Konfession sie angehören, es spielt keine große Rolle.

Sind Pfadfinder die „besseren Jugendlichen“?

Pourian: Ich finde, es ist nicht möglich, eine Person als besser zu betiteln als eine andere. Und eine subjektive Antwort darauf wäre natürlich sowieso nicht machbar. Aber im Laufe der Jahre nimmt man schon viel mit, was andere Jugendliche vielleicht so nicht lernen. Besonders im Hinblick auf das Zusammensein in einer Gruppe oder Verantwortung und Organisation.

Habt Ihr mit Vorurteilen zu kämpfen? Dass man Euch beispielsweise in die rechte Ecke stellt?

Fritz: Ja, haben wir, jedoch wurden Pfadfinder mir gegenüber noch nie in die „rechte Ecke“ gestellt. Wir haben eher mit dem Vorurteil zu kämpfen, „Tick, Trick & Track“-Pfadfinder zu sein.

Pourian: Ab und zu werden wir gefragt, ob wir etwas mit der Hitlerjugend zu tun haben. Ansonsten beziehen sich Vorteile gegenüber der Pfadfinderei eher darauf, dass wir vor allem Kekse verkaufen und alten Omas über die Straße helfen würden. Oder man meint, wir würden nur in der Natur herumschleichen und uns unser Essen selbst jagen.

Gilt das Prinzip „Jeden Tag eine gute Tat“ noch?

Fritz: Ja, das wird noch als Prinzip gesehen. Aber eher als Erinnerung daran, zu versuchen, Gutes zu tun, wo es einem möglich ist und so gut es einem möglich ist. Aber man kann es nicht jeden Tag umsetzen.

Pourian: Es geht doch eher darum, anderen zu helfen und einen Blick dafür zu entwickeln, ob jemand gerade Hilfe braucht.  

Interview: NINA DAEBEL E-Mail

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