Sonntag, 18.11.2018

|

Beinahe-Zirkus, "Führerbalkon" und Arbeitsamt

Das Anwesen Frauentorgraben 33 hatte viele Nutzungen - 08.11.2018 18:20 Uhr

„Neubau Circus Bavaria“ verkündete die Bautafel auf dem Grundstück Frauentorgraben 33 anno 1920. Geworden ist daraus allerdings nichts. © unbekannt (Stadtarchiv Nürnberg, C 20/V Nr. 15362)


Manchmal, so scheint es, hat die Geschichte einen ausgeprägten Sinn für Ironie. Ausgerechnet da, wo Adolf Hitler einst in stocksteifer Haltung die ebenso stocksteifen Paraden anlässlich der Reichsparteitage abnahm, sollte vormals ein Ort zum hemmungslosen Lachen und Staunen entstehen.

Anfang der 1920er Jahre war der Frauentorgraben, die südliche Prachtmeile um die historische Nürnberger Altstadt, schon ziemlich dicht bebaut. Ein großes Filetstück aber war noch zu vergeben: Westlich des Hotels Deutscher Hof klaffte bis zur Einmündung der Weidenkellerstraße ein große Baulücke. Genau richtig für den Kaufmann Häublein und den Artisten Wagner, die dort doch tatsächlich das Winterquartier ihres "Circus Bavaria" errichten wollten!

Stattdessen entstand dort die Zentrale der Siemens-Schuckert-Werke, hier auf einer Aufnahme von 1923. Den palastartigen Bau hatte der Architekt Hans Hertlein entworfen. © unbekannt (Sammlung Sebastian Gulden)


Architekt Hans Müller, der bereits eine Reihe von Prachtbauten am Frauentorgraben wie besagten Deutschen Hof (Nr. 29), das Haus mit dem Restaurant "Tiefer Keller" (Nr. 17) und das Gebäude des Christlichen Vereins junger Männer (Nr. 19) geplant hatte, schwebte ein monumentaler Pavillon vor, der – was nahe lag – die Form eines Zirkuszeltes besaß. 7000 Gäste sollten unter dem 14 Meter hohen Kuppel Platz finden. Es wäre das drittgrößte Zirkusgebäude im Deutschen Reich geworden.

Die Betonung liegt auf "wäre", denn das Projekt kam nie recht aus dem Quark, auch deshalb, weil die Direktion des benachbarten Verkehrsmuseums Bedenken anmeldete. Und so ging der Plan 1922 den Weg alles Irdischen.

Gut für die Siemens-Schuckert-Werke und ihren Vorstand Oskar Ritter von Petri, denn die waren gerade auf der Suche nach einem Grundstück für ihre Nürnberger Konzernzentrale. Hans Hertlein, der Haus- und Hofarchitekt des Unternehmens, entwarf sodann einen palastartigen Verwaltungsbau, der dem hehren Anspruch der Promenade mehr als genügen konnte.

Hitler ließ das Gebäude zu einem Hotel umbauen, das dem benachbarten Deutschen Hof angegliedert war. Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1937. © Erwin von Leistner (Sammlung Sebastian Gulden)


Die Formen des 1923 vollendeten "Siemenshauses", die an barocke Vorbilder aus Ober- und Unterfranken erinnern, lagen voll im Trend der Zeit.

Lange hatte die Pracht am Ring aber nicht Bestand: 1935 erwarb die NSDAP das Siemenshaus im Tausch gegen die Anwesen Richard-Wagner-Platz 1 und 5 (dort entstand bis 1940 das Sigmund-Schuckert-Haus als neue Konzernzentrale). Der Grund: Das "Standquartier des Führers", das Hotel Deutscher Hof, bedurfte einer Erweiterung. Und so baute Franz Ruff das Siemenshaus bis 1937 nach Hitlers Gusto radikal um.

An Stelle des prallen Neobarock trat jener magere Neoklassizismus, wie er für die Staatsbauten des Nationalsozialismus typisch ist. Seinen geistigen Vorbildern aus dem Zeitalter des Absolutismus nacheifernd ließ sich der Diktator einen monumentalen, mit Travertinplatten verkleideten Altan vor die Fassade zum Frauentorgraben setzen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand der Bau jahrelang als Ruine herum, hier auf einem Foto von 1951. © unbekannt (Sammlung Sebastian Gulden)


Nun musste er sich bei den Paraden nicht mehr, wie zuvor am Altbau des Deutschen Hofes, zum Winken und Salutieren aus dem Fenster lehnen, sondern konnte die Huldigungen seiner Entourage von der luftigen Höhe des sogenannten "Führerbalkons" entgegennehmen.

Im Zweiten Weltkrieg brannte der "neue" Deutsche Hof aus, die Ruine ging an den wiederbegründeten Freistaat Bayern über. Der 1954 abgeschlossene Wiederaufbau war wiederum radikaler als nötig, sicher auch deswegen, weil man jede Erinnerung an das "Standquartier des Führers" ausmerzen wollte. Den "Führerbalkon" ersetzte ein für die 1950er Jahre typisches Flugdach aus Spannbeton.

Wiederaufgebaut, aber auch im Jahr 2018 noch leer und verlassen: das Anwesen Frauentorgraben 33. © Sebastian Gulden


Als Sitz der Bundesanstalt für Arbeit und später als Arbeitsamt der Stadt Nürnberg entschwand die Erinnerung an die unrühmlichen Zeiten des Hauses nach und nach aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt, wenn auch nie vollständig.

Seit dem Auszug der Beamten 1992 steht der riesige Komplex leer und verlassen herum. Immer wieder geistern ehrgeizige Pläne von einer neuerlichen Nutzung als Bürohaus oder als Erweiterung des Verkehrsmuseums durch die Gazetten. Auch einen Architekturwettbewerb gab es schon. Passiert ist bislang nichts. Nun soll das Anwesen bis 2021 einem Hotelneubau (!) weichen – wieder so eine Ironie der Geschichte.

Bilderstrecke zum Thema

Damals und heute: So sehr hat sich Nürnberg verändert

Bomben, Industrieaufschwung und eine glorreiche Vergangenheit: Kaum eine Stadt in Deutschland hat eine so bewegte Geschichte wie Nürnberg. Eine Geschichte, die das Erscheinungsbild der Stadt stetig verändert hat. Wir versuchen ihn sichtbar zu machen.


Liebe NZ-Leser, haben Sie auch noch alte Fotos von Ansichten aus der Region? Dann schicken Sie sie uns bitte zu. Wir machen ein aktuelles Foto und erzählen die Geschichte dazu. Per Post: Nürnberger Zeitung, Marienstraße 9, 90402 Nürnberg; per E-Mail: nz-leseraktion@pressenetz.de.

Noch mehr Artikel des Projekts "Nürnberg – Stadtbild im Wandel" finden Sie im Internet unter www.nuernberg-und-so.de/thema/stadtbild-im-wandel oder www.facebook.com/nuernberg.stadtbildimwandel. 

Sebastian Gulden

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Nürnberg