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Da wo es eklig wird, ist sie zu Hause

Eva Scholl arbeitet seit 25 Jahren als Schädlingsbiologin - 16.10.2008

Eva Scholl untersucht eine Klebefalle auf Kugelkäfer. © Sabrina Gettinger


«Den Ekel habe selbst ich nie ganz überwunden, das werde ich auch nicht. An manchen Tagen ist es schlimmer, an anderen weniger. Das kommt immer auf meine Tagesform an«, erzählt die studierte Biologin. Auch heute braucht Scholl starke Nerven. Reiner Stahl (Name geändert) bat sie um Hilfe. Ein öffentliches Gebäude, das unter seiner Leitung steht, ist vom Kugelkäfer befallen. Nun fürchtet er um das Ausbleiben seiner Gäste, sollte bekannt werden, dass sich der «Gibbium psylloides« in dem alten Haus eingenistet hat.

Dutzende tote Käfer in den Ecken

Trotz einer durchschnittlichen Länge von nur einem Millimeter, ist der Anblick dutzender, meist schon toter Käfer, in den Zimmerecken nicht gerade schön. Im Trockenen überlebt der Winzling mit den elfgliedrigen Fühlern fast zwei Jahre, bei Feuchtigkeit vermehrt er sich explosionsartig. «Viele Leute schämen sich, weil sie denken der Befall würde an mangelnder Hygiene liegen«, schildert Scholl ihre Erfahrungen mit Kunden. «Meistens ist aber allein die hohe Feuchtigkeit im Haus Schuld, wenn Bewohner über Schädlinge klagen.«

Eine Falle als Rätsels Lösung

Mit Stahls Käferproblem beschäftigt sie sich seit einer Woche. Denn bevor sie einen Vernichtungsplan aufstellen kann, muss sie sich zuerst mit dem Fall und dem Haus auseinandersetzen. Bei ihrem ersten Besuch verteilt Scholl Klebefallen, um die Quelle des Übels bestimmen zu können. «Je nachdem, in welcher Richtung die Käfer in der Falle liegen, lässt sich darauf schließen, woher sie kommen«, sagt Scholl.

Sie versucht sich immer zuerst ein genaues Bild von der Situation zu machen. Dazu gehört eine eingehende Untersuchung des Hauses genauso, wie das intensive Gespräch mit dem Kunden. Dieser hat schon seit 2000 Probleme mit den Krabblern.

Trotz Vollbegasung Krabbler überall

Nach einer Vollbegasung kamen die Tierchen wieder. «Scheinbar sind nicht alle erwischt worden«, sagt er. Nun hofft Stahl auf die Hilfe der Expertin, der es im Gegensatz zum normalen Schädlingsbekämpfer nicht nur darauf ankommt zu töten, sondern langfristig vom Schädling zu befreien.

Mit Insekten wollte Scholl eigentlich nie wieder etwas zu tun haben, nachdem sie sich als studentische Hilfskraft im Institut der Zoologie an der Universität Bonn ihr Studium finanziert hatte. Aber dann wird sie durch Zufall von den amerikanischen Streitkräften auf Grund ihrer Qualifikationen und bisherigen Erfahrungen mit Insekten als Oberkammerjägerin ausgewählt. Ab diesem Zeitpunkt ist ihr Schicksal besiegelt. Seit 25 Jahren verdient sie jetzt schon mit Schädlingen ihr Geld.

Hunderte Kugelkäfer kleben fest

Mit großer Taschenlampe ausgerüstet inspiziert Scholl zusammen mit Stahl und einigen seiner Kollegen, die ihm unterstützend zur Seite stehen, die im Haus ausgelegten Klebefallen. Weil diese mit Tagesdatum versehen wurden, kann sie später einen genauen Bericht verfassen.

Über eine schmale Dachbodenleiter wagt sie sich ins oberste Geschoss des Hauses. Hunderte Kugelkäfer haben hier ihr Ende gefunden. Kein Wunder. Auf dem Dachboden herrscht eine besonders hohe Luftfeuchtigkeit.

Schlachtplan gegen das Ungeziefer

Scholl will nicht im Alleingang Stahls Kugelkäferproblem lösen. Sie bietet gerne «Hilfe zur Selbsthilfe« an und möchte, dass Stahl «später auch alleine klarkommen kann«. Am Küchentisch eröffnet sie den besorgten Herren ihren Schlachtplan gegen das Ungeziefer.

Mit sogenannten Silikagel, einem mineralischen Trockenmittel, will sie den Schädlingen den Garaus machen. In dünner Schicht über dem Boden verteilt, setzt es sich auf dem Panzer der Tierchen fest und führt zum Tod. Das Pulver ist für den Menschen auf Grund seiner rein pflanzlichen Zusammensetzung unschädlich. «Deswegen arbeite ich auch so gerne damit. Viele Gifte benutze ich nicht. Von 300 bekannten Schädlingsgiften benutze ich höchstens drei«, sagt Scholl.

Krabbeltiere ungewollt nach Hause bringen

Stahl ist sehr froh in der Schädlingsbiologin eine Expertin für sein Problem gefunden zu haben. «Für uns ist die ganze Sache hier höchst ärgerlich. Schließlich haben wir eine Verantwortung den Leuten gegenüber, die hier arbeiten oder ihre Freizeit verbringen. Wir wollen auf keinen Fall, dass die Leute sich von hier Kugelkäfer mit nach Hause bringen.«

Der Einsatz der Käferflüsterin ist erst dann zu Ende, wenn alle Fragen des Kunden beantwortet sind. Erschöpft, aber zufrieden macht sich Scholl auf den Heimweg. Dabei war es heute ein vergleichsweiser entspannter Auftrag. Sie hat schon ganz andere Sachen erlebt. «Frauen bringe ich häufig ein Entspannungsbad mit und rate ihnen erst einmal tief durchzuatmen. Viele sind bei Schädlingsbefall vollkommen mit den Nerven fertig. Manche begeben sich sogar in psychiatrische Behandlung. Für meine Kunden, bin ich manchmal die letzte Hoffnung.« Gerade deswegen kann sich Scholl keinen schöneren Beruf vorstellen.

Eva Scholl
Tel. (0911) 4331374
Website: www.evascholl.de
eMail: ephaS@t-online.de 

Sabrina Gettinger

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