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Das Haus, das einer schönen Kurve zum Opfer fiel

Bis 1967 schmückte den Stadtpark ein Denkmal gründerzeitlicher Pracht - 02.08.2017 13:26 Uhr

Geschäftiges Treiben vor der Maxfeldpost um 1903. Damals bestimmten noch Fußgänger und Straßenbahn das Bild. © Unbekannt


Kennen Sie das Ehepaar Baogen? Die Baogens waren Eigentümer eines Hauses in der chinesischen Millionenstadt Wenling. Sie weigerten sich standhaft, ihr geliebtes Heim dem Straßenbau zu opfern. So stand das Haus inmitten einer mehrspurigen Autostraße, bis es nach langen Verhandlungen Ende 2012 dann doch abgebrochen wurde.

Oft wünscht man sich, dass manch Nürnberger Hauseigentümer ebenso hartnäckig gewesen wäre, als die Verwaltung der vermeintlichen Heilsbotschaft von der "autogerechten Stadt" verfiel. Umstrittene Mammutprojekte wie der Frankenschnellweg (1967 bis 1972) oder der Wöhrder Talübergang (1968) sind Produkte einer Zeit, die vor allem vom Fahrersitz aus dachte.

Eine besonders unrühmliche Geschichte der Verkehrsplanung erzählt das Grundstück Am Stadtpark 2 in Maxfeld. Den älteren Semestern ist das Haus vielleicht noch ein Begriff, befand sich hier doch lange Jahre das Postamt des Stadtteils. Nebenan in der Filiale der traditionsreichen Konditorei Eisenbeiß gab’s Kaffee, Torten, Schokoküsse und hausgemachten Lebkuchen.

Wie aus dem Ei gepellt präsentierte sich der Neubau des Hauses Am Stadtpark 2 (damals noch „Am Maxfeld“) im Jahr 1892. © Ferdinand Schmidt


1882 diente das Grundstück noch als Halte- und Wendeplatz für Fiaker, die Besucher zur Bayerischen Landesausstellung auf dem Maxfeld (dem jetzigen Stadtpark) brachten. Nach dem Ende der Schau aber bereitete die Fläche den Stadtplanern nichts als Ärger: Sie ragte derart unglücklich in die geplante Obere Pirckheimerstraße (heute Teil der Pirckheimerstraße) hinein, dass jedes Fuhrwerk zunächst einen wahren Zickzack-Parcours hätte nehmen müssen, um in die Bayreuther Straße einzubiegen. Und dann wollte Apotheker Hans Lex, der den Grund von Bauunternehmer Georg Meier gekauft hatte, dort auch noch ein Haus hinstellen, das jede sinnvolle Verkehrsplanung vereitelt hätte.

Erst nach zähem Ringen trat Lex den störenden südlichen Zipfel des Anwesens ab. Die Restfläche verkaufte er an den Architekten Gottlob Friedrich Hildenbrand. Der errichtete dort von 1886 bis 1887 ein prächtiges Eckhaus, das den Beginn des großstädtischen Ausbaus der Pirckheimer- und der Bayreuther Straße einläutete.

Geschweifte Giebel mit Beschlagwerk, ein Erkerturm mit Welscher Haube und Laterne sowie ein Kasten-erker im Stil der Neorenaissance bereicherten Fassaden und Dach; hölzerne Zwerchhäuser mit Spitzhelmen verliehen dem Haus Lokalkolorit.

2017 brettern täglich Tausende Fahrzeuge um die nun weite Einmündung der Pirckheimerstraße. Ein Ärztezentrum ist an die Stelle der Maxfeldpost getreten. © Boris Leuthold


Den reichen Reliefschmuck der Fassaden – unter anderem Figurendarstellungen der Tugenden und Brustbilder bekannter Persönlichkeiten der Stadt – schuf der Bildhauer Hermann Schönau nach Entwürfen von Karl Hammer; bei der Planung der Dachlandschaft wurde Hildenbrand von dem bekannten Nürnberger Architekten Conradin Walther unterstützt, mit dem er sich allerdings wenige Jahre später wegen eines Urheberrechtsstreits überwarf.

Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Maxfeldpost nur geringe Schäden, und so wäre das Haus Am Stadtpark 2/Bayreuther Straße 33 heute ein strahlendes Denkmal gründerzeitlicher Prachtentfaltung, wenn, ja wenn es nicht buchstäblich unter die Räder gekommen wäre.

Damit Autos, Busse und Lastwagen nicht mehr in einer noch immer recht scharfen Kurve von der Bayreuther in die Pirckheimerstraße einbiegen mussten, riss man das Gebäude in zwei Etappen von 1967 bis 1968 weg. Der Treppenwitz der Geschichte ist heute unübersehbar, denn seit 2006 steht mit dem "Parcside Medical Center" ein hünenhafter Glaspalast auf dem Grundstück. Und das alles für eine schöne Kurve!

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Sebastian Gulden

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