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Eine Altherrenmannschaft feiert 100. Geburtstag

Der jüdische Sportverein TuS Bar Kochba hat nur noch wenig mit dem vielseitigen Klub zu tun, der er bei seiner Gründung war - 07.06.2013 13:00 Uhr

Ein jüdischer Verein ohne jüdische Sportler: Beim TuS Bar Kochba existiert nur noch eine Altherren-Mannschaft. © Eduard Weigert


Am Ende steht es 9:0 oder 10:0 für den Gegner, keiner weiß es so genau. Aber es ist auch nicht wichtig, schließlich war es nur ein Freundschaftsspiel. Und ersatzgeschwächt ist die Altherrenmannschaft von TuS Bar Kochba Nürnberg an diesem Tag auch: „Wir haben nur einen Torwart“, sagt der Vereinsvorsitzende Heinz Nossen. „Justus Wilberg, ein Zwei-Meter-Mann. Aber er leitet eine Musikschule in Weißenburg und muss oft zu Konzerten.“ Also muss auch beim Freundschaftskick in Reichelsdorf ein Feldspieler rein.

Der macht seine Sache nicht mal schlecht. Doch manchmal ist er einfach machtlos. Zu frei stehen die Reichelsdorfer häufig und können den Ball mühelos einschieben. Auch die Gäste kommen zu zahlreichen Chancen, doch sie schießen entweder vorbei oder treffen das Aluminium. „Uns fehlt auch ein wenig das Selbstvertrauen“, meint Nossen. „In den ersten fünf Ligaspielen der Saison haben wir gegen sämtliche Spitzenmannschaften gespielt. Deshalb haben wir erst einen Punkt.“

Das Angebot schrumpft

Pünktlich zum 100. Jubiläum hat TuS Bar Kochba Nürnberg den Aufstieg in die erste Altherren-Klasse im Raum Nürnberg/Fürth geschafft, von denen es nur noch zwei gibt. Früher waren es mal drei. Aber immer weniger Vereine in der Region haben noch eine Altherrenmannschaft.

Bei TuS Bar Kochba ist es andersherum. Der Verein, der in diesen Tagen seinen 100. Geburtstag feiert, hat nur noch eine Altherrenmannschaft. Zu besten Zeiten in den 70er und 80er Jahren hatte Bar Kochba eine dreistellige Zahl an Mitgliedern und ein junges Team, das zeitweise sogar ein ehemaliger Meistertrainer des 1. FC Nürnberg trainierte (siehe Interview unten). Früher bestand der Klub aus einer Fußball-, einer Tischtennis- und einer Schachabteilung.

Der Davidstern im Wappen: 1966 wurde der TuS wiedergegründet.


Obwohl sich der jüdische Verein, der 1913 gegründet, 1939 von den Nazis verboten und 1966 wiederbelebt wurde, auch immer mehr für Nichtjuden öffnete, sank die Mitgliederzahl, weil immer mehr seiner jüdischen Mitglieder auswanderten. Die Gebrüder Rosenfeld aus Fürth etwa gingen nach Israel – und so waren vier engagierte Mitglieder auf einen Schlag weg. So schrumpfte das sportliche Angebot des Vereins auf eine Fußball-Altherrentruppe zusammen. Heinz Nossen ist inzwischen das einzige verbliebene jüdische Mitglied. Immerhin gibt es die Hoffnung, dass durch neue jüdische Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion der Schachsport bei Bar Kochba wieder auflebt.

Das Alter der Spieler liegt zwischen Anfang 30 und jenseits der 60. Jeden Donnerstag treffen sie sich an der Steinplatte in Erlenstegen zum Training. Geselligkeit und Spaß werden groß geschrieben. „Bei Kochba ist man nicht nur wegen Fußball“, sagt Mannschaftskapitän Andreas Hofmann. „Ich kann hier meinem Hobby nachgehen und Leute treffen, die ich mag. Ich genieße es sehr, mit meinen Freunden keinen Termin ausmachen zu müssen, sondern sie jede Woche beim Fußball zu treffen. Und wir machen auch sonst viel gemeinsam, zum Beispiel gehen wir jedes Jahr auf die Bergkirchweih.“

Aber warum schließt man sich als Nichtjude überhaupt einem jüdischen Fußballverein an? „Da hat jeder seine persönliche Anekdote zu erzählen“, sagt Hofmann. „Ich habe früher bei einem anderen Verein in der ersten Mannschaft gespielt. Aber dann kam ein Bandscheibenvorfall dazwischen. Als ich mich erholt hatte, hat ein Kollege zu mir gesagt: Spiel doch mal bei Bar Kochba mit! Und es hat menschlich und sozial sofort gepasst.“

Am Freitag ehrt Oberbürgermeister Ulrich Maly den Verein im Rathaus zu seinem 100-jährigen Jubiläum. 

PHILIPP DEMLING

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