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"Es war einfach schrecklich"

Flüchtlingsberater kritisieren Ausweisungen nach Italien - 20.02.2017 19:36 Uhr

Erst sitzen sie nur still da. Doch als die Fragerunde einmal begonnen hat, wollen die drei Frauen gar nicht mehr aufhören zu erzählen — von der langen Flucht durch die Wüste, von der gefährlichen Fahrt über das Mittelmeer, vor allem aber von den Verhältnissen, denen sie in Italien ausgesetzt waren. Als sie das rettende Festland erreicht hatte, habe sie eigentlich geglaubt, sie wäre jetzt endlich in Sicherheit, sagt Hana Kessaya, 21. "Doch es war einfach nur schrecklich." Niemand habe sich dort um das Schicksal der Flüchtlinge gekümmert, erzählt die junge Äthiopierin.

"Wir mussten auf der Straße schlafen, konnten nirgendwo duschen, keiner half uns, als wir krank waren." Nur Vitaminpräparate seien verteilt worden, ergänzt Samrawit Asrat, 25, die sich während der Überfahrt am Kopf verletzt hatte. Eine weitere Betroffene berichtet Ähnliches.

Alle drei stammen sie aus Äthiopien, alle drei sind sie monatelang auf der Flucht gewesen. Eine Flucht, die in Italien hätte enden sollen, doch die Zustände dort trieben sie weiter nach Norden. Ayiska Davod weint, als sie von ihren Erlebnissen erzählt. Drei Kinder hat die 30-Jährige in Äthiopien bei Verwandten zurückgelassen. Ihr Mann sei verhaftet worden, weil er sich politisch engagiert hatte, da sei auch sie in Gefahr gewesen. Doch die ersehnte Sicherheit fand sie zunächst nicht. Davod erzählt von einer Vergewaltigung auf der Flucht nach Europa, von weiteren Übergriffen in Italien. "Wenn ich zurückmuss, bringe ich mich um."

Denn genau das droht den Frauen jetzt: Sie sollen nach Italien abgeschoben werden. Grundlage dafür ist das Dublin-Abkommen. Es legt fest, dass der Staat, in den ein Asylbewerber nachweislich zum ersten Mal eingereist ist, für das Asylverfahren zuständig ist. Davon mache das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge jetzt offenbar verstärkt Gebrauch, sagen Anne Maya und Elisabeth Schwemmer. Die Zahl der entsprechenden Bescheide habe seit Beginn des Jahres rasant zugenommen, so die beiden Beraterinnen.

Das bestätigen auch die offiziellen Zahlen der Nürnberger Behörde. Im vergangenen Jahr wurden demnach 916 Menschen nach Italien "rücküberstellt", so der Fachjargon. Im Januar dieses Jahres waren es schon 106, insgesamt habe Deutschland im ersten Monat des Jahres 2492 Übernahme-Ersuche an Italien gestellt. Schwemmer und Maya sind deshalb täglich mit der Verzweiflung der betroffenen Frauen konfrontiert, andere Beratungsstellen melden ähnliche Nachfragen von männlichen Flüchtlingen.

Immer wieder Engpässe

Constantin Hruschka, Leiter der Abteilung Protection der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, kann die Berichte über die unhaltbaren Zustände weitgehend bestätigen. Die Kapazitäten im Land reichten nicht aus, immer wieder komme es zu Engpässen in der Versorgung. Wenn überhaupt, dann bekämen die Menschen nur ein halbes Jahr lang staatliche Leistungen, "danach leben viele Flüchtlinge auf der Straße". Hruschka fordert mehr Unterstützung für Italien, um eine menschenwürdige Unterbringung zu gewährleisten.

Elisabeth Schwemmer geht noch einen Schritt weiter, sie fordert, dass Deutschland sich wenigstens im Fall besonders schutzwürdiger Personen für zuständig erklärt, weil Italien mit der Situation überfordert sei. Die Frauen seien allesamt schwer traumatisiert, sie in diese katastrophalen Verhältnisse zurückzuschicken, sei eine Verletzung der Menschenrechte. Das Dublin-System funktioniere nicht, es sorge dafür, dass Flüchtlinge in Europa "wie Stückgut" hin- und her geschoben werden. 

SILKE ROENNEFAHRT

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