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Helmpflicht für Radfahrer?

Viele Radler sind immer noch am liebsten "oben ohne" unterwegs - 28.04.2014 07:05 Uhr

Zwar greifen zunehmend mehr Radler zum Helm, die meisten fahren aber immer noch am liebsten "oben ohne".

Zwar greifen zunehmend mehr Radler zum Helm, die meisten fahren aber immer noch am liebsten "oben ohne". © Landratsamt Roth


Welche Kosten entstehen der Gesellschaft, würde die Politik eine Helmpflicht für Radfahrer beschließen?, fragt  Prof. Gernot Sieg, Verkehrswissenschaftler an der Universität Münster, in seiner Untersuchung. Darin bewertet Sieg beispielsweise den "Komfortverlust" beim Tragen eines Fahrradhelmes gegenüber frischem Fahrtwind im Strubbelhaar mit jährlich 171 Millionen Euro.

Sieg ist ein echter Zahlenfuchs: Er verknüpft Statistiken der Weltgesundheitsorganisation, die deutsche Unfallstatistik und den prozentualen Anteil der deutschen Radler mit Helm und rechnet Kosten für Verletzungen oder gar Menschenleben gegen Anschaffungskosten für Helme oder prognostizierte Umweltbelastungen durch höheren Autoverkehr gegen. Schließlich kommt der Wissenschaftler aus Münster zu dem Ergebnis, dass eine Helmpflicht völlig unwirtschaftlich wäre und der Gesellschaft eine jährliche Mehrbelastung von 276 Millionen Euro bescheren würde.

Befürworter des Kopfschutzes für Radler reagierten entsetzt auf die Botschaft des Artikels. Studien namhafter Unfallforscher hätten gezeigt, dass das Tragen eines Fahrradhelms das Risiko einer schweren Kopfverletzung um mindestens 50 Prozent verringern könne, heißt es beispielsweise bei der ZNS - Hannelore Kohl Stiftung mit Sitz in Bonn, die sich um Patienten mit Schädelhirnverletzungen kümmert. Mehr als 20.000 Radfahrer im Jahr erleiden nach Angaben der Stiftung bei Unfällen eine Gehirnverletzung. Schädelhirnverletzungen zu vermeiden sei jeden Aufwand wert und ließe sich nicht in Euro umrechnen.

Überhaupt nicht kontrollierbar

Der ADFC  weist Forderungen nach einer gesetzlichen  Helmpflicht seit Jahren als untauglich zurück: Eine Helmpflicht sei weder durchsetzbar noch kontrollierbar. Beim Fahrradfahrerclub ist man sich einig, dass durch eine Helmpflicht die  Fahrradnutzung drastisch sinken und der Autoverkehr zunehmen würde. Andere Kritiker befürchten, dass verunglückten Radfahrern ohne Helm künftig leichter ein Mitverschulden an Unfällen angelastet werden könnte.

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12 400 Fahrradfahrer verunglückten 2013 auf bayerischen Straßen, 62 kamen dabei ums Leben, 16 Prozent weniger als im Jahr davor.

Dass es durch eine Helmpflicht insgesamt weniger (schwere) Kopfverletzungen bei Radfahrern geben würde, ist einigermaßen unstrittig. Ebenfalls klar: Ein Helm verhindert keine Unfälle - und schützt den Radler nicht bei jeder Art von Sturz oder Unfall. "Wir empfehlen, beim Fahrradfahren einen Helm zu tragen", sagt Peter Hartmann, Hauptkommissar beim Polizeipräsidium Mittelfranken. "Auch bei geringen Geschwindigkeiten erleiden Radfahrer immer wieder schwere Kopfverletzungen. Vor allem ältere Menschen sind hier betroffen, weil sie nicht mehr so schnell reagieren." Die Kontrolle einer gesetzlichen Helmpflicht hält Hartmann für problematisch: "Verstöße mit Radfahrern sind oft schwer zu verfolgen. Kann ich den Radler nicht anhalten, ist er weg und ich habe keine Chance, seinen Verstoß zu ahnden."

Rasante E-Biker

Die Fahrradfahrer selbst erkennen den Nutzen von Fahrradhelmen mehrheitlich durchaus an: 53 Prozent der Fahrradfahrer halten das Tragen eines Helms für wichtig, ergab eine Befragung des Instituts für Demoskopie in Allensbach im Sommer 2013. Allerdings folgen der Einsicht nicht immer Taten: Gerade mal 19 Prozent der Radfahrer tragen immer oder fast immer einen Helm, weitere 10 Prozent immerhin gelegentlich. Den Großteil der Helmträger machen übrigens Eltern mit Kindern unter 10 Jahren aus.

Interessant wird die Diskussion um eine Helmpflicht auch durch die steigende Zahl der E-Bike-Fahrer, die mit deutlich höherer Geschwindigkeit als herkömmliche Radler unterwegs sind. Für schnelle Elektrofahrräder mit einem Elektromotor über 250 Watt, der sich bei einer Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometern nicht abschaltet, besteht generell eine Helm- und Versicherungspflicht.

Fahrer müssen sogar einen richtigen Schutzhelm tragen - ein normaler Fahrradhelm reicht nicht aus. Prüforganisationen behandeln E-Bikes, die bis 45 Stundenkilometer schnell sind, wie Kleinkrafträder. Nur bei Bikes mit einem Motor bis 250 Watt, der als Unterstützung bis 25 Stundenkilometer dient, handelt es sich noch um Fahrräder.

Wie gut schützt der Helm?

Die Bundesländer Baden-Württemberg und Thüringen haben aktuell eine Studie zur Helmpflicht für Radfahrer beauftragt: Sie soll vor allem klären, wie gut ein Helm vor (tödlichen) Kopfverletzungen schützt und ob eine Helmpflicht die Lust am Radeln schmälert. Verwertbare Ergebnisse werden allerdings erst nächstes Jahr erwartet.

Eine allgemeine Helmpflicht einführen könnte ohnehin nur der Bund. Doch nicht nur die deutschen Politiker schrecken vor einer gesetzlichen Regelung zurück. Auch unsere europäischen Nachbarn handhaben das Thema recht unterschiedlich: Während in Europa bislang nur Finnland, Malta und Spanien eine Helmpflicht über alle Altersgruppen hinweg eingeführt haben, gibt es etwa in Österreich, Tschechien und Schweden nur eine Helmpflicht für Kinder. Helmlos erwischen lassen sollte man sich in Spanien übrigens lieber nicht: Da ist man schnell 90 Euro Bußgeld los.

 

  

Kristina Banasch

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