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Lernen in historischen Mauern: Das Schulhaus in St. Johannis

Als Nürnberg im 19. Jahrhundert stark wuchs, bekam es schöne Schulhäuser - 12.09.2018 20:24 Uhr

Die Grundschule St. Johannis, heute immer noch mit klassizistischer Würde. © Sebastian Gulden


Die Sommerferien sind zu Ende. Für viele kleine Nürnberger beginnt ein neuer Lebensabschnitt: die Schulzeit. Viele freuen sich, manche fürchten sich, und einige der Älteren (und sicher auch ein paar Lehrerinnen und Lehrer) wünschen sich insgeheim, die Ferien hätten niemals aufgehört. Als kleiner Trost sei gesagt, dass Nürnberg eine ganze Reihe ausgesprochen schöner Schulhäuser besitzt und man sich als Schülerin oder Schüler, Lehrerin oder Lehrer mit Fug und Recht in dem Glauben wähnen darf, man lerne und lehre an einem Ort der Erhabenheit.

Vor rund 140 Jahren, als die Nürnberger Vororte ob der Bevölkerungsexplosion infolge der Industrialisierung geradezu aus allen Nähten platzten, benötigte man dringend größere Schulhäuser für die Scharen kleiner Bürgerinnen und Bürger. Neben den Schulbauten in der Gostenhofer Kernstraße (1882–1883), in der Bartholomäusstraße in den Gärten bei Wöhrd (1883, zerstört) und in der Sielstraße an der Bärenschanze (1891–1894) gehört die Grundschule St. Johannis zu den ersten "Palästen der Lernens" in der Stadt.

Natürlich hatte St. Johannis schon zuvor eine eigene Volksschule besessen: 1816, also noch vor der Eingemeindung nach Nürnberg erbaut, lag sie an der Ecke Johannis- und Frauenholzstraße. Für die Johanniser und das Nürnberger Hochbauamt erwies es sich als Glücksfall, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts mitten im Stadtteil eine große, landwirtschaftlich genutzte Freifläche klaffte: die Johannisfelder. Auf ihnen entstand 1881 und 1882 das neue Schulhaus. Von 1896 bis 1898 erweiterten es die städtischen Ingenieure Theodor Hergenröder und Emmanuel Schorr nach Westen.

Die Grundschule St. Johannis in einer Postkartenansicht von 1903. © Sebastian Gulden


Von der virtuosen Verspieltheit späterer Großschulhäuser wie jenen an der Uhland- und der Bismarckstraße ist die Grundschule St. Johannis Lichtjahre entfernt. Klassizistische Strenge und Symmetrie scheinen geradezu die Bildungs- und Erziehungsideale der Bauzeit widerzuspiegeln. Der Schulalltag war 1882 beileibe kein Zuckerschlecken, und viele fragwürdige Methoden sind heute – Gott sei Dank – Geschichte. Immerhin boten die großzügigen, hellen Flure und Klassenzimmer weit bessere Bedingungen zum Lernen als die alten engen Schulhäuser. Die Architektur zeigt auch, wie die aufstrebenden Industriestädte des 19. Jahrhunderts sich selbst und ihre Bürgerschaft mit Hilfe der Baukunst darstellten. Nicht umsonst erinnert die Johannisschule entfernt an die monumentalen Palazzi italienischer Kulturmetropolen.

Die Südfassade des Schulhauses mit dem großen Treppenhausfenster enthält die Nürnberger Stadtwappen als Reliefs. © Boris Leuthold


Auch Sandsteinreliefs der beiden Nürnberger Stadtwappen und Albrecht Dürers als ihres berühmtesten Sohnes durften nicht fehlen. Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Schulhaus nur leichte Schäden, denen allerdings die prächtigen Schweifgiebel mit den Uhren an der Traufe, wie sie auch das Schulhaus an der Sielstraße besitzt, zum Opfer fielen. Später lösten die üblichen Schwingfenster die alten Drehflügel-Sprossenfenster ab – sehr zum Nachteil der prächtigen Sandsteinfassaden, die heute geradezu durchlöchert wirken. Ein guter Beweis dafür, dass Fenster eine Gebäudefront maßgeblich mitgestalten – sie sind die "Augen" des Hauses.

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Seit September 2014 läuft die große NZ-Leseraktion "Mein Platz, meine Straße, meine Stadt", in der wir Orte zeigen, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte gravierend verändert haben.


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Unser Artikel entstand durch eine Kooperation mit dem Projekt "Stadtbild im Wandel".

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Sebastian Gulden

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