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Manchmal träumt der Rentner nachts vom Job

Herb Stumpf (66) stieg schon mit 56 aus — Heute schreibt er Bücher, Langeweile ist ihm kein Begriff - 08.09.2010 13:00 Uhr

„Alles in geruhsamem, moderaten Tempo“: Herb Stumpf vereinbart Arbeit und Entspannung. © Horst Linke


Herr Stumpf, Kinder langweilen sich manchmal fürchterlich. Kannten Sie das auch?

Herb Stumpf: Nein, ich erinnere mich nicht, das ist alles verschwommen, vieles verdrängt. Ich bin Jahrgang ’43, das war eine schwierige Zeit. Ob es da Langeweile gab? Keine Ahnung.

Sie sind schon mit 56 raus aus dem Job. War die Langeweile damals ein Angstgegner?

Stumpf: Da ich mit 35 eine Probephase in Sachen Ausstieg hinter mich gebracht hatte, war das kein Thema. Ich habe damals gekündigt und bin zwei Jahre mit Frau und VW-Bus durch die Welt gereist. Danach habe ich mein erstes Buch geschrieben und wieder gearbeitet. Langeweile ist ja eher eine Kreativpause, aber viele empfinden das im Ruhestand natürlich als Loch, in das man stürzen kann.

Warum sind Sie so früh in den Ruhestand gegangen?

Stumpf: Ich war Wirtschaftsingenieur bei einer großen Computerfirma. Plötzlich kam das Angebot einer Abfindung, ich musste mich binnen sechs Wochen für oder gegen ein völlig anderes Leben entscheiden. Damals gab es kein Übergangsmanagement, keine Ratgeber und keine Seminare, wie ich sie zum Beispiel heute anbiete. Ich habe mich auf die Rente gefreut, aber wie die meisten hatte ich keine Ahnung, wie das finanziell funktionieren könnte.

Und wie hat die Psyche reagiert?

Stumpf: Die ersten Jahre waren nicht so einfach. Ich hatte den Zeitpunkt des Ausstiegs zwar mitbestimmt, aber alles ging dann so schnell. Ich hatte mich im Beruf schließlich nie gelangweilt. Da gab es schon die eine oder andere depressive Phase, gleichzeitig scheiterte meine erste Ehe. Eine solche Zäsur übersteht man besser, wenn das soziale Umfeld intakt ist.

Ihren „Ausstieg mit Mitte 50“ haben Sie dann zum Buchtitel gemacht, es folgte der Band „Wenn das Wochenende 7 Tage hat“. Was sollten Jung-Rentner und -Rentnerinnen beachten?

Stumpf: Man muss das Entschleunigen lernen, vorher war ja alles getaktet und man staunt, was alles so nebenbei mitlief. Ich habe zum Beispiel immer viel gemalt und geschrieben. Plötzlich ist man Herr über die eigene Zeit, es ist Schluss mit morgens um sieben aufstehen und los geht’s.

Also endlich ausschlafen, gar nichts tun...

Stumpf: Schön, aber langfristig muss man seine eigene Struktur finden. Lieber jeden Tag um acht aufstehen, Zeitung lesen und dann vielleicht den Garten umgraben. Das klingt vielleicht lapidar, hilft aber. Außerdem muss man unter Menschen gehen. Damit meine ich nicht nur das Ehrenamt, auch ein Hobby hilft. Aber bitte ohne den Anspruch, damit Geld zu verdienen.

Sie selbst können es nicht ganz lassen. Bücher, Seminare, Coaching, ein Internet-Blog, sind Sie ruhelos?

Stumpf: Gar nicht, ich mache alles in geruhsamem, moderatem Tempo. Da habe ich vom Buddhismus viel gelernt. Jeder muss seinen Weg selbst finden. Das hilft auch bei Panikattacken, wenn ich mal morgens aufwache und mich frage: Was, um Himmels Willen, tue ich bloß den ganzen Tag? Dann mache ich mir sehr bewusst, dass ich jetzt alles tun könnte, was ich möchte, und dann geht es wieder weiter.

Sie beraten Menschen aus dem mittleren Management und Selbstständige beim Ausstieg aus dem Berufsleben. Was haben die denn für Sorgen?

Stumpf: Die größte Angst ist nicht die vor Langeweile, sondern davor, dass das Geld nicht reicht. Das kann man aber schnell versachlichen. Vergessen wir bitte nicht, dass der durchschnittliche Erbe heute 53 Jahre alt ist und dass jedes Jahr fast 200 Milliarden Euro in Deutschland vererbt werden.

Über die Rente mit 67 wird diskutiert. Da müssten Sie jetzt noch ein Jahr lang arbeiten...

Stumpf: Da bin ich absolut dagegen. Das wollen und das schaffen die wenigsten. Die Realität in großen Firmen ist sowieso anders, Vorstände müssen häufig mit 60 gehen, viele Topleute noch früher. Sicher ist es schade um all das Wissen, all die Erfahrung, die diese Leute haben. Aber das will leider kein Mensch mehr haben.

Ich darf Sie zitieren: Der Beruf ist wie eine Beziehung. Mit der Trennung ist es noch lange nicht zu Ende. Ihre eigene Erfahrung?

Stumpf: Wissen Sie, ich träume nach zehn Jahren noch von der Arbeit. Erst heute Nacht habe ich in meiner alten Firma angeklopft und gefragt, ob die mich noch brauchen. Und wirklich, die brauchten mich wieder. Manchmal fragt mich im Traum ein Chef nach dem Umsatz, und der war schlecht. Dann werde ich wach und atme auf: Das ist alles endgültig vorbei. 

Interview: CLAUDINE STAUBER Lokales Nürnberg

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