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Nach wilder Verfolgungsjagd: Raser vor Gericht

34-Jähriger saß zugedröhnt in gestohlenem BMW und rammte Polizeiautos - 10.01.2019 20:22 Uhr

Vollgas durch die Stadt: Vom Spittlertorgraben über den Plärrer und Nordring bis zum Klinikum und zurück bis zur Stadtgrenze Fürth. Ausgebremst wurde der Raser nahe der Gustav-Adolf-Straße. © Oliver Acker / www.digitale-luftbilder.de


Es sollte nur eine Routinekontrolle werden: Gegen 4.15 Uhr, am frühen Morgen des 25. Januar 2018, wollten zwei Streifenbeamte einen schwarzen 1er BMW unter die Lupe nehmen – Fahrer und Beifahrer waren den Polizisten beim Stopp an einer roten Ampel am Spittlertorgraben aufgefallen. Kreidebleich seien deren Gesichter gewesen, stark verschwitzt wirkten die Männer, stur starrten sie nach vorne. "Wir standen links neben ihnen an der Ampel, sie wollten uns partout nicht sehen", schildert einer der Polizisten im Zeugenstand vor der Schwurgerichtskammer den Vorgang. Ihr Gefühl trog die Beamten nicht: Stunden später wird ihnen der Beifahrer bei seiner Vernehmung berichten, dass sein Kumpel in Panik geriet. "Scheiße. Polizei. Die dürfen mich nicht anhalten, ich bin sonst dran!"

Kurz vorher, so hält es Staatsanwalt Stefan Rackelmann in der Anklage fest, hatte der Fahrer (34) den BMW entweder selbst in einem Autohaus in Baiersdorf gestohlen oder als Hehlerware gekauft. Doch damit nicht genug: Treffen die Vorwürfe zu, stieg der Angeklagte erst am Vorabend in den Keller eines Mietshauses ein, bog die Aluminiumtüren von drei Kellerabteilen auf (Sachschaden: 1356 Euro) und ließ ein Messerset, einen Radio, Werkzeuge und elektronische Geräte mitgehen.

Diebesbeute im Auto deponiert

Die Beute deponierte er in dem gestohlenen Auto - und wollte sich damit nicht erwischen lassen. Der Ankläger ist überzeugt: Der BMW-Fahrer gab Gas, um nicht identifiziert zu werden, und spricht deshalb von einem Mordversuch, um diese Straftaten zu verdecken.

Die Pressestelle des Oberlandesgerichts Nürnberg hat die Strecke, die der 34-Jährige auf seiner Flucht zurücklegte, auf einer Karte nachgezeichnet. © Ulrike Löw


Die Polizisten folgten dem BMW. Am Spittlertorgraben, Höhe Hochstraße, versuchten sie die erste Verkehrskontrolle. Tatsächlich hielt der Fahrer an - doch als sich die Beamten zu Fuß näherten, raste er in Richtung Plärrer davon. Die Beamten forderten Unterstützung an - und folgten dem BMW; bei einer Geschwindigkeit von bis zu 110 Stundenkilometern ignorierte der Fahrer zig rote Ampeln, an einer Kreuzung musste ein Taxerer massiv in die Eisen steigen, um abzubremsen.

Speed und Crystal-Meth konsumiert

Die Hatz ging durch Gostenhof, vorbei am Justizpalast, und an der Kreuzung Maximilianstraße auf den Nordwestring bis zum Nordklinikum, immer begleitet von Blaulicht und Martinshorn. "80 bis 100 Meter Abstand ist geboten", so der Polizist im Zeugenstand. Es hilft ja nichts, wenn der Streifenwagen andere Verkehrsteilnehmer gefährde, gar selbst in einen Unfall verwickelt werde.

Später wird ein Drogentest ergeben, dass der Fahrer Speed (in der Szene wegen der aufputschenden Wirkung "Schnelles" genannt) und Crystal-Meth konsumiert hatte - sein Verhalten wurde immer gefährlicher. Kurz nach dem Westfriedhof verließ er den Ring, sauste in einen Innenhof des Nordklinikums und saß quasi in der Falle: Ein Polizeiwagen folgte ihm in den Hof, zwei weitere Autos blockierten die Ausfahrt. Zwei der Beamten zogen ihre Waffen und näherten sich dem BMW. Sie forderten die Männer auf, auszusteigen.

Als "Geisterfahrer" unterwegs

Doch wie im Hollywood-Action-Film gab der Fahrer Gummi: Er raste durch die knappe Lücke, die sich zwischen den beiden blockierenden Streifenwagen an der Ausfahrt bot, und rammte einen Wagen - dass er dabei den im Auto sitzenden Polizisten hätte tödlich verletzen können, nahm der Fahrer in Kauf, so der Staatsanwalt. Gewaltsam versuchte der Fahrer, sich durch die Lücke zu zwängen, und als drei Polizisten aus ihren Autos stiegen, fuhr er auf eine Beamtin zu, bis sie aus dem Weg sprang. Um die Lücke zu verbreitern, rammte der BMW-Fahrer beide Streifenwagen - und raste, nun als "Geisterfahrer", über den Nordring zurück, über die Fürther Straße bis zur Höfener Spange. Am Sankt-Gallen-Ring kamen ihm schließlich auch Polizeifahrzeuge entgegen, dort gab er endlich auf.

Vor Gericht schweigt der Angeklagte (Verteidiger: Helmut Mörtl) bislang. Der Beifahrer erklärte, er habe "Todesangst" gehabt und wollte aus dem fahrenden Auto springen. Wieso er nicht einfach bei einem der Anhalteversuche der Polizei ausstieg, erklärt er nicht. Ohnehin ist seine Rolle seltsam vage: Die Richter müssen ihm jede einzelne Aussage aus der Nase ziehen, unklar bleibt, ob er versucht, seinen Freund, den Angeklagten, zu schützen - oder, so deutet es Anwalt Mörtl an, bei dem einen oder anderen Anklagevorwurf auch mit von der Partie war. Der Prozess geht weiter. 

Ulrike Löw E-Mail

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