Freitag, 15.02.2019

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Neue Mission: „Flüchtlinge brauchen Freunde“

Der bayerische CVJM-Generalsekretär Michael Götz im NZ-Gespräch - 04.09.2015 19:22 Uhr

Michael Götz (r.) im Gespräch mit NZ-Chefredakteur Raimund Kirch: Nach zehn Jahren im CVJM Nürnberg-Kornmarkt arbeitet er jetzt als Generalsekretär des CVJM in Bayern. © Foto: Roland Fengler


Vom leitenden Sekretär eines Ortsvereins zum Sekretär für ganz Bayern – ein Postenwechsel nach Maß für Michael Götz. Sein neues Büro, die Landesgeschäftsstelle in Nürnberg-Schweinau, liegt nur vier U-Bahnstationen vom alten entfernt: dem CVJM-Haus am Kornmarkt. Hier arbeitete er seit 2005. Und er ist ja ein Eigengewächs des Christlichen Vereins Junger Menschen. Als Neunjähriger trat er in seiner Heimatstadt Schweinfurt der Kindergruppe bei. Später stieg er in die Jugendarbeit ein und blieb, nach seinem evangelischen Theologiestudium, schon 1993 als Hauptamtlicher in Nürnberg hängen.

Am 1. September hat der 47-Jährige als Generalsekretär angefangen. Seine Kontakte und Themen bleiben erst einmal dieselben: Flüchtlinge beschäftigen den CVJM seit Monaten mehr als alles andere. „Händeringend“ setzen sich viele der 12 000 Mitglieder in Bayern für die Asylbewerber ein, erzählt Götz bei seinem NZ-Redaktionsbesuch. „Und ich sehe uns künftig noch stärker eingebunden bei der langfristigen Integration.“

Denn: „Flüchtlinge brauchen Freunde. Einheimische, die sie in den nächsten Jahren beheimaten, ihnen helfen, traumatische Dinge zu verarbeiten.“ Mit dieser Botschaft will Götz nun alle seine 110 bayerischen Ortsvereine besuchen und sie mit einer Kampagne motivieren. Die Nachbarschaftshilfe läuft, er weiß das, aber oft fehlt ein letzter Anstoß. „Es geht darum, seine Beziehungen zu öffnen“, sagt der Theologe. Dafür reichten schon einfache Gesten: jemanden zum Kaffee einzuladen oder zum Klassik Open Air, ihm zu ausrangierten Möbeln zu verhelfen. Der Glaube, davon ist er überzeugt, gibt die Kraft und Menschenliebe dazu.

Im Vereinsgebäude am Kornmarkt leben elf unbegleitete Flüchtlingsjungen in einer Wohngruppe, mitbetreut von der Rummelsberger Diakonie.
160 Zuwanderer nutzen das Haus für Deutschunterricht. Dabei entstehen Kontakte – und Spannungen. Michael Götz spielt daher nicht nur jede Woche Fußball mit vielen der jungen Männer. Er leitete sie auch zum Gespräch über ihre Religionen an. Von den Ergebnissen schwärmt er. Muslime, die die Weihnachtsgeschichte auf Arabisch hören wollen. Iranische Christen, die sich mit Syrern endlich über ihren versteckt gelebten Glauben austauschen dürfen. Ja, hier geschehe „Mission“, sofern man den Begriff als Dialog auffasse.

Dafür brauche es Fingerspitzengefühl, sagt Götz, gerade bei minderjährigen, allein Geflüchteten. „Die Religion ist oft der letzte Halt, den sie noch haben.“ Einige werden in der Fremde fromm. Andere wenden sich vom Islam ab, weil er sie an Schreckenszeiten in der Heimat erinnert.

Der CVJM ist der größte ökumenische Verband der Welt. In Deutschland ist die Organisation mehrheitlich protestantisch geführt, in etlichen Ländern katholisch, selten auch interreligiös. Neben der Sozialarbeit bleibt ihr Ziel seit der Gründung Mitte des 19. Jahrhunderts, junge Menschen im Alltag zum Austausch über den christlichen Glauben zu bewegen, ob durch Begegnungsreisen oder Bibelkreise.

Götz sieht die deutsche Asylpolitik kritisch. Einverstanden ist er mit dem Plan, Arbeitsuchende aus den Balkanstaaten getrennt zu prüfen und die Herkunftsländer als sicher zu erklären. „Um eine Visapflicht wird man nicht herumkommen.“ Kriegsflüchtlinge müssten Vorrang bekommen. Andererseits ist ihm der Ton bei einigen bayerischen Politikern in diesen Fragen zu kalt.

Auch die Wohnungsfrage rufe dringend nach Lösungen, „und zwar morgen, nicht in drei Jahren“. Die Erfahrung, die er und seine Kollegen machen, wenn sie für anerkannte Asylbewerber Unterkünfte in Nürnberg suchen, habe ihn erschüttert. „90 Prozent der Telefonate verlaufen gleich. ,Eine Familie aus Syrien? An die vermieten wir nicht!‘ Aufgelegt.“ Schon in wenigen Monaten, prophezeit er, „werden unendlich viele Wohnungen in den Ballungsgebieten fehlen“.

Michael Götz nennt sie bereits „Freunde“: die jungen Leute aus Kamerun, Irak oder Syrien, die er bei seiner Arbeit kennengelernt hat. Er trifft sie und ihre Familien längst privat, ist Pate ihrer Kinder geworden, lernt aus ihren Kulturen. Ein paar der Sprachschüler haben ihm seine Schreibtischunterlagen hinüber ins neue Büro geschafft, darauf haben sie bestanden. 

Isabel Lauer

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