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Nürnberger Original: Walter Birkner ist der FCN-Orgelspieler

Warum es sich lohnt, auf ein Happy End zu warten - 14.03.2016 06:00 Uhr

Auftritt vor 45 666 Menschen: Kurz vor Anpfiff des Frankenderbys spielte Walter Birkner die Hymne des 1. FCN im Grundig-Stadion.

Auftritt vor 45 666 Menschen: Kurz vor Anpfiff des Frankenderbys spielte Walter Birkner die Hymne des 1. FCN im Grundig-Stadion. © Foto: 1. FC Nürnberg


Nahezu die ganze Region kennt ihn nur als "den Drehorgelmann vor dem Stadion". Wer Walter Birkner wirklich ist:

Der 75-Jährige verdient sein Geld natürlich nicht schon immer ausschließlich mit seinem roten Holzkasten. Der gelernte Maurer und Stuckateur verbrachte mehr als sein halbes Leben auf dem Bau. Privat hatte Walter Birkner mit mehreren Schicksalsschlägen zu kämpfen: Seine erste Ehefrau starb während der Schwangerschaft. Einige Jahre später lernte er die zweite Frau kennen, mit der er sich den Traum einer kleinen Familie erfüllen wollte. "Wir waren 105 Tage verheiratet. Dann starb sie", sagt er. Ein weiteres Mal zu heiraten, war für den 75-Jährigen lange unvorstellbar. "Ich dachte, immer wenn ich eine Frau heirate, stirbt sie. Das hat sich so eingebrannt."

Wie aus ihm ein Drehorgelspieler wurde:

Ursprünglich war es nur ein Hobby. Er kaufte sich die Drehorgel, um damit zu Hause hin und wieder zu musizieren. "Dann sagte mein Kumpel, ich soll mich doch mal auf die Straße stellen, denn damit kann man Geld verdienen", sagt Walter Birkner, der sich damit heute die nicht unbedingt üppige Rente aufbessert. Der Kasten kann rund 600 Melodien und hat Birkner gut 28.000 Euro gekostet. "Davon kaufen sich andere ein Auto."

Mittlerweile ist Walter Birkner bei Heimspielen des Clubs eine feste Institution in der Karl-Steigelmann-Straße, zwischen Zeppelintribüne und Grundig-Stadion. Wenn er und sein Leierkasten einmal nicht da sind, dann fehlt den Club-Fans auf dem Weg ins Stadion zweifelsohne etwas. Glücklicherweise kommt das nicht oft vor: "Ich habe in den letzten 15 Jahren ganz wenige Heimspiele verpasst."

Warum es kein Zufall ist, dass Walter Birkner besonders gern vor dem Stadion steht:

Gefühlt jeder Zweite wirft im Vorbeigehen etwas Kleingeld in die Plastikbox, die auf seiner Drehorgel steht. Aber ums Geld geht es Walter Birkner bei der Standortwahl nicht. Seine Liebe, Nähe und Leidenschaft zum 1. FC Nürnberg geht viel, viel tiefer. Ihren Ursprung hat sie in seiner Kindheit. Denn die verbrachte er mit dem späteren Club-Kapitän Heinz Strehl. Die beiden verband eine Freundschaft, die weit über das Kinder- und Jugendalter hinaus Bestand hatte. Viele Jahre lang stand Birkner im Fan-Block und jubelte "seiner" Mannschaft zu. Heute kann er sich die Spiele nicht mehr live anschauen. "Ich spiele vor dem Stadion bis kurz vor Anpfiff. Bis ich dann meine Drehorgel zur Messe gefahren und untergestellt habe, ist ja beinahe Halbzeit." Walter Birkner setzt sich stattdessen ins Auto und verfolgt die Partien des Clubs über das Radio. "Ich feiere jedes Tor, auch wenn ich es nicht live sehe."

Warum er sich den Weg zur Messe beim 260. Frankenderby sparen konnte:

Für Walter Birkner war das letzte Derby nicht irgendein Heimspieltag, es war der erste Heimspieltag, an dem er mit seiner Drehorgel auf der Aschenbahn stand und vor (fast) 45.666 Fans „Die Legende“ spielte. "Aufgeregt? Ach Quatsch", sagte er davor. Aber stolz, stolz das war er natürlich. Walter Birkner schaute in die ihm vertraute Fan-Kurve, legte die Hand auf die Kurbel und begann zu drehen. "Die Legende lebt, wenn auch die Zeit vergeht", sangen die Fans.

Bei Wind und Wetter: Walter Birkner steht seit über 15 Jahren vor jedem Heimspiel des Clubs an seinem Stammplatz zwischen Zeppelintribüne und Stadion und spielt auf seiner Drehorgel typische Club-Lieder.

Bei Wind und Wetter: Walter Birkner steht seit über 15 Jahren vor jedem Heimspiel des Clubs an seinem Stammplatz zwischen Zeppelintribüne und Stadion und spielt auf seiner Drehorgel typische Club-Lieder. © Foto: Horst Linke




Wer in diesem Moment ganz besonders stolz war:

Sein Sohn, der im Fanblock der Nürnberger stand – eines von drei Kindern, die Walter Birkner mit seiner dritten Ehefrau hat. Viele Jahre nach dem Tod seiner zweiten Frau traute sich Birkner doch noch einmal zu heiraten. "Ich war schon etwas älter, als die Kinder kamen. Plötzlich war der Gedanke, was mit ihnen wäre, wenn mir etwas passiert, stärker als die Angst."

Und weil er nach so vielen Jahren zweifelsohne ein Experte ist: Was sagt Walter Birkner zu den Aufstiegschancen des Clubs?

"Ich glaube, dass der Club nächstes Jahr aufsteigt. Und das hoffe ich auch. Was nützt es denn, wenn er diese Saison aufsteigt und dann gleich wieder absteigt? Beim 1. FCN war in den letzten Jahren von oben bis unten der Wurm drin. Jetzt fangen sie an, sich wieder zu finden und auf den Fußball zu konzentrieren. Die sollen sich erst mal richtig einspielen und dann aufsteigen - und oben bleiben."

Kennen Sie ein Nürnberger Original, das wir unbedingt vorstellen sollten? Schicken Sie uns eine E-Mail an nn-lokales@pressenetz.de oder rufen Sie uns an unter Tel. 2 16-24 48.  

Stefanie Taube

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