Mittwoch, 16.01.2019

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Nürnberger Traditionsschlosserei wird ausgeräumt

Dornröschenschlaf zu Ende - Seit 2000 geschlossen - 09.06.2013 17:10 Uhr

Viele Ersatzteile lagern noch in den Werkzeugschränken (links). Großvater Otto Wittkopf hatte die Schlosserei 1904 gegründet und kunstvolle Gitter geschmiedet. An ihn erinnert das Firmenschild. © Herbert Liedel


Es ist eine Hinterhofwerkstatt, wie es früher unzählige in Nürn­berg gab. Die meisten sind jedoch schon längst verschwunden: Im Erdgeschoss der Betrieb, darüber Wohnungen — das führte häufig zu Ärger. Auch Otto Wittkopf, der in drit­ter Generation den Familienbe­trieb Adamstraße 42 geführt hat, berichtet von Beschwerden der Nachbarn, wenn einige der lauten Maschinen auf vollen Touren lie­fen. „Aber sie haben es geduldet, weil die Arbeit immer weniger wurde“, erinnert sich der Hand­werksmeister.

Schlossermeister Otto Wittkopf steht an seiner großen Schere, mit der er bis zu 4,5 Millimeter starke Bleche problemlos schneiden konnte. © Herbert Liedel


Großfirmen wie Siemens be­stellten einst bei ihm Einzel­anfertigungen aus Blech, meist den Innenausbau von Schalt­schränken. Andere Unternehmen erhielten Grundplatten und Hau­ben für Lochkarten-Sortierma­schinen, doch auch Absprungkäs­ten für Stabhochspringer fertigte der Nürnberger Schlosser an. Private Kundschaft fand zuletzt selten den Weg in die im Hinterhof hingeduckte Pro­duktionsstätte. Dagegen hatte sich noch Wittkopfs Großvater Otto, der Gründer des Betriebs, gerade mit fantasievollen Gelän­dern und Jugendstil-Torbögen bei Hausbesitzern einen Namen gemacht.

Sein Sohn Willi baute 1927 ein Motorrad als Meisterstück, um den Meisterbrief des Schlosser­handwerks zu bekommen. Sogar den Motor der „Owus“ (Otto Witt­kopf und Söhne) schraubte er selbst zusammen. Das Einzel­stück steht nun in der Sammlung des Centrums Industriekultur.

Begehrliche Blicke

Museums-Chef Matthias Mur­ko hat auch begehrliche Blicke auf den großen Maschinenpark der Werkstatt geworfen, die seit 13 Jahren geschlossen ist. Schwere Exzenterpressen mit bis zu 100 Tonnen Druck und riesige Metallscheren stehen gut ge­schmiert in den Räumen. Besitzer Otto Wittkopf wirft zur Probe eine große Maschine an, der Lärm ist beachtlich. Nein, mit Ohren­schützern hat er nicht gearbeitet, erzählt der 76-Jährige, der seit 1957 hier täglich an der Werk­bank stand. Gesundheitsschutz war damals noch kein Thema.

Jahrzehntelang hatte der Be­trieb drei Mitarbeiter beschäftigt. Zwei Wohnhäuser an der Adam­straße waren die Altersvorsorge für die Wittkopfs. Doch der 76-jährige Inhaber hat die Immo­bilien nun veräußert: Große finan­zielle Investitionen sind für die denkmalgeschützten Anwesen nötig, die er nicht mehr stemmen kann. „Seit ich die Häuser ver­kauft habe, schlafe ich wieder ruhiger“, sagt der Rentner zufrie­den. Allerdings wird nun die Werkstatt im Dornröschenschlaf aufgelöst, die besten Stücke sichert sich das Centrum Indus­triekultur. 

Hartmut Voigt

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