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Nürnberger Versicherung sperrt Hebammen aus

Geburtshelfer sehen ihren Berufsstand vor dem Aus - Folgen von Geburtsschäden werden immer teurer - 16.02.2014 12:14 Uhr

Eine Branche in der Krise: Gibt es ab dem 1. Juli keine Hebammen mehr? © dpa


Zum 1. Juli 2015 zieht sich die federführende Nürnberger Versicherung aus dem Geschäftsfeld der Berufshaftpflicht für Hebammen zurück. „Das bedeutet Berufsverbot für die freiberuflichen Hebammen“, erklärt Martina Klenk, die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes e.V. (DHV). Beim DHV sowie beim Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands (BfHD) herrscht Sorge, wer dann noch als Versicherer in Frage kommt. Verhandlungen mit alternativen Versicherungsunternehmen im In- und Ausland seien bislang ins Leere gelaufen.

Ruth Pinno, die erste Vorsitzende des BfHD, bei dem 1000 Hebammen organisiert sind, versteht die Haltung der Versicherungen nur bedingt: „Wir Hebammen arbeiten sicher und qualitätvoll und verursachen nicht mehr Schäden als Ärzte“, sagt Pinno. 94 Prozent aller außerklinisch begonnenen Geburten endeten in einer normalen Geburt. Diese Zahlen sprächen für sich. „Die Hebammen sind wirtschaftlich nicht mehr attraktiv für die Versicherungen“, sagt Pinno, denn sie weiß: „Es wird heutzutage geklagt, was das Zeug hält.“ Zugleich prophezeit sie: „Wir sind nur die Spitze des Eisbergs, die kleinste und schwächste Gruppe.“ Anderen Pflegeberufen werde es versicherungstechnisch bald ähnlich gehen.

Es gibt nicht mehr Geburtsschäden als früher

Die Zahlen belegen: Es gibt nicht mehr Geburtsschäden als früher, wie der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in einer Stellungnahme erläutert, auf die sich die Nürnberger Versicherung aktuell bezieht. Danach sind die Behandlung und Pflege nach schweren Komplikationen immer vielfältiger, andauernder und teurer. Schäden mit über 100.000 Euro Leistungsumfang machen laut GDV bei Hebammen mehr als 90 Prozent des gesamten Schadenvolumens aus. Und: „Von 2003 bis 2012 sind die Kosten für schwere Geburtsschäden um fast 80 Prozent gestiegen. Das bedeutet: Jedes Jahr verteuern sich schwere Geburtsschäden um fast sieben Prozent. Unterläuft bei einer Geburt ein Fehler und das Kind ist schwer geschädigt, leistet der Versicherer im Durchschnitt heute 2,6 Millionen Euro“, so der GDV.

Von der Haftpflichtproblematik sind in erster Linie Hebammen betroffen, die in Geburtshäusern und Praxen beziehungsweise als „Einzelkämpferinnen“ arbeiten. Sie müssen sich demnächst mit rund 5000 Euro im Jahr selbst versichern — unabhängig von der Anzahl der Geburten. Die in Kliniken angestellten Hebammen sind über die Krankenhäuser versichert, wie Ruth Pinno erläutert. Es gebe aber auch etliche private Kliniken, die Beleghebammen beschäftigen. Auch die müssten sich selbst ganz oder teilweise haftpflichtversichern, je nach Großzügigkeit der Kliniken.

Auch Österreich versichert Hebammen nicht mehr

Für Hebamme Micha Tabor aus Altdorf ist die Nachricht vom Rückzug der Nürnberger Versicherung ein Schock. Bereits Ende 2013 sei der Beitrag zur Haftpflichtversicherung um 20 Prozent gestiegen, was sie und ihre Kolleginnen dazu veranlasst, ihr Geburtshaus in Altdorf diesen Sommer zu schließen. Bei 30 bis 40 Geburten pro Jahr bleibe unterm Strich finanziell einfach zu wenig übrig. Vor einigen Jahren sei es für deutsche Hebammen noch möglich gewesen, sich in Österreich für rund 1600 Euro pro Jahr zu versichern. Doch dann sei auch das Nachbarland aus der Hebammenversicherung ausgestiegen.

Für die 42-jährige Hebamme, die über 1500 Kinder auf die Welt gebracht hat, bedeutet die dramatische Entwicklung vor allem eins: „Frauen verlieren die Wahlmöglichkeiten, wo und wie sie ihre Kinder zur Welt bringen.“ Tabor befürchtet, dass in wenigen Jahren Geburten nur noch in großen Kliniken stattfinden, quasi am Fließband und weitab vom Wohnort. „Wenn alles in ärztliche Hände übergeht, ist das nicht gut“, so Tabor. Außerdem befürchtet sie: „Das individuelle Zeitlassen bei der Geburt geht verloren.“ Wenn Hebammen nur noch für die Geburtsvorbereitung und die Nachsorge benötigt würden, falle eine wesentliche Funktion weg, eben beim Gebären zu helfen.

Angesichts der akuten Lage sind Hebammenverbände und Versicherer um eine gemeinsame politische Lösung mit den Fachministerien bemüht. Schließlich ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Hebammen im Koalitionsvertrag festgeschrieben. Diskutiert wird über angemessene Vergütungssätze. Auch sollen Prävention und Risikomanagement verstärkt werden, um Schäden möglichst zu vermeiden. 

Susanne Stemmler

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