-3°

Dienstag, 22.01.2019

|

Ordnung heißt, den Dingen einen Platz zu geben Tipps

Ade Papierstapel und Flaschensammlung: Wer einen aufgeräumten Arbeitsplatz haben will, braucht ein System — Ein Selbstversuch - 31.05.2015 21:05 Uhr

Ein ungewohnter Anblick für die Kollegen: Zweieinhalb Stunden exzessives Wegwerfen und Ablegen haben aus dem Chaos-Schreibtisch eine Tabula rasa gemacht. © Eduard Weigert


Mein Schreibtisch war Legende. Staunend hielten die Kollegen inne, wenn sie an ihm vorübergingen, einige kamen extra vorbei, um ihn zu sehen. Danach begegneten sie mir mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Mitleid und Fassungslosigkeit. Wie konnte ich in diesem babylonischen Gewirr nur überleben, und mehr noch, meine Arbeit verrichten?

Papier, Papier und nochmals Papier bildete die Grundlage meines Schreibtisch-Chaos, das nach dem Prinzip des Komposthaufens funktionierte. Alte Zeitungen, Pressemitteilungen längst verarbeiteter Geschichten, uralte To-do-Listen und vollgeschriebene Blöcke lagerten ganz unten, obenauf schwammen Zettel für aktuelle Termine. Dazwischen mischten sich, um dem ganzen etwas Farbe zu geben, Autogrammkarten von Stars, Schminktäschchen (schließlich bin ich Gesellschafts- und Lifestyle-Reporterin) und Tüten mit altem Brot, die vom Mittagssalat übrig geblieben waren. Abgegrenzt wurde der Mischmasch links von einem schiefen Schmierpapierturm von Pisa, der jeden Moment einzustürzen drohte, und rechts von einem Bataillon Pfandflaschen.

Konnte man diesem Chaos Herr werden? Die Kollegen schüttelten den Kopf. Sie sollten sich irren. Denn während draußen die Sonnenfinsternis den Himmel verdunkelte, traf mich der Lichtstrahl. In Gestalt von Ordnungshelferin Julia Poetsch trat er — bautz — ins Zimmer. Schon alleine vom Windstoß ihrer zackigen Türöffnung wehten die ersten Blätter vom Schreibtisch. Es sollten noch viele folgen.

 

„Wir schmeißen das jetzt weg!“

„Ordnung kann jeder“, ist das Credo der 33-Jährigen. Also sogar ich. Mit einer schnellen Blickdiagnose durchröntgt die Ordnungsfrau mein Chaos. Ich versuche mich vor die Pfandflaschen zu stellen und gleichzeitig von meiner Puddingschälchen-Sammlung abzulenken. „Das gehört eigentlich nicht zum Schreibtisch“, versuche ich aus der Nummer rauszukommen. Julia Poetsch ist da anderer Meinung. „Haben Sie Tüten?“, fragt sie mich. Ich habe. Gefühlt 80 Colaflaschen stecken wir in Windeseile dort hinein. Später werden sie gleich in der Kantine zurückgegeben. Ein halbes Jahr lang habe ich das nicht geschafft. Genauso wenig, wie die Puddingschälchen und die Tassen abzuwaschen. Peinlich, aber wahr. Nicht aufschieben sondern „jetzt!“, lautet Poetschs Zauberwörtchen. Brav trage ich das Geschirr zum Einweichen in die Teeküche.

Vorher: Das bisherige Ablagesystem wies einige Defizite auf ... © Eduard Weigert


Dann geht es ans Eingemachte. Mein Papier. Wir verfahren nach dem Prinzip „Kann das weg oder ist das Kunst?“. „Wenn man zögert, kann es eigentlich meistens weg“, weiß Poetsch aus Erfahrung. Ich zögere oft. Bei erstaunlich vielem ist aber auch völlig klar: sofort weg damit! Alte Zeitungen wandern massenhaft in die Tonne. „Die nicht!“ entfährt es mir bei einer Ausgabe. Ich hänge am lustigen Titelbild. Ausschneiden und an die Wand hängen, ist die Lösung. Der Rest kann weg. „Wenn man etwas sammelt, sollte man es auch sehen“, findet Poetsch.

Dann ergreift sie meinen schiefen Turm von Pisa. „Wir schmeißen das jetzt weg, Frau Röckl! So viel Schmierpapier braucht kein Mensch in seinem ganzen Leben!“ Mein Freund, der Baum, bäumt sich in mir auf. Papier wegzuwerfen ist doch Verschwendung. Vierhändig ringen wir um den Stapel. Dann einigen wir uns auf einen Kompromiss: Ich darf ein Viertel davon behalten. Mit einem Donnerschlag landet der Rest in der Tonne. Langsam lichtet sich mein Schreibtisch. „Es geht nicht darum, von heute auf morgen perfekt zu sein“ — Poetschs Satz beruhigt mich.

Dann führt sie etwas ein, das sich von meinen bisherigen oberflächlichen Aufräumversuchen grundlegend unterscheidet: ein System. Zunächst bilden wir Haufen auf dem Boden. Dabei gilt: Gleiches zu Gleichem. Die dreiteilige Ablage, die bei den Grabungen auf meinem Schreibtisch zutage kommt, wird die neue Basis für das Zeitalter der Ordnung bei mir. Oben lagern Ideen, Mails, Zettel für neue Geschichten, in die Mitte kommen unbeantwortete Leserbriefe, und ganz unten mein geliebtes Schmierpapier. Das Gute daran — Letzteres kann jetzt nicht mehr höher wachsen.

Zehn Wochen später . . .

Den Dingen einen Platz geben, das sei das Geheimnis, sagt Poetsch. Laut einer japanischen Expertin müsse man nur einmal im Leben aufräumen. Danach legt man die Dinge einfach nur dort hin, wo sie hingehören.

... was von der Flaschensammlung übrig blieb. Redakteurin Anette Röckl hat die letzte Fuhre Leergut zur sofortigen Abgabe eingetütet. © Eduard Weigert


Rund zweieinhalb Stunden heften, tackern, schlichten und wischen wir. Dann herrscht eine Übersicht auf meinem Schreibtisch wie nie zuvor. Ich bin stolz. Meine Kollegen finden es unheimlich. Einen Tag lang maximal, prognostizieren sie mir, könne ich diesen Status halten. „Wenn sie es nicht will, habe ich keine Chance“, sagt die Ordnungshelferin.

Zehn Wochen später kann ich es kaum fassen. Mein Schreibtisch sieht exakt so aus, wie direkt nach der Räumaktion. Nicht, weil ich jetzt ordentlicher bin, sondern weil ich jetzt weiß, wohin mit meinen Sachen. Nur kurz brachte ein hektischer Termin die Ordnung ins Wanken. Ich dämmte den Papierfluss schnell wieder ein. Meine Kollegen haben sich inzwischen daran gewöhnt. Aber ich weiß, dass sie heimlich meine Pfandflaschen beäugen. Sechs sind es inzwischen schon geworden. Die gebe ich ab. Und zwar sofort!

 

Tipps für einen aufgeräumten Schreibtisch

Wer jeden Abend aufräumt, muss am nächsten Tag nicht suchen

Die 33-jährige Nürnbergerin Julia Poetsch bietet seit Anfang des Jahres mit ihrem Dienst „Geliebte Ordnung“ an, dabei zu helfen, ein System ins alltägliche Chaos zu bringen — sei es auf dem Schreibtisch, im Kleiderschrank oder in der gesamten Wohnung. Alle Infos und Preise unter www.geliebte-ordnung.de — Hier ein paar ihrer Tipps für einen aufgeräumten Schreibtisch:

 

Tacker, Locher und Co. in einer Schublade verstauen. Werkzeug, das nicht mehr funktioniert, wegwerfen.

Stiftesammlung ausmisten

Nur drei, vier Lieblingsstifte aufheben, die wirklich gut schreiben.

Schmierpapier

Vor dem Drucken überlegen, ob jede Information in Papierform benötigt wird. Eventuell reicht auch ein kurzer Hinweis in Notizbuch oder Kalender.

Die Fünf-Minuten-Regel

Oft hat man fünf Minuten zwischendurch Zeit, die man nutzen kann, um Dinge auf dem Schreibtisch zu sortieren oder eine Aufgabe zu erledigen. Ein Anruf bei der Behörde? Dann gleich erledigen. Eine Aufgabe weniger auf der Liste!

Jeden Abend aufräumen

Am Ende jedes Arbeitstages den Schreibtisch aufräumen und eine To-do-Liste für den kommenden Tag schreiben. Alle offenen Unterlagen sollten dann in der Ablage verschwunden oder in Ordnern abgeheftet sein. So beginnt der Arbeitstag frisch und mit einem guten Gefühl! 

ANETTE RÖCKL

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Nürnberg