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Sonntag, 27.05.2018

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Pilates für Männer: Wo harte Jungs weich werden

Christian Teutscher lädt einmal pro Woche zu 55 Minuten Ganzkörpertraining - 04.02.2018 17:51 Uhr

Hoch das Bein! Dafür braucht‘s auch schon mal zwei Arme, bevor das Bein dann bewegt wird — und sich davor scheinbar nicht vorhandene Muskeln rühren. © Stefan Hippel


55 Minuten? Was für eine seltsame Dauer für einen Kurs. Warum nicht gleich sechzig Minuten, also eine Stunde, denke ich, als ich mich auf die schwarze Matte in dem Raum mit den verspiegelten Wänden setze. 55 Minuten später weiß ich: Keine Sekunde länger hätte ich durchgehalten.

Schlimmer noch: Ich sitze ausgerechnet so, dass ich einen Blick auf die kleine Uhr auf einem Beistelltisch werfen kann. Doch die scheint kaputt zu sein — und langsamer zu ticken. Nach 23 Minuten schmerzen etliche Muskeln. Und zwar an Stellen, wo ich gar nicht wusste, dass ich Muskeln habe.

Jetzt lerne ich auch diese Teile meines Körpers kennen — dank Pilates.

Und dank Christian Teutscher, der mich eine Stunde, pardon, 55 Minuten, mitnimmt in seinen Pilateskurs — nur für Männer. Den gibt’s seit vergangenen September. Wie er ankommt? Muss ich nicht fragen: Mit mir räkeln, beugen und strecken sich sechs echte Kerle im vierten Stock in der Ostermayr-Passage mitten in der Altstadt im Studio Performance Fit Pilates.

Sie heißen Uwe, Thomas oder Stefan und haben meist eines gemeinsam: Rückenprobleme. Um Sixpacks, weiß Christian Teutscher, geht es in seinem Kurs nicht. Vielmehr werden die tiefen Bauchmuskeln beansprucht — und so der Rücken gestärkt. Außerdem wird die Wirbelsäule bewegt, Arme, Beine oder Schultern trainiert. Was für Außenstehende dann ganz entspannt aussieht, treibt mir binnen kurzer Zeit die Schweißperlen ins Gesicht. Da genügt es schon, wenn ich, scheinbar relaxed liegend, mein Bein anheben und erst immer wieder meinen Fuß strecken muss, bevor ich das Bein im und dann entgegen dem Uhrzeigersinn kreisen lasse.

Klingt einfach? Gut, dann bitte hinlegen und machen. Denn irgendwann will das Bein nur noch runter. Christian nennt es "unsere Lieblingsübung". Der Ironie bin ich mir sofort bewusst, später folgen noch etliche "Lieblingsübungen". Woran man die erkennt? Am Schmerz. Und erst 23 Minuten . . .

Schmerz, Schweiß, Stimmung

Mehr als Schmerz und Schweiß überrascht mich allerdings die Stimmung. Die ist locker und lustig, trotz der zwischenzeitlichen Tortur, die auch harte Jungs weich werden lässt. Aber eben auch guttut und hilft!

Tatsächlich wird viel gelacht — und genau das haben sich Hannah und Christian Teutscher auch erhofft, als die beiden ehemaligen Balletttänzer des Staatstheaters sich für diesen speziellen Kurs entschieden haben. Der Kurs, erklärt Hannah, die das Pilates-Studio 2015 eröffnet hat, sei speziell auf Männer zugeschnitten.

Das heißt: Man(n) muss weniger flexibel sein als in manchem Frauenkurs, konzentriert wird sich stattdessen auf die Stärkung der Körpermitte und etwas mehr auf Kraft. Dabei geht es nicht um eine Vielzahl von Wiederholungen. Also machen wir Übungen wie Spine Stretch (geht: Kopf nach vorne, Hals-, Brust und Lendenwirbel machen mit, Rücken formt einen Bogen) bis Criss-Cross (superanstrengend: Kopf und Beine hoch, Letztere dann abwechselnd strecken) "lieber sauber — und weniger". Ein Glück.

Mitbringen müssen die anderen Männer und ich außer Sportklamotten nichts, nicht einmal Sportschuhe. Im Gegenteil: Wir müssen etwas vor der Tür lassen, Stress zum Beispiel, alltägliche Sorgen. "Es geht darum, sich einfach einmal 55 Minuten nur mit sich zu beschäftigen." Mind-Body-Connection heißt das neudeutsch.

Eine Stunde also nicht aufs Handy schauen? Schon das ist für mich eine Herausforderung. Oder auch nicht — irgendwann sind in dem Raum nur noch mein Körper, ich und die anderen Jungs. Wie Uwe Broeske, der vier Jahre in den USA gelebt und dort Pilates für sich und seinen Rücken entdeckt hat. Und nicht gedacht hätte, "dass man danach echt erschöpft ist".

Aber auf angenehme Weise, sagt Stefan Weber, von Anfang an dabei. Noch immer macht es ihm "unheimlich Spaß — der perfekte Ausgleich". Zum Beispiel zum Laufen, sagt Stefan und schnürt seine Joggingschuhe. Hut ab. Für Thomas Düthorn und mich haben die 55 Minuten gereicht. Thomas könnte auch bei seinem Arbeitgeber einen Pilateskurs machen, kommt aber hierher, weil man bei Balletttänzer Christian merkt, "dass er sich "super auskennt". Und: Die Männerrunde nimmt einem auch Hemmungen.

Dabei ist Pilates für Männer konzipiert — vom in Deutschland geborenen Joseph H. Pilates. Erdacht hat er das Training aber für das britische Militär. Das wundert mich nicht. Pilates hat es in sich. Aber ich komme wieder. 

Timo Schickler Lokalredaktion Nürnberg E-Mail

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