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Polyamore Menschen haben Beziehungen mit mehreren Partnern

Viele Freiheiten und viele Fallstricke - 12.02.2015 20:55 Uhr

Kann man ohne Heimlichkeiten mehr als eine Person gleichzeitig lieben?

Kann man ohne Heimlichkeiten mehr als eine Person gleichzeitig lieben? © Illustration: Constanze Behr


Es war ein Konzertbesuch, der Martina Goldmanns (Namen teilweise geändert) Leben vor zwei Jahren komplett auf den Kopf gestellt hat. Seitdem ist nichts mehr wie es war, Gewissheiten haben sich in Luft aufgelöst. An jenem Abend stellte man ihr Peter vor, verheiratet, Familienvater. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt die Ärztin, „bei beiden“. Auch Martina Goldmann ist verheiratet, der Super-Gau war eingetreten.

Zwei Monate brauchte sie, um sich einzugestehen, was passiert war. Und sie ging hart mit sich ins Gericht in dieser Zeit. „Ich dachte, das kann nur ein Symptom dafür sein, dass in meiner Ehe etwas nicht stimmt“, erinnert sie sich. Aber so sehr sie auch suchte: „An dem Gefühl für meinen Mann hatte sich nichts geändert.“ Als ihr klar war, dass sie sich zwischen diesen beiden Männern nicht entscheiden konnte, sprach sie mit ihrem Mann.

Die 40-Jährige ist eine attraktive Frau, schlank, mit langen dunklen Haaren. Seit jenem denkwürdigen Abend versucht sie, zwei Lieben unter einen Hut zu bekommen. Es ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang, und es hat einen Namen: Polyamorie. Der Begriff ist ein Kunstwort, ein Zwitter aus dem griechischen poly (mehrfach/viel) und dem lateinischen amor (Liebe). Wer polyamor lebt, hat Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen gleichzeitig. Und zwar mit dem Wissen und dem Einverständnis aller Beteiligten. Es geht nicht um schnellen Sex oder Affären, sondern um eine zweite oder gar auch dritte oder vierte ernsthafte Beziehung.

Martina Goldmann ist erst im vergangenen Jahr im Internet auf den Begriff gestoßen. Und dann auch auf den Nürnberger Polyamorie-Stammtisch, der sich jeden zweiten Donnerstag im Monat trifft – www.polynuernberg.wordpress.com Mal sind es fünf, mal 20 Teilnehmer, es sind Männer und Frauen, Ältere und Jüngere. Sie eint die Erfahrung, dass sie mehr als einen Menschen lieben oder es sich zumindest vorstellen können.

Eva Bußmann ist dabei, die einen Partner hat, mit dem sie zusammenlebt, und einen zweiten, den sie auch regelmäßig trifft. Eine selbstbewusste 29-Jährige, die von sich selbst sagt, keine Eifersuchtskrisen zu kennen.

Oder Henning Meumann. Der 47-Jährige ist mit seiner Weltsicht, dass „Liebe kein Besitz ist und ich deswegen keinem Partner vorschreiben kann, wen er noch lieben darf“, in bisherigen Beziehungen auf wenig Gegenliebe gestoßen. „Ich habe mich mit dieser Denkweise sehr allein gefühlt“, erzählt er – bis er das polyamore Lebensmodell entdeckte. Dabei geht es ihm keineswegs darum, selbst möglichst viele Freiheiten zu haben. Die Frau, mit der er seit Oktober zusammen ist, liebt neben ihm noch drei andere Männer.

Leben in Zweisamkeit, bis dass der Tod uns scheidet? Das halten Polyamoriker für eine überkommene Vorstellung. Sie kratzen an einem Tabu: Nämlich dass die Zweierbeziehung die einzig mögliche und wünschenswerte Form einer Liebe sein kann. Wieso, so die provokante Frage, soll man nicht auch zu dritt oder viert glücklich werden dürfen, wenn alle Beteiligten einverstanden sind? Monogamie wird nicht abgelehnt, aber die Überlegenheit des Zweierpakts angezweifelt. Scheidungsraten, Affären und Seitensprünge sind für die polyamore Bewegung zumindest ein starkes Indiz dafür, dass der Mensch nicht von Natur aus nur auf einen Partner fixiert ist. Vielmehr hätten ökonomische Gründe, zum Beispiel der männliche Alleinverdiener, oder religiöse Vorstellungen das monogame Modell lange gestützt. Für Menschen wie Martina Goldmann ist aber weder das eine noch das andere relevant.

Daten, wie viele Menschen polyamor leben, gibt es nicht. Auch nicht, ob es mehr werden. „Aber sie werden sichtbarer“, findet Bußmann. Christopher Gottwald, der für das polyamore Netzwerk PAN e.V. regelmäßig Treffen organisiert, registriert das ebenfalls. „Die Polytreffen des PAN e.V. waren vor drei Jahren erst nach drei Monaten ausgebucht“, sagt er. „Heute sind es kaum mehr als drei Tage.“ Auch Beratungen sind öfter gefragt.

Die Szene, die sich unter dem Überbegriff „einvernehmlich nicht monogam“ versammelt, ist bunt. Sie reicht vom Swinger-Pärchen oder dem erlaubten Seitensprung bis hin zu bisexuellen Freiheiten. Polyamor im engeren Sinn bedeutet aber: Beziehungen zu mehreren Menschen, die alle von Liebe, Vertrauen und Verbindlichkeit geprägt sind. Immer wieder ist von Ehrlichkeit und Offenheit gegenüber den Partnern die Rede. Und davon, dass Absprachen nötig sind. Wie oft darf ich andere treffen? Gibt es Tabuzonen, zum Beispiel die eigene Wohnung? Was will der (Haupt-)Partner wissen? Also reden, reden, reden. „Das kann schnell anstrengend werden“, gibt Eva Bußmann zu. Eifersucht, Verlustängste, Krisen und der Umgang damit sind bei Treffen ein großes Thema. „Viele schätzen es, sich so mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen“, sagt Bußmann. „Aber dazu braucht es auch eine gewisse Reife, Selbstbewusstsein und den Mut, Gefühle ehrlich zu kommunizieren.“

Daran kann man auch scheitern. Mancher, der sich neugierig aus der Komfortzone der Monogamie wagt, gerät aufs emotionale Glatteis. Dann bringen Ängste und Eifersucht alles zu Fall – auch jedes Freiheitsgefühl.

Martina Goldmann kundschaftet das Terrain gerade aus. Immerhin, ihr Ehemann ist nach der Liebes-Beichte geblieben. Er wolle sich „das alles mal angucken“, sagt Goldmann. Die Ärztin würde sich gern für ein Gespräch mit allen an einen Tisch setzen. Auch mit Peters Ehefrau, die zwar Bescheid weiß, aber nicht einverstanden ist. Kein polyamores Ideal also. „Ich würde ihr gerne sagen, dass ich keine Bedrohung für sie bin. Dass ich gar nicht möchte, dass sich Peter von ihr trennt.“ Eine anstrengende Zeit. „Es gibt ständig jemanden, der potenziell verletzt wird“, sagt Goldmann.

So viel wie in den letzten Monaten haben auch ihr Mann und sie lange nicht mehr miteinander geredet. „Er kann der Sache deshalb durchaus etwas abgewinnen. Auch wir besinnen uns wieder darauf, was wir aneinander haben“, sagt Goldmann. „Und das will ich nicht wegwerfen, bloß weil ich mich in einen anderen Mann verliebt habe.“ Ob aus der Gemengelage eine echte polyamore Liebe werden kann? Goldmann zuckt mit den Schultern. Sie weiß, dass am Ende auch ein Trümmerhaufen stehen kann. „Aber ein Zurück in die alten Beziehungen geht auch nicht mehr.“

Eva Bußmann, die so gelassen wirkt, wird demnächst ihren Lebenspartner heiraten. „Es passt zu unserem jetzigen Status“, sagt sie. „Nur haben wir nicht den Anspruch, dass es immer so bleiben muss.“ Zwei Partner sind ihr im Moment genug. Sie lacht. „Die Liebe ist nicht begrenzt, das Zeitkonto schon.“

Henning Meumann fühlt sich in der polyamoren Szene zum ersten Mal richtig verstanden. Er hält es gut aus, seine Freundin mit drei anderen Männern zu teilen. Und er braucht keine Szene zu fürchten, wenn er mit einer anderen Frau etwas unternimmt. „Im Moment muss ich keine weitere Beziehung haben“, sagt er. „Aber es ist ein schönes Gefühl, dass ich es dürfte.“ Seine Freundin hat allerdings schon einen Wunsch geäußert, sollte sich Meumann noch mal verlieben. „Sie hofft, dass es eine ist, die sich mit ihr gut versteht.“ 

CHRISTINE THURNER

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