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Rechte Hochburg Sündersbühl: Wo die BIA 11,7 Prozent bekam

Nirgends sonst solche hohen Werte erzielt — Diffuse Angst vor Fremden - 19.03.2014 18:00 Uhr

Im Wahlbezirk, zu dem die Bernadottestraße und die Söderblomstraße in Sündersbühl gehören, hat die Bürgerinitiative Ausländerstopp bei der Stadtratswahl die meisten Stimmen geholt.

Im Wahlbezirk, zu dem die Bernadottestraße und die Söderblomstraße in Sündersbühl gehören, hat die Bürgerinitiative Ausländerstopp bei der Stadtratswahl die meisten Stimmen geholt. © Eduard Weigert


Die Häuserzeilen der wbg reihen sich hier wie Dominosteine aneinander. Dazwischen sprießt gepflegtes Grün. An manchen Sträuchern hängen Ostereier. Gleich hinter den Wohnblocks tut sich der Westpark auf. Jungs-Cliquen sausen mit dem Rad vorbei. Dafür, dass die Rothenburger Straße, die Automeile Fuggerstraße und der Westring nicht weit weg sind, geht es hier überraschend ruhig zu.

Offenbar nur vordergründig. Denn der Wahlbezirk Söderblom-/Bernadottestraße in Sündersbühl ist der traurige Spitzenreiter in der Stadt: 11,7 Prozent der gut 900 Wahlberechtigten haben die Bürgerinitiative Ausländerstopp (BIA) gewählt. Nirgendwo sonst erzielte die rechtsradikale Truppe um NPD-Mann Ralf Ollert solche Werte.

Sündersbühl, eine Neonazi-Hochburg? Wer sich umhört, bekommt verschiedene Stimmungen mit. „Es gibt hier keine Probleme“ ist genauso zu hören wie: „Wir werden ein Ghetto.“

Hier würden Ausländer zwar nicht auf der Straße beschimpft, sagt ein Mann, selbst Migrant und seit 20 Jahren Bewohner der Siedlung. Doch unter der Oberfläche gedeihen offenbar rassistische Gedanken. „Es gibt hier immer noch alte Herrschaften, die schwarze Menschen als ,Neger‘ bezeichnen“, fährt der 54-Jährige fort. Seinen Namen will er lieber für sich behalten. Und als hätte es eines Beweises bedurft, wie verräterisch Sprache sein kann, antwortet ein Rentner auf die Frage, wie hier das Zusammenleben funktioniere: „Wir haben im Haus eine Misch-Ehe. Einen dunklen Mann und eine normale Frau.“

Die Kuckuckssiedlung

Früher nannte man die Siedlung hier Känguru-Siedlung, weil die Wohnungen unter anderem VAG-Schaffnern vorbehalten waren, die mit ihren großen Geldbeuteln um den Bauch Fahrkarten verkauften. Später sagte der Volksmund „Kuckuckssiedlung“. Gerichtsvollzieher gingen ein und aus. Heute heißt es „Russenviertel“.

Hans-Joachim H. (65) spricht aus, was, statistisch gesehen, fast jeder achte Wahlberechtigte hier denkt. „Wir haben zu viele Ausländer hier — auf Deutsch gesagt.“ Die hielten sich an keine Regeln. Seit fünf Jahren sei es extrem. Da sei die Stimmung gekippt.

Es werden hier viele Sprachen gesprochen. Das gefällt nicht jedem. Sogar der Migrant, der seit 20 Jahren hier lebt und seinen Namen nicht sagen will, wünscht sich mehr Integration. „Ich bin selber Ausländer. Man hat das auch von mir verlangt.“

Man bekommt hier viel zu hören: Gerüchte, dass man nachts gar nicht mehr auf die Straße brauche. Man hört von Vorurteilen und diffusen Ängsten — und wenig Konkretes.

wbg-Sprecher Dieter Barth tut sich dann auch schwer mit einer Erklärung, weshalb „Sündersbühl mit Abstand der größte Ausreißer ist“. „Ich kann es nur mit Erstaunen und Bestürzung zur Kenntnis nehmen. Ich habe keine Erklärung.“ Aus der Siedlung seien keine übermäßigen Beschwerden bekannt. „Es ist mir ein Rätsel.“

Die Bewohner der wbg-Siedlung sind im Schnitt 60 Jahre alt. „Es sind viele alleinlebende alte Leute, die Angst haben vor Fremden“, sagt Dirk Wessel, Dekan im Nürnberger Westen. „Diese Ängste haben aber keinen realen Hintergrund.“ Auch Peter Büttner vom zuständigen Bürgerverein glaubt, dass sich manche Ältere schlicht „bedrängt oder verdrängt“ fühlten. Außerdem hat er beobachtet, dass die Neonazi-Propaganda auch bei manchen Russlanddeutschen auf fruchtbaren Boden fällt. „Ich weiß wirklich nicht, was die Leute reitet.“

Nicht nur in Sündersbühl, auch im Wahlbezirk Burgundenstraße/Frankenstraße (Steinbühl), in Schweinau (Rottweiler Straße/Amberger Straße), St.Leonhard (Gernotstraße/Zollerstraße) und in Neuselsbrunn hat die BIA bei der Stadtratswahl zwischen neun und zehn Prozent der Stimmen geholt. Im ganzen Stadtgebiet lag sie bei 3,1 Prozent (2008: 3,3 Prozent).

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Sabine Stoll (Nürnberger Nachrichten)

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