Montag, 20.11. - 01:05 Uhr

|

Rudernd im Park

Selbstversuch im Luitpoldhain: Qigong unter freiem Himmel - 17.08.2015 19:06 Uhr

Ganz entspannt im Hier und Jetzt: Die Autorin (Mitte) beim lockeren Armschwingen inmitten ihrer Qigong-Mitstreiter(innen). Unter den Füßen trockenes Gras, im Blick das Rund des Luitpoldhains. „Wo ist denn euer Lächeln?“, fragt Übungsleiterin Anja Rupp nach einer Weile. © Horst Linke


Natürlich habe ich mich vorher eingelesen. Habe, durchaus skeptisch, vom freien Fließen der Lebensenergie Qi erfahren, die da befördert werden soll. Und natürlich ist mir mein erster und bis dato einziger Qigong-Versuch vor 15 Jahren eingefallen, als ich mit Freundinnen einen Kurs im Kloster Plankstetten fast durch haltlose Lachkrämpfe gesprengt hätte. Wir waren wohl zu unreif damals, um in diesen seltsam rudernden Bewegungen die verheißene Kraftquelle zu erkennen. Das Plankstettener Dinkelbier war uns am Ende lieber.

15 Jahre älter und — hoffentlich — reifer, rudere ich also wieder. Heute mit Blick auf das weite Rund des Nürnberger Luitpoldhains, der nach den Hitzewochen zur gelben Steppe mutiert ist. 19 Menschen, ältere Frauen in der Mehrzahl, haben die Einladung der Deutschen Qigong-Gesellschaft zum Gratis-Test angenommen. Manche ziehen die Sandalen aus, alle legen ihre Taschen auf einen Haufen, stellen sich vorschriftsmäßig hüftbreit im Halbkreis auf.

Arme auf die Wolke

Die Arme auf Wolken ablegen: Übungsleiterin Anja Rupp und ihr Kollege Robert Fritsche machen’s vor. © Horst Linke


Das trockene Gras sticht mir in die Fußsohlen. Es ist schwül, es braut sich etwas zusammen am Himmel. Wir sollen unsere Arme heben und bequem auf einer Wolke ablegen, erklärt Dozent Robert Fritsche, ein schmaler Mann im chinesischen Qigong-Anzug mit Knebelknöpfen. Das sagt sich so leicht. Ich finde keine Wolke, meine Arme werden beim dritten Mal schwer und auch der gewünschte weiche Blick auf die abendliche Szenerie will sich nicht einstellen.

Was wohl das Frisbee spielende Pärchen von uns denkt, das 50 Meter weiter herumtollt? Gott sei Dank sind wir zu viele, um uns schämen zu müssen für unsere Verrenkungen. Auf meinem rechten Fuß krabbelt eine Ameise, die lange Holzperlenkette fliegt in den Staub, weil sie bei der großen Welle, die wir mit beiden Armen formen, baumelnd stört. So direkt vom Schreibtisch weg tut einfach jede Bewegung gut, weitet sich der Brustkorb angenehm. Doch, irgendetwas fließt da, vielleicht.

Er habe Qigong anfangs für Blödsinn gehalten und rein gar nichts gespürt, hat mir der 48-jährige Übungsleiter vorher erzählt. Trotzdem ist er seit 15 Jahren dabei, lässt sich gerade nebenberuflich zum Lehrer ausbilden. Die Rückenschmerzen habe er jetzt besser im Griff, auch geistig könne er sehr gut herunterfahren. Im Bundesamt für Migration, wo er arbeitet, gibt er in der Mittagspause sogar Kurse. Die Kollegen kämen gern.

Nach einer Viertelstunde übernimmt Ko-Übungsleiterin Anja Rupp (32). Kurze Jeanshose, ärmelloses Shirt, auf ihrem linken Arm ranken sich farbige Blumen-Tattoos. „Wo ist denn euer Lächeln?“ fragt sie uns. Ich hebe brav die Mundwinkel und wundere mich über die vielen Motorradfahrer, die auf der fernen Münchener Straße ihre Maschinen aufheulen lassen. Hinter uns klappert eine Walkerin mit den Stöcken, ein Hund bellt pausenlos. Töle! Die Welt ist laut, dabei soll ich doch ausblenden, was nervt. Wenigstens bleibt mir ein Lachanfall von Plankstettener Ausmaßen erspart. Reifeprüfung bestanden.

Libellen kreisen um die Köpfe

Der quittengelbe Luitpoldhain ist unerwartet schön in der Gewitterstimmung. Wann schaut man sich schon einen Park eine Stunde lang so intensiv an? Hier gibt’s Libellen, die sich besonders für die beiden Dozenten interessieren, ihre Köpfe umschwirren, als wären’s prima Landeplätze. Seitschritt und die Wolken beiseite schieben. Dann die Wärme drei Fingerbreit unterm Nabel spüren, ruft Anja Rupp, die im Hauptberuf Zahnarzthelferin ist. Mal ehrlich, warm ist mir gerade überall, all das mehr oder weniger elegante Beugen und Drehen hat mir eingeheizt.

„Lucky, hierher“, ruft es von irgendwoher. Ein quicklebendiger Pudel und ein Golden Retriever patrouillieren durch die locker im Gras verteilte Gruppe, schnüffeln kurz an den im Hier und Jetzt Entspannten. Peng, ein scharfer Windstoß wirft das Qigong-Banner um, das am Wegrand stand. Jetzt ist mir klar, warum der kleine Altar mit dem dicken Buddha von einer elektrischen Kerze erleuchtet wird.

Qigong fördere die Durchblutung, es kribbele angenehm, man werde ruhiger. So schildert Anja Rupp später die Vorzüge der chinesischen Bewegungslehre. Und sie hat recht. Sie selbst habe vor neun Jahren einen Herzschrittmacher bekommen. „Danach wollte ich mir was Gutes tun“, sagt sie, „damit die Energie wieder fließt.“ Ihre Wahl fiel auf Qigong. Vielleicht, so hofft die 32-Jährige, werde sie das Gerät eines Tages wieder los.

Zum Schluss verordnet sie uns ein paar Minuten Klopftherapie. Von Kopf bis Fuß klopfen wir uns ab, dann werden Lippen, Augenbrauen, Kopf und Ohren massiert. Als die Stunde vorüber ist, stehen 19 Erwachsene im Luitpoldhain und haben knallrote Ohrwascheln. 

CLAUDINE STAUBER

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Name:

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Nürnberg