Freitag, 22.06.2018

|

zum Thema

Stadtspitze will Zeppelintribüne erhalten - Historiker dagegen

Experten plädieren für "kontrollierten Verfall" des Bauwerks - 05.01.2015 08:40 Uhr

Kulturreferentin Julia Lehner und Oberbürgermeister Ulrich Maly sprechen sich für den Erhalt der maroden Zeppelintribüne aus. © Daniel Karmann / dpa


Ebenso wie Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) setzt sich auch die Nürnberger Kulturreferentin Julia Lehner (CSU) für eine Erhaltung des NS-Bauwerks im Süden der Stadt ein.

"Das Zeppelinfeld ist ein Fragment, das Aufklärung liefert, wie ein totalitäres System funktioniert", sagte sie. Lehner widersprach damit Historikern und Architekten, die in den vergangenen Monaten wiederholt einen "kontrollierten Verfall" des NS-Bauwerks in die Diskussion gebracht hatten. Baureferent Daniel Ulrich versicherte, es gehe der Stadt keineswegs um eine "historische Rekonstruktion" der Zeppelintribüne, sondern darum, "den jetzigen Eindruck mit einfachen Mitteln zu erhalten".

Bilderstrecke zum Thema

Zeppelintribüne sorgt für Diskussionen: Millionengrab in Nürnberg

Die Zeppelintribüne auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände sorgt immer wieder für Diskussionen. Ihre Generalinstandsetzung wurde 2013 beschlossen. Bei einem Ortstermin Anfang 2014 informierten Vertreter der Stadt, Architekten und Ingenieurbüros für Statik und Natursteinfragen über die Arbeiten.


Die Nazi-Partei NSDAP hatte die dem Pergamon-Altar nachempfundene Zeppelintribüne wie andere Bauwerke auf dem Reichsparteitagsgelände in den 1930er Jahren errichten lassen. Sie veranstaltete dort von 1933 bis 1938 ihre jährlichen Reichsparteitage mit Massenaufmärschen und aufwendigen Inszenierungen. Inzwischen ist die 370 Meter lange Tribüne baufällig geworden. Die Sanierungskosten schätzt die Stadt auf 60 bis 75 Millionen Euro.

Die Debatte darüber ähnelt inzwischen den Diskussionen in den 1960er und 1970er, als es um einen angemessenen Umgang der Stadt mit dem Reichsparteitagsgelände ging - heute allerdings mit umgekehrten Vorzeichen.

Damals hatten Historiker der Stadtführung "Geschichtsvergessenheit" und "Verdrängung ihrer Nazi-Geschichte" vorgeworfen, weil sie etwa aus der früheren Nazi-Kongresshalle ein Einkaufszentrum machen wollte. Heute sieht die Kommune sich eher mit dem gegenteiligen Vorwurf konfrontiert: Mit ihren Plänen, die Zeppelintribüne mit Millionenaufwand zu sanieren, seien die Politiker einem "Erhaltungsfetischismus" verfallen, kritisierte jüngst der Nürnberger Kulturhistoriker Herrmann Glaser. 

Unterstützung bekam Glaser inzwischen von dem Jenaer Historiker Norbert Frei. In einem Beitrag für die Wochenzeitung "Die Zeit" schrieb der Professor für Neuere und Neueste Geschichte mit Blick auf die marode Zeppelintribüne: "Siebzig Jahre nach dem Ende des "Dritten Reichs" wäre es an der Zeit, einmal innezuhalten und sich zu fragen, wo man eigentlich hin will mit dieser infrastrukturell immer weiter perfektionierten, gedanklich jedoch zusehends leerlaufenden Erinnerungspolitik."

Mit der Idee des Nürnberger Architektenvereins "Baulust", die Zeppelintribüne hinter einer dicken Glaswand kontrolliert verfallen zu lassen, kann sich Frei dabei durchaus anfreunden. Der Architektenverein war bereits bei einer Diskussionsveranstaltung vor gut einem Jahr im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände damit auf große Zustimmung gestoßen. 

dpa, tok

26

26 Kommentare

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Nürnberg