Mittwoch, 12.12.2018

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Streik im öffentlichen Nahverkehr legte Nürnberg lahm

Kilometerlange Staus, volle Radwege, wütende Kunden - 24.06.2014 18:27 Uhr

Fahrgäste versuchten auf dem Bahnhofsplatz in Nürnberg ihre nächstmögliche Verbindung herauszufinden. © Peter Schulze-Zachau


Sie sollten alle 30 Minuten abfahren. Doch vor allem zu den Hauptverkehrszeiten klappte das nicht. Viele VAG-Kunden waren aufs Auto umgestiegen, und so staute sich der Verkehr in der Innenstadt massiv. Die Ersatzbusse hatten bis zu 50 Minuten Verspätung. Nicht alle Nürnberger haben für den Arbeitskampf Verständnis. Und es ist noch längst nicht vorbei: Am Donnerstag soll erneut gestreikt werden.

„Der Streik hat die VAG „hart getroffen“, sagt Sprecherin Elisabeth Seitzinger. Rund 1800 Mitarbeiter hat die VAG insgesamt, ein erheblicher Teil legte gestern die Arbeit nieder. 20 Linien mit jeweils zwei Bussen auf Basis des Nightliner-Netzes organisierte das Verkehrsunternehmen. Dabei handelte es sich um private Fahrer und Busunternehmen. Zusätzlich setzte man jeden ein, der sich trotz des Streikaufrufs zum Dienst meldete und konnte so weitere zehn Busse auf Tour schicken.

Mit diesem Notprogramm sollten wenigstens die Menschen befördert werden, die keine Alternative zum öffentlichen Nahverkehr haben. Doch bereits im morgendlichen Berufsverkehr kam es zu Verspätungen von bis zu 50 Minuten, die man nicht wieder aufholen konnte. Bei vielen Menschen lagen die Nerven daher blank. 1900 Anrufe gingen allein bis 14 Uhr beim Kundenservice ein. Normalerweise sind es um die 500 pro Tag.

"Es geht uns nicht darum, die Kunden zu bestrafen."

Derweil warben Gewerkschafter und Fahrer bei ihrer Demonstration vor der Lorenzkirche um Verständnis. „Es geht uns nicht darum, die Kunden zu bestrafen. Dass wir sie mit dem Streik treffen, dafür entschuldigen wir uns. Aber das ist unsere einzige Handhabe gegen die Arbeitgeber“, erklärte Axel Schad, der Bundesvorsitzende der Nahverkehrsgewerkschaft (NahVG), bei der Demonstration vor der Lorenzkirche. Schad betonte zudem, dass es den Mitarbeitern im öffentlichen Nahverkehr nicht in erster Linie um mehr Geld gehe. „Es sind vor allem die Arbeitsbedingungen, die verbessert werden müssen.“ Die seien nämlich katastrophal, berichtet ein Busfahrer, der seinen Namen nicht nennen möchte. „Seit über 30 Jahren mache ich diesen Job, und bis vor ein paar Jahren bin ich gern zur Arbeit gegangen. Aber das ist vorbei“, so der 53-Jährige. 2006 trat der Tarifvertrag Nahverkehrsbetriebe Bayern in Kraft. Seitdem hätten sich die Arbeitsbedingungen massiv verschlechtert. „Ich bete jeden Sonntag in der Kirche dafür, dass ich die nächste Woche überstehe.“

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Warten, warten, warten: Streik im ÖPNV legt Nürnberg lahm

Am Dienstag standen in Nürnberg Busse und Bahnen still. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und die Nahverkehrsgewerkschaft in der dbb Tarifunion hatten zu einem 24-stündigen Warnstreik in Nürnberg, Fürth und Erlangen aufgerufen. Für viele Schüler und Berufstätige waren lange Wartezeiten an der Tagesordnung. Immerhin fuhren vereinzelt Nightliner, so dass die Leute nicht ganz auf dem Trockenen saßen.


Der 53-Jährige klagt über immer längere Dienstzeiten. „Neulich war ich von 8 Uhr morgens bis halb neun Uhr abends unterwegs, und das bei der Hitze! Das ist doch nicht normal!“ Von den zwölf Stunden würden aber nur sechs bezahlt. Der Fahrer hatte an diesem Tag einen sogenannten geteilten Dienst. Morgens ein paar Stunden, nachmittags oder abends noch einmal ein paar Stunden. Die Pause dazwischen bekämen die Fahrer mit einer Pauschale bezahlt: drei Euro brutto. Für die Fahrt zu den Einsatzorten würden nur zehn Minuten berechnet. „Und das, obwohl man nach Thon auch mal 40 Minuten unterwegs ist.“ Der Fahrer ist sich sicher: Die zehn Jahre bis zur Rente schafft er nicht mehr.

Schwierige Dienstzeiten

VAG-Sprecherin Elisabeth Seitzinger räumt auf telefonische Nachfrage der NZ ein, dass geteilte Dienste gerade für Fahrer, die nicht in Nürnberg wohnen, schwierig seien. „Da kann man als Arbeitgeber aber nicht viel tun. Wir brauchen nun einmal mehr Busse in den Hauptverkehrszeiten am Morgen und am späten Nachmittag.“ Auch nach Schulschluss steige der Bedarf. Seitzinger betont jedoch auch, dass nur 15 Prozent der Dienste Pausen über 120 Minuten aufweisen. Dass eine Arbeitsverdichtung stattgefunden habe und die Standzeiten kürzer geworden seien, sei unbestritten. „Wir müssen nun einmal wirtschaftlicher werden. Wenn wir das Geld hätten, würden wir den Fahrern gern mehr geben.“

Mittlerweile haben sich an der Lorenzkirche zwei Kollegen des Busfahrers dazugesellt. Auch sie möchten anonym bleiben. Sie kritisieren, dass sie seit einigen Jahren die Fahrkarten der Kunden kontrollieren müssen. Gleichzeitig stünden sie unter immer höherem Zeitdruck. Das lasse sich nicht vereinbaren: „Wasch mir das Fell, aber mach mich nicht nass“, fasst ein Fahrer zusammen. Die Zeit reiche nicht aus, um alle Karten zu kontrollieren und gleichzeitig den Fahrplan einzuhalten. Wer losfahre, bevor er alle Fahrgäste kontrolliert hat, gefährde deren Sicherheit – vor allem, wenn es sich um ältere Menschen handelt. Viele Busfahrer kontrollieren deshalb nicht. Sie verweisen auch auf ihre eigene Sicherheit. „Fahrkartenkontrolleure sind immer zu zweit unterwegs, falls es zum Streit kommen sollte. Ist unser Leben weniger wert?“

Elisabeth Seitzinger betont, dass es viele Fahrer gibt, die hinter der Regelung stünden. „Es hat sich gezeigt, dass die Fahrer seitdem mehr Fahrkarten verkaufen. Und Arbeitnehmer sollten doch auch am wirtschaftlichen Erfolg ihres Unternehmens interessiert sein.“ Die Fahrer vor der Lorenzkirche sehen das anders: Es stimme schon, dass einige Kollegen gern Fahrkarten kontrollieren. „Ich denke aber, es geht dabei um Macht“, sagt ein Fahrer. Eine ältere Dame habe ihm erzählt, ein anderer Fahrer habe sie „ganz arg geschimpft“, weil sie ihre Karte nicht vorgezeigt habe. „So kann man doch die Kunden nicht behandeln!“

Der Artikel wurde am 24. Juni um 18.27 Uhr aktualisiert. 

Stephanie Siebert (Nürnberger Zeitung), wik

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