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Streiten, ohne Angst zu haben

Grünen-Politikerinnen zu Gast bei der Brücke-Köprü: - 03.11.2010 23:11 Uhr

Zu Gast in der „Brücke-Köprü“ waren gestern die Grünen-Politikerinnen Ekin Deligöz (ganz links) und Brigitte Wellhöfer. Nur durch Zufall am gleichen Tag, an dem der Integrationsgipfel im Kanzleramt stattfand.

Zu Gast in der „Brücke-Köprü“ waren gestern die Grünen-Politikerinnen Ekin Deligöz (ganz links) und Brigitte Wellhöfer. Nur durch Zufall am gleichen Tag, an dem der Integrationsgipfel im Kanzleramt stattfand. © Roland Fengler


„Nur wer selbst fest steht, kann andere stehen lassen“, erklärt Pfarrer Hans-Martin Gloël zur Begrüßung. Keine Vermischung der Religionen und Kulturen, sondern ein neugieriges Miteinander, auch mal im Konflikt, ist der Grundstein der Brücke-Köprü. „Bei Veranstaltungen wird deutsch gesprochen“, verdeutlicht Gloël, der selbst nach längeren Arbeitsphasen in Jerusalem und Beirut fließend Arabisch spricht.

Die Brücke-Köprü hat ein prall gefülltes Programm, besonders die „Speisereise“ ist ein voller Erfolg. Hier wird anhand des jeweiligen Festkalenders zusammen gekocht, die „einladende“ Religion stellt ihre Traditionen und Lieder vor und die passenden kulinarischen Bräuche. „Inzwischen gibt es allein in Bayern fünf weitere Speisereisen-Projekte – wir lassen gerne nachmachen!“

Dabei ist das Zentrum auf beiden Seiten nicht unumstritten, vereinzelt traten Christen deswegen aus der Kirche aus und Muslime fragen auch nach, was dieser Dialog soll. Besonders, weil vor allem Frauen gerne kommen und die Angebote wahrnehmen.

Ekin Deligöz hakt nach, was denn die Ehemänner der anwesenden Frauen zu ihren Besuchen in der protestantischen Einrichtung sagen. „Im Irak, wo ich herkomme, kennen wir auch Christen, das waren unsere Nachbarn“, erzählt eine Frau. Eine andere berichtet von der Kritik aus ihrer türkischen Gemeinde, dass sie als Nicht-Theologin das Bild des Islam vertreten würde, ohne dazu befugt zu sein. Doch langsam kommen auch die muslimischen Männer, vor allem zu den Familienangeboten.

„Integration ist erst mal nicht Aufgabe der Religion“, meint Pfarrer Gloël. „Aber wir können positive Aspekte in die Gesellschaft setzen und ihr damit dienen.“ Auch Ekin Deligöz sieht die Bedeutung von Religionen. „Ich hatte auf dem Gymnasium evangelische Religionslehre, weil es keine Alternative gab, da habe ich sehr viel über meine eigene Religion gelernt, weil ich immer gefragt wurde, wie das denn bei uns sei“, erzählt die Alevitin. „Und ich fand meine Religion dann spannend, gerade weil sie in der Türkei über Jahrhunderte verboten war.“

Auch wenn sie selbst für einen säkularen Staat ist, so sieht sie doch Positives im Bau von Moscheen: „Wer eine Moschee baut, der identifiziert sich mit diesem Land und will bleiben“, so ihr Credo. „Allerdings darf der Islam keine Begründung zur Abschottung sein und zur Frauenfeindlichkeit, die sich dahinter versteckt.“

Bei der Frage nach Schwimmunterricht für muslimische Mädchen wünscht sich Deligöz eine streitbare Auseinandersetzung mit den Eltern, eine Suche nach einem Kompromiss. Doch sie weiß auch, wie schnell diese Diskussionen an ihr Ende kommen:

Im Oktober 2006 rief Deligöz in einer Zeitung zusammen mit einer Gruppe von deutsch-türkischen Politikerinnen in Deutschland lebende Musliminnen dazu auf, das Kopftuch abzulegen. Sie forderte damals alle demokratischen Kräfte und vor allem Deutschtürken dazu auf, sich gegen dieses „Zeichen der Unterdrückung der Frau“ zur Wehr zu setzen. Daraufhin sah sich die engagierte Frauenpolitikerin neben einer Pressekampagne einschlägiger türkischer Zeitungen auch mit Schmähungen und Morddrohungen radikaler Moslems konfrontiert.

Die Nürnberger Brücke-Köprü lobt Deligöz als Freiraum, in dem diese Diskussionen geführt werden können, ohne Angst und Tabus. Es fehle in der derzeitigen Debatte nicht an Worten, sondern an Taten. Und an Orten, sich auszutauschen und kennenzulernen. Und nicht nur in der Brücke-Köprü prallen dabei Standpunkte manchmal aufeinander. „Man muss auch selbstreflektiv sein, um Kritik und Widerspruch auszuhalten“, resümiert Pfarrer Gloël am Ende des Besuchs.

 

Sabine Göb

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