Samstag, 17.11.2018

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Zollhaus: Explosiver Fund bei alter Flak-Stellung

Rest einer Stabbrandbombe im Laub - Betonsockel als Bodendenkmal? - 13.05.2009

Von der einstigen Flak-Stellung Zollhaus ist nur noch ein bemoostes Betonfundament vorhanden (linkes Foto). Im Hintergrund ist die Münchener Straße erkennbar. Bei Sondierungen ist ein Hobby-Forscher auf einen großen Bombensplitter und leere Patronenhülsen gestoßen, die er beim Denkmalschutz der Stadt abgeliefert hat. © Daut


Ortstermin im Waldstück hinter der Bereitschaftspolizei und dem Hundeübungsplatz Noris: Im Dickicht zeigt der Hobby-Archäologe und gelernte Waffen-Kaufmann Dieter Friedrich (Name geändert) auf einen mit Moos bewachsenen Betonsockel, der ein wenig aus dem Erdreich herausspitzt. «Hier stand im Zweiten Weltkrieg eines von mehreren Geschützen, die sternförmig angeordnet waren«, sagt der 43-Jährige, der aus Furcht vor Belästigung durch Neonazis oder Militaria-Sammler seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Im Internet besteht schließlich ein reger Handel mit NS-Devotionalien und Wehrmachts-Überbleibseln. Auch der Weg zu den einstigen Flak-Stellungen im Nürnberger Süden ist auf Web-Seiten genau beschrieben.

Uniformknöpfe, Patronenhülsen und ein Bombensplitter

Der 43-Jährige möchte nichts mit Neonazis oder Personen aus deren geistigem Dunstkreis zu tun haben. Mit seiner Frau sondiert er seit einigen Monaten in dem Areal unweit der Münchener Straße. Die bisherigen Funde sind unspektakulär: Uniformknöpfe, Schuhnägel, leere Patronenhülsen, ein Gewehrputzstock und ein etwa 25 Zentimeter langer und 1,5 Kilogramm schwerer Bombensplitter.

Der gebürtige Nürnberger liefert sie bei den Denkmalschützern der Stadt ab. Er will eine der letzten Flak-Stellungen im Stadtgebiet als anerkanntes Bodendenkmal erhalten wissen. Nur so lasse sich Raubgräbern die Jagd nach Weltkriegs-Souvenirs erschweren: «Dann könnte man Anzeige erstatten und die illegalen Funde beschlagnahmen«, meint er. Er regt an, in dem Waldstreifen auch Warnschilder vor Munitionsresten aufzustellen, um ahnungslose Pilzsammler, Wanderer oder forschende Kinder auf mögliche Gefahren aufmerksam zu machen.

Überreste einer Stabbrandbombe

Beim Herumgehen im nassen Laub findet sich prompt ein rostiges, sechseckiges Metallstück. «Das sind die Überreste einer Stabbrandbombe«, erklärt Friedrich und dreht das Relikt in seiner Hand. Das sollte man nicht tun - schließlich könnte sich in dem Endstück ein funktionsfähiger Zünder befinden. Die Polizei mahnt dringend, Sprengstoff-Funde, Waffen oder Bombenreste keinesfalls zu berühren oder an sich zu nehmen, sondern sofort die Behörden zu benachrichtigen. Dies ist nach der Kampfmittel-Verordnung des Innenministeriums vorgeschrieben.

Hobby-Archäologe Friedrich liefert den explosiven Fund bei der Polizei ab. Er war zunächst davon ausgegangen, dass er eine leere Metallhülse in Händen hält. Nach genauerer Untersuchung ist es jedoch für ihn durchaus denkbar, dass ein Zünder drinsteckt. Die Wache informiert sofort das Sprengkommando Nürnberg, um den Rest der Stabbrandbombe fachgerecht zu entsorgen.

«Aus dem Bereich Zollhaus haben wir seit längerer Zeit nichts mehr erhalten«, meint Karl-Heinz Wolfram, Leiter des Sprengkommandos, «aber wir sind schließlich für ganz Nordbayern zuständig. Dort haben wir noch über Jahre hinaus mit Bombenfunden aus dem Krieg zu tun.«

Nach Kriegsende wurden die meisten Stellungen überbaut

Mit der Geschichte der Nürnberger Flak (Abkürzung für: Flugabwehrkanone) hat sich Michael Kaiser vom hiesigen Garnisonmuseum befasst. Ab 1940 setzte das Militär auf feste, betonierte Stellungen - nicht mehr auf rasch bewegliche Geschütze. So befanden sich auf der Burg, am Neutor oder auch auf der einstigen Kongresshalle fest installierte Geschütze. Die meisten Stellungen im Stadtgebiet wurden nach Kriegsende eingeebnet und überbaut. Neben der Flak in Zollhaus nennt Kaiser einen weiteren Standort an der Regensburger Straße, der heute noch in Resten erhalten ist. Das seit 1992 bestehende Garnisonmuseum besitzt über 150 Fundstücke aus Flakstellungen: Helme, Munitionskästen, Erkennungsmarken und sogar ein Flakrohr.

«In der Grauzone des Militaria-Markts treiben sich ganz seltsame Typen herum. Doch der Handel ist legal«, sagt Kaiser, «auch die Raubgräberei ist mir bekannt. Eine unangenehme Geschichte.« Wer mit einem Metalldetektor nach Kriegs-Utensilien fahndet, verspricht sich neben einer abenteuerlichen Suche auch finanziellen Gewinn: Für alte Koppelschlösser zahlen Interessierte 30 Euro, ein Fallschirmspringer-Helm kann bis zu 500 Euro bringen.

«Verführt, verleitet, verheizt«

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurden viele Zivilisten, darunter Jugendliche, als Flakhelfer eingezogen. Das Dokuzentrum hat exemplarisch das Schicksal eines Nürnberger Flakhelfers nachgezeichnet: «Verführt, verleitet, verheizt - das kurze Leben des Hitlerjungen Paul B.« Mit 17 Jahren wurde der Gymnasiast im März 1943 an einer Flak-Stellung in der Saarbrückener Straße getötet.

Seine Schwester Lydia Bayer, die verstorbene Gründerin des Nürnberger Spielzeugmuseums, hat ihr Leben lang einen Karton mit der HJ-Uniform ihres Bruders, einigen Fotos, der Todesanzeige und der pathetischen Trauerrede des Schulleiters aufbewahrt. Aus diesem Material hat das Dokuzentrum eine anrührende Sonderschau gemacht, die - nach Stationen im In- und Ausland - jetzt wieder am Dutzendteich zu sehen ist. «Es ist eine unserer erfolgreichsten Ausstellungen überhaupt«, erklärt Mitarbeiter Eckard Dietzfelbinger. 

Hartmut Voigt

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