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"Perfides Spiel": Wenn die Pflege plötzlich teurer wird

Beispiel aus Röthenbach an der Pegnitz veranschaulicht Sorgen von Betroffenen - 17.04.2017 08:00 Uhr

Zwölf Millionen Euro sind in die Sanierung des Alten- und Pflegeheims St. Michael in Röthenbach an der Pegnitz geflossen – Kosten, an denen die Caritas die Heimbewohner beteiligt. © Foto: Andreas Sichelstiel


Werner Campbell ist sauer. Dem Caritasverband für die Erzdiözese Bamberg, der das Heim St. Michael in Röthenbach an der Pegnitz vor acht Jahren von der Kirchenstiftung St. Bonifaz übernommen hat, wirft er "ein perfides Spiel" vor. "Die nutzen die Marktsituation aus", sagt er.

Zwölf Millionen Euro hat die Sanierung des Alten- und Pflegeheims gekostet. Einen Teil der Rechnung zahlen die Bewohner: Sie müssen monatlich bis zu 475 Euro mehr an die Caritas überweisen. Das sei nicht mehr zu schultern, kritisiert Werner Campbell und mit ihm eine Initiative von Angehörigen, "die Bewohner sind verängstigt". Kein Vermieter dürfe die Miete verdreifachen, andernfalls sei das Mietwucher. Doch die Bewohner von St. Michael – zu ihnen gehört Campbells Mutter – seien "der Willkür des Trägers ausgesetzt", schon deshalb, weil es immer weniger Pflegeheime im Nürnberger Land gebe.

Tatsächlich verlangt die Caritas seit April dreimal so hohe Investitionskosten. Das sind Ausgaben für das Gebäude und dessen Ausstattung, die nach dem Sozialgesetzbuch auf die Pflegebedürftigen umgelegt werden können. Für ein Einbettzimmer etwa stieg dieser Betrag von bisher 220,85 auf 696,62 Euro im Monat. Campbell spricht von einer "Explosion". St. Michael liegt damit laut dem AOK-Pflegenavigator landkreisweit im Spitzenfeld.

Die Caritas argumentiert mit den hohen Ausgaben für die Generalsanierung von St. Michael, die sich von 2010 bis 2015 hinzog. "Es gab zwar Zuschüsse in Höhe von 2,5 Millionen Euro, doch 9,5 Millionen Euro mussten wir selbst aufbringen", erklärt Klaus-Stefan Krieger, Pressesprecher des Caritasverbands für die Erzdiözese Bamberg. Erst jetzt, nach Abrechnung und mehrmonatiger Prüfung durch die Regierung von Mittelfranken, könne man diesen Betrag geltend machen. Krieger: "Caritas heißt nicht, dass wir unsere Leistungen verschenken können. Wir müssen auch an die Zukunft denken, sonst können wir das Heim in fünf Jahren dichtmachen."

Kritisiert wird auch mangelnde Transparenz

Die 106 Bewohner profitierten außerdem von der Generalsanierung, findet Krieger. "Vorher hatten wir ein Heim, das nicht mehr den Standards entsprach, heute haben wir fast einen Neubau, der nicht mehr wie ein Krankenhaus aussieht."

Wolf-Peter Prechtel kann da nur mit dem Kopf schütteln. Seine 92-jährige Schwiegermutter ist erst im Sommer 2016 in das Heim in der Röthenbacher Randstraße eingezogen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Bauarbeiten schon vorbei. Die Familie kennt St. Michael nur in saniertem Zustand. "Uns hat niemand darauf hingewiesen, wie stark die Kosten steigen würden", sagt er, obwohl das für die Caritas absehbar hätte sein müssen. Einen Umzug könne er der Schwiegermutter jetzt kaum mehr zumuten, zumal diese mit der Betreuung sehr glücklich sei.

Auch Campbell kritisiert mangelnde Transparenz. "Nicht einem einzigen Bewohner wurde vorher gesagt, wie stark die Kosten steigen." Erst Ende Februar kam die schriftliche Ankündigung der Erhöhung, die der Redaktion vorliegt. Die endgültigen Beträge habe die Regierung von Mittelfranken festgesetzt, heißt es darin. Die Behörde genehmigte allerdings lediglich einen durchschnittlichen Maximalbetrag. Die Caritas könnte demnach weniger verlangen.

Eine Kopie des Bescheids habe er nur "unter massivem Druck" von der Caritas erhalten, so Campbell. Die Regierung selbst, immerhin Aufsichtsbehörde, antwortete auf seine Nachfrage, dass sie sich ihm gegenüber aus rechtlichen Gründen nicht zu Details äußern könne.

Caritassprecher Krieger hält der Kritik entgegen, dass die anstehende Erhöhung unter anderem bei der Einweihung angesprochen worden sei, "auch wenn sie damals nicht auf Heller und Cent angegeben wurde". Die Caritas habe "mit offenen Karten gespielt". Die Bewohner könnten die Unterlagen einsehen, die dem Bezirk zur Prüfung vorlagen.

"Dabei hat sich an der Leistung nichts geändert"

Die Situation wird für viele Betroffene dadurch verschärft, dass die Pflegekosten bereits zum Jahreswechsel angehoben wurden. Obwohl es infolge der Reform der Versicherung in der Regel mehr Geld von der Pflegekasse gibt, schätzt Prechtel, dass er inklusive Investitionskosten zusätzliche 600 Euro für die Unterbringung seiner Schwiegermutter aufbringen muss, "dabei hat sich an der Leistung nichts geändert".

Die Versprechungen, dass durch die Pflegereform niemand schlechtergestellt würde, erfüllen sich also nicht. Eine ganze Reihe von Angehörigen habe sich bereits wegen ähnlicher Probleme gemeldet, berichtet der Sozialverband VdK dem Bayerischen Rundfunk.

Elisabeth Duschner, die VdK-Geschäftsführerin im Nürnberger Land, rät Betroffenen, die am Ende ihrer finanziellen Möglichkeiten angelangt sind: "Da bleibt nur, beim Bezirk Pflegekostenübernahme zu beantragen." Dafür müssen allerdings die Vermögensverhältnisse offengelegt werden. Den Betroffenen werde es peinlich sein, anderen derart auf der Tasche zu liegen, stellt eine über 80 Jahre alte Bewohnerin von St. Michael nüchtern fest, "sie werden sich bald den Tod wünschen". Prechtel indes fragt: "Wo bleibt denn die christliche Menschenliebe?" 

Andreas Sichelstiel/NZ

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