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Blutspuren haben Licht ins Dunkel einer Beziehungstat gebracht

Ein 49-Jähriger soll seiner Lebensgefährtin ein Messer in den Hals gestoßen haben — Er bestreitet die Tat — Die Beweislage sieht anders aus - 24.01.2017 17:07 Uhr

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Symbolbild © colourbox.com


Als hätte jemand dunkelrote Brombeermarmelade auf den Treppenstufen verschüttet. Das Treppenhaus in dem Mietshaus am Einsteinring Roth ist blutverschmiert, Blutspritzer sind auch an den Wänden im Wohnzimmer, dem Flur, den Wohnungstüren zu sehen. Auf dem Bett im Schlafzimmer ein einziger, großer Fleck, hier könnte sich ein Mensch mit einer blutender Wunde abgestützt haben.

Seit einer Woche steht Badu B. (49) aus Roth wegen versuchten Totschlags vor Gericht – nun wird im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Nürnberg-Fürth auf einer Leinwand der Tatort gezeigt. Badu B. hat, dies wirft ihm Staatsanwalt Matthias Soldner vor, seiner fünf Jahre jüngeren Lebensgefährtin Lisbeth A. (Namen der Betroffenen geändert) im Streit in den Hals gestochen. An jenem Samstagvormittag im Februar schnitt er gegen 10 Uhr Zwiebeln, die dreifache Mutter kam vom Wocheneinkauf zurück. Lisbeth A. ärgerte sich über den dreckigen Küchenboden – sie wies ihn zurecht, der Streit eskalierte.

Bis heute leidet die 44-Jährige unter den Folgen der Messerstiche, sie spricht mit heißerer Stimme. Ihre Stimmbänder haben Schaden genommen, zehn Tage lag sie im künstlichen Koma, in ihrer linken Hand habe sie kein Gefühl mehr. Sie griff, so schildert sie, um sich zu verteidigen, in das Messer, mit dem sie von Badu B. attackiert wurde – das Blut strömte aus der Wunde in ihrem Hals, als sie endlich über das Treppenhaus zur Nachbarin im Stockwerk unter ihr flüchten konnte. Badu B., er sitzt seit der Tat in U-Haft, bestreitet den Angriff. Vielmehr sei Lisbeth A. auf ihn losgegangen – nur weil er versuchte, sich gegen sie zu verteidigen, sei es überhaupt zu ihren Verletzungen gekommen. Er selbst zog sich eine Schnittverletzung am Arm zu.

Versionen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und so ist das Blut am Tatort für die Polizei ein wichtiger Zeuge. Jeder Quadratzentimeter der Wohnung, in der die Bluttat geschah, wurde gefilmt – denn allein die Größe und Form einzelner Tropfen auf dem Boden, der Wand, der Decke, geben Antwort auf zahlreiche Fragen: In welcher Geschwindigkeit spritzte das Blut? Aus welcher Richtung kam es? Rechtsmediziner Peter Betz trägt, gemeinsam mit einer Gutachterin des Landeskriminalamtes, mit der Analyse dazu bei, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

An jenem Vormittag gingen bei der Polizei hintereinander fünf Notrufe ein: Die beiden, über und unter der Tatortwohnung lebenden Nachbarn meldeten sich – sie alle hatten laute Schreie gehört. Besonders tragisch: Die drei Kinder der Frau (acht, elf und 14 Jahre) wurden Zeugen der Tat. Während die älteste Tochter mit dem kleinen Sohn auf den Balkon flüchtete – die 14-Jährige wählte gleich zweimal den Notruf – versuchte die Elfjährige, den Angreifer von ihrer Mutter fortzuziehen. Als die Mutter mit ihrer Tochter zur Nachbarin flüchtete, war es Badu B. selbst, der den fünften Notruf absetzte.

Doch nicht nur die Blutspuren am Tatort erzählen eine Geschichte und erklären, wie und wo Badu B. und Lisbeth A. gestanden haben, wo sie im Gerangel lagen oder knieten. Auch die Verletzungen können mit ihren Aussagen verglichen werden – und für Rechtsmediziner Betz besteht kein Zweifel: Die Schnitte in Lisbeth A.s Hand passen zu ihrer Aussage, dass sie ins Messer gegriffen habe, sie gleichen Abwehrverletzungen, wie sie in der Rechtsmedizin nur allzu häufig gesehen werden.

Dagegen sei Badu B.s Behauptung, die Schnittverletzung am Arm erlitten zu haben, weil die Frau von oben nach unten auf ihn einstach, mit seinem Verletzungsbild nicht in Einklang zu bringen. Es war die Liebe, die B. vor gut zwei Jahren zum Umzug von München nach Mittelfranken bewegte — in Roth, so glaubte er, der mit drei anderen Frauen bereits neun Kinder hat, habe er die Liebe seines Lebens gefunden. Vor Jahrzehnten war er als Vertragsarbeiter aus Angola in die damalige DDR gekommen.

Psychiater Thomas Lippert bescheinigte Badu B., der in der U-Haft einen Suizidversuch unternahm, volle Schuldfähigkeit. Als Badu B. gleich nach dem Geschehen vorläufig festgenommen worden war, wurde einAlkoholtest gemacht – zum Tatzeitpunkt hatte er höchstens 1,2 Promille Alkohol im Blut. Der Prozess geht weiter. 

ULRIKE LÖW

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