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»Ein Besessener und wahnsinniger Selbstausbeuter«

Autor, Dramaturg, Regisseur und Intendant Werner Hoffmann blickt auf das Auf und Ab eines Einzelkämpfers zurück - 15.05.2010

»Dem Zuschauer zuliebe - im Mittelpunkt der Interpret« heißt die Erfolgsgeschichte bei Werner Hoffmann. Fortsetzung folgt.

»Dem Zuschauer zuliebe - im Mittelpunkt der Interpret« heißt die Erfolgsgeschichte bei Werner Hoffmann. Fortsetzung folgt. © Archiv


Irgendwann war sie da, die Liebe zum Theater. Mit 14! Wegen Don Karlos. Während Klassenkameraden das runde Leder kickten, dachte er an Oper und Schauspiel. Doch statt selbst einmal auf der Bühne zu stehen, musste Hoffmann eine kaufmännische Lehre absolvieren. Der Eltern wegen. In aller Stille lernt er Rollen für die Eignungsprüfung vor der Prüfungskommission im Opernhaus Nürnberg. Unter anderem - natürlich - Don Karlos. Bestanden!

Aus dem Kaufmann Hoffmann wird der Schauspieler Hoffmann. Sein erstes Engagement hat er bei einer Wanderbühne, seine Permiere als Schauspieler in Weißenburg. Plötzlich ist der Text weg, und die Souffleuse versteht er nicht. Dann fällt der Vorhang. Bald jedoch geht er wieder auf. Über Coburg, Sigmaringen, Tübingen kommt Hoffmann zu den Städtischen Bühnen Nürnberg, darf dort die großen jugendlichen Rollen spielen.

Doch der Verdienst bleibt bescheiden. Schweren Herzens wechselt er von der Bühne ins Büro. Mit Erfolg. Er wird Marketingdirektor eines großen Unternehmens. Doch seine große Liebe trägt er weiter im Herzen.

Hoffmann gründet 1989 »Die Bühne – Europas Literatur und Lied«. Er verknüpft gängige Opern mit Schauspiel-Aktionen, in denen die Schicksale der Opernhelden weiter gedacht werden. Texte und Szenen verfasst er selbst und nennt diese Theaterform »Opernschauspiel«. Hierbei fungiert er nicht nur als Autor, sondern auch als Dramaturg, Regisseur und Intendant. Und damit beginnt das Dilemma. »Finger weg vom Dreispartentheater im Einmannbetrieb«, schreibt er im Rückblick auf rund 130 eigene Produktionen mit hochkarätigen Künstlern. Es ist sein vorläufiges Vermächtnis; eine Durchhalteparole im positiven Sinn. Er will begeistern, faszinieren, die Liebe zum Theater weitergeben.

Viele prominente Sänger und Schauspieler erliegen noch heute dem Ruf und dem überzeugenden Charme dieses theaterverrückten Mannes. Man denke nur an Camilla Nylund von der Semperoper, Andrzej Dobber (Met), Zoran Todorovich (Staatsopern Wien/München) sowie Sänger von den be-kanntesten Opernhäusern in Europa, dazu Schauspielstars wie Iris Berben, Michael Mendl, Miroslav Nemec.

Hoffmann beschreibt in seinem ureigenen trockenen Humor die unendliche Geschichte vom Auf und Ab eines Einzelkämpfers; vom Kampf um nicht erhaltene Zuschüsse; vom Kampf um Kosten und um hochqualifizierte Interpreten (die zu Niedrigsthonoraren auftreten); vom Kampf um Spielorte und gegen hohe Saalmieten. Und davon, dass nicht nur einmal kurzfristig Ersatz für einen erkrankten Künstler gefunden werden musste.

Er tritt auf als sein eigener Pressesprecher, Dramaturg, Werbechef, Regisseur und Produzent. Er arbeitet wie ein Besessener. Aber weil er so hartnäckig bleibt, hat er auch Erfolg. »Offensichtlich habe ich mit meinem Konzept eine Marktlücke entdeckt«.

Und »Die Bühne« erhebt auch ihre Stimme, als »Theater für Menschenrechte«. 50 Menschenrechtsprojekte hat Hoffmann bereits inszeniert. »Die Welt ist voller Hass: gegen Juden, Ausländer, Kriege, Inhumanität, Massenarbeitslosigkeit. Das Theater muss dagegen Signale setzen«, unterstreicht Hoffmann.

Er will Schauspielbesucher in die Oper bringen und umgekehrt. Dafür arbeitet er meist bis tief in die Nacht, und am nächsten Morgen fängt alles wieder von vorne an. Werner Hoffmann ist nicht mehr der Jüngste, aber das »kreative Urgestein« hat noch viel vor. Doch immer wieder droht sein Engagement an der unsicheren Finanzierbarkeit zu scheitern.

Wie schafft er das nur? »Ich schaff es«, sagt er jeden Morgen vor sich hin. Und er schafft es auch. Jedesmal. Und heute ist er froh, dass er nicht nur als Schauspieler eine kleine Karriere gemacht hat. »Ich habe Marketing gelernt. Nur so gelingt es mir, etwas in kürzester Zeit zu erledigen, wofür andere ein paar Wochen brauchen«. Muss er auch. Die Zeit drängt. Seine Künstler haben nur wenig Zeit. Lukrative Engagements warten auf sie.

Aber warum arbeiten so bekannte Künstler immer wieder mit ihm? »Ich sage ihnen, ich kann sie nicht bezahlen. Es gibt minimale Gagen und Reisekosten«, schmunzelt unser »Ausbeuter«. Oft war es wie bei einem Schneeballsystem: »Was der eine witzig und interessant findet, will der andere auch kennenlernen«. »Dem Zu-schauer zuliebe – im Mittelpunkt der Interpret«, heißt sein Erfolgscredo, das ihm viel Beifall, gute Kritiken und anerkennende Künstlerkommentare einbringt. Die Schauspieler und Sänger bringen ihm Vertrauen entgegen, obwohl die Gage klein ist. »Ausbeuter hat mich noch keiner genannt«.

Die schärfste Kritikerin an seiner Seite ist seine Frau Elisabeth. Sie liest und korrigiert die Manuskripte, macht die Buchhaltung, ärgert sich über schlechte Kritiken, fehlende Sponsoren und Missachtung der »Bühne«. Auch kommt es immer wieder vor, dass sie die Bremse anzieht und meutert: »Jetzt ist aber genug«. Aber weil er diesen Rat nicht befolgt, fügt sie sich schließlich und empfängt bei jeder Aufführung freudestrahlend die Besucher. »Eigentlich müsste sie ja das Bundesverdienstkreuz erhalten, das sie mir verliehen haben«, sagt Hoffmann nicht ohne Stolz.

Viele höchst erfolgreiche Veranstaltungen kann er vorweisen. Seinen großen Traum hat er sich jedoch nicht erfüllen können. Ein fester Spielort, ein festes Ensemble. Und so muss er, weil die Zuschüsse der Stadt Nürnberg, des Bezirks oder des Staates im Lauf der letzten Jahre immer weiter gesunken sind, »betteln gehen«. »Das tut mir immer in der Seele weh«. Große Förderer indes hat er in Bruno Schnell, dem Verleger der Nürnberger Nachrichten, und in Thilo Bögner von der Firma Massinger. Und diese Unterstützung ist für Werner Hoffmann Verpflichtung, »jeweils das Beste aus jedem Projekt herauszuholen«.

In seiner Wahlheimat Roth will sich Hoffmann, wenn sein Spielplan 2010 abgewickelt ist, gerne stärker engagieren. Sein Wunsch wäre, dass die Schwierigkeiten, die es zuletzt mit der Stadt gegeben hat, ausgeräumt werden könnten. DETLEF GSÄNGER 

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