Mittwoch, 14.11.2018

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Rehmutter mit Kitz auf Flucht erschossen: Jäger in der Kritik

Schäbige Jagdmethoden? - Vorwürfe nach Schuss auf Muttertier bei Alfershausen - 23.10.2015 17:13 Uhr

Die Mutter eines Rehkitz wurde erschossen. Unter Jägern gilt das ungeschriebene Gesetz, dass das Töten von Muttertieren "unmenschlich" ist (Symbolbild). © privat


Die Hilpoltsteiner Polizei bestätigte auf Nachfrage "einen Vorfall, bei dem geschossen wurde", wollte sich aber nicht näher äußern, da die Ermittlungen noch am Anfang stünden. Genaueres berichtete indes der stellvertretende Hegegemeinschaftsleiter Peter Winkler.

Ihm zufolge wird das Revier Alfershausen seit 2013 von der dortigen Jagdgenossenschaft betreut, die dafür Jäger angestellt habe, die überwiegend dem Ökologischen Jagdverband angehören. „Die Öko-Jäger betrachten Rehwild als Schädling, und so bekämpfen sie es auch“, sagt der Hegegemeinschaftsleiter.

Am Tag des Vorfalls hatte einer der angestellten Jäger vier weitere Schützen zur Jagd eingeladen. Dass dabei auf Rehe geschossen wurde, sei „eine unübliche Vorgehensweise, da derzeit in den noch stehenden Maisäckern eigentlich nur Schwarzwild bejagt wird“, erklärt Winkler.

Obendrein habe unterdessen ein Landwirt auf einem angrenzenden Acker seinen Mais gedroschen. Dies habe die Rehe nicht langsam, wie bei einer Drückjagd, sondern panisch aus dem Feld fliehen lassen und den Abschuss generell riskant gemacht.

Das Kitz lief allein weiter

Als nun eine Geiß mit ihrem Jungen aus dem Feld flüchtete, schoss einer der Jäger auf das Tier und tötete es. Das Kitz sei allein weitergelaufen. Eine Straftat nach dem Tierschutzgesetz? Erst einmal nein, denn ab dem 1. September sind Geißen und Kitze zum Abschuss freigegeben. Allerdings ist es unter Jägern ungeschriebenes Gesetz, dass das Töten von Muttertieren „unmenschlich“ ist, wie der Kreissprecher des Bayerischen Jagdverbands, Dr. Karl-Heintz Neuner, betont.

Problematischer ist der zweite Vorwurf: Dem Hegegemeinschaftsleiter zufolge schoss der Jäger auch in Richtung eines Landwirts der in der Nähe gerade seinen Acker pflügte. „Aufgrund der fehlenden Sicherheit im Hintergelände war dieser Schuss völlig verantwortungslos“, ist Winkler empört. „Ein Geschoss kann bis zu vier Kilometer weit fliegen, ganz abgesehen von Abprallern.“

Das Reh "beiseite geschafft"

Der Pächter des Nachbarreviers, der den Vorfall beobachtet hatte, verständigte die Polizei. Bis diese eintraf, hätten die Jäger das Reh jedoch „beiseite geschafft“ seien abgerückt, berichtet Winkler. Der noch anwesende Jagdleiter habe angegeben, dass er nicht wisse, wer geschossen habe und wohin die Beute gebracht wurde.

Die Polizei sicherte die Spuren und forderte sogar einen Hubschrauber an, um Schussrichtung und Entfernungen festzustellen. Die Ermittlungen dauern allerdings noch an.

"Eine reine Schutzbehauptung"

Auch der Staufer Jagdpächter und -aufseher Rudolf Wolfsberger bestätigt in einem gemeinsamen Schreiben Winklers Sicht. „Schüsse auf hochflüchtiges Wild sind absolut verantwortungslos“, heißt es da. Dass die Jäger eigentlich Schwarzwild jagen wollten, sei „eine reine Schutzbehauptung“, denn in den betreffenden Feldern sei das ganze Jahr über kein Wildschwein gesichtet worden.

Der Landesvorsitzende des Ökologischen Jagdverbands (ÖJV), Dr. Wolfgang Kornder, sieht das anders. Dass dessen Jäger Rehe als Schädlinge betrachten, „wird uns aus dem konservativen Lager immer wieder vorgehalten“, sagt er. Dies sei falsch. Tatsächlich seien im konkreten Fall „die Landwirte auf uns zugekommen, weil sie vermuteten, dass beim Dreschen Schwarzwild aus den Feldern kommt“. Dies habe sich zwar nicht bestätigt, die parallele Jagd auf Rehe sei aber gang und gäbe.

Kitz war "selbstständig genug"

Kitze hält Kornder "Anfang Oktober für selbstständig genug, dass sie sich anderen Tieren anschließen und den Winter überstehen“. Und der Schütze habe durch das ansteigende Gelände auch einen ausreichenden „Kugelfang“ gehabt, sodass kein Mensch gefährdet worden sei.

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Dem ÖJV-Chef zufolge machen dem nun in der Schusslinie stehenden Jäger vielmehr „schon länger die Nachbarpächter das Leben schwer“. Deren Argumente seien „unsachlich und polemisch, und wir werden uns wehren“. Zudem halte er es für „lächerlich, dass wegen eines Rehs ein Hubschrauber aufsteigt“. Dies hänge wohl damit zusammen, dass der Anzeigesteller selbst Polizist sei. 

Patrick Shaw E-Mail

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