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Wettlauf mit dem Wetter kostet Bauern Nerven

Die Landwirte im Landkreis Roth beklagen Ernteverluste - 20.08.2017 15:43 Uhr

Für die Bauern sei es zwar eine große „Ähre“, die Bevölkerung mit Getreide zu versorgen, wie dieses Transparent einer Imagekampagne ausweist. Doch gab es bei der Ernte heuer Verluste zu vermelden. Das Wetter sorgte laut BBV-Kreisobmann Thomas Schmidt für logistische Herausforderungen, bei deren Bewältigung flotte Agrarhändler wie Josef und Xaver Bösl (von links) unerlässlich sind. © Foto: Jürgen Leykamm


Selbst einen passenden Termin hierfür zu finden war diesmal nicht einfach, wie Thomas Schmidt, Kraftsbucher Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands (BBV), bedauernd erklärte. Denn die engen Zeitfenster zwischen den Regenfällen der vergangenen Wochen hätten es den Bauern alles andere als leicht gemacht, einen richtigen Zeitpunkt fürs Dreschen zu finden. Da musste die Öffentlichkeitsarbeit erst mal hintan stehen.

Nun aber sei die Arbeit zumindest im Raum Greding getan und es fand sich Zeit für eine Erntebilanz, die Schmidts Worten zufolge "nicht allzu positiv" ausfällt: Die Erträge liegen nämlich unterm Durchschnitt im Vergleich mit anderen Regionen des Freistaats.

Ein Lichtblick sei die Futter- beziehungsweise Wintergerste. Als erste Feldfrucht im Erntejahr habe sie am wenigsten unter den ungünstigen Wetterbedingungen im Juni und im Juli gelitten. So sei es möglich gewesen, pro Hektar mehr einzufahren als es der Mittelwert für den Landkreis Roth ausweist. "Da können wir ganz zufrieden sein", bekräftigte Schmidt, "das ist heuer unsere beste Frucht".

Ganz anders sieht es hingegen bei Weizen, Raps und Sommergerste aus, wie der Kreisobmann bedauerte. Selbst auf den schweren Juraböden im Süden mussten ihm zufolge Einbußen von bis zu 20 Prozent hingenommen werden; bis zu 30 Prozent waren es gar in den steinigen und sandigen Lagen im Norden. "Das Wasser war der begrenzende Faktor", erläuterte Bösl hierzu.

Wo der Boden es halten konnte, hielten sich auch die Verluste in Grenzen. Ein eindrückliches Beispiel weiß Schmidt aus eigener Erfahrung: Auf einem seiner schlechten Böden erntete er etwa nur 1,5 Tonnen Raps pro Hektar – auf einem guten Feld war es hingegen über das Doppelte!

Rapsernte verhagelt

Doch auch wenn der Boden gut ist, kann es einen böse erwischen. Wie etwa jenen Landwirt aus Euerwang, dem der Hagel fast 70 Prozent der Rapsernte vernichtete. Die weißen Geschosse von oben schlugen heuer eine Schneise der Verwüstung vom Landkreisnorden (wo von einem Tabakfeld nichts mehr übrig ist) bis in den Süden. Dort setzt man vor allem auf besagten Raps, der sich aber schwer tat. Wenngleich er unterm Strich in der Juraregion die höchsten Gelderträge pro Hektar lieferte.

Schon im vergangenen Herbst machte ihm bei der Aussaat die Trockenheit zu schaffen, in der diesjährigen Blüte fuhr ihm der Frost in die Parade. Dann kam der heiße und trockene Juni mit intensiver Sonneneinstrahlung. Es war der Monat, "der uns das Getreide kostete", so Bösl. Dann ein wechselhafter Juli mit engmaschigen Regenfällen, die die erntenden Landwirte zu einem Hase- und Igel-Spiel beim Dreschen animierten. "Der Wettlauf mit dem Wetter war eine echte Herausforderung", bestätigte der Agrarhändler, "das hat den Landwirten viele Nerven gekostet".

Zumal die Anforderungen an das Getreide immer höher werden. Ein genügend hoher Trockenheitsgrad ist da nur ein Faktor. Erwischt man das Zeitfenster zum Ernten nicht treffsicher, gehen bis zu 15 Prozent des Ertrags allein fürs Trocknen flöten, wie Schmidt vorrechnete.

Auch die Qualität verliert durch die Nässe. Da werde Back- schnell zu Futterweizen, was im Landkreis bei 30 Prozent der Fall gewesen sei. Wenn es auch für die Tiere nicht mehr taugt, wandert das Getreide in die Biogasanlage.

Geprüft wird die Qualität bei Agrarhändlern, wie Xaver Bösl. Dort misst man auch die für ein gutes Brot wichtige "Verkleisterungsfähigkeit" der Mehlstärke, wie es Sohn Josef formulierte. Eine Eigenschaft, die bei zu viel Regen abnimmt, denn dann "beginnt der Keimprozess schon am Halm" und eben nicht erst in der Backstube. Fünf Jahre lang war diese Art der Untersuchung bei den Bösls gar nicht nötig – heuer aber wurde sie zur Regel.

Gelitten hat auch die Braugerste, der der Regen unerwünscht hohe Eiweißwerte bescherte. Das werde sich aber nicht negativ auf den Bierpreis auswirken, traten die Bösls hartnäckigen Vorurteilen entgegen. Dafür sei der Markt schon längst viel zu globalisiert. Auch an den Getreidepreisen bewege sich nichts, "selbst wenn es in ganz Mittelfranken kein einziges Korn zu ernten gibt".

Dennoch seien die Preise im Vergleich zum Vorjahr etwas angestiegen, allerdings bewegten sie sich immer noch auf "historisch niedrigem" Niveau, betonte Schmidt. Der Weizenpreis habe sich seit 1950 gar halbiert, der Preis fürs Brot aber verzehnfacht. Die Löhne hätten sich im gleichen Zeitraum auf das 22-fache ausgedehnt. Für den Erlös von 100 Kilogramm Weizen habe sein Vater seinerzeit noch 500 Semmeln kaufen können, er selbst müsse sich derzeit mit 30 begnügen.

Gut rechnen können muss man generell beim Verkauf des Getreides. Seit sich die EU aus der Lagerhaltung zurückgezogen habe, gäbe es größere Schwankungen beim Verkaufspreis. So lockt der Gang an die Warenterminbörse.

Die Infos zum richtigen Verkaufszeitpunkt seien glücklicherweise im digitalen Zeitalter jedermann jederzeit zugänglich, so der Kreisobmann. Für zeitversetzten Verkauf bietet Bösl etwa auch die Zwischenlagerung an. Überhaupt sei ein funktionierender Landhandel in der heutigen Zeit sehr wichtig, um die logistischen Herausforderungen der Erntezeit meistern zu können, so Schmidt.

Ganz aktuell hat man noch einen Trumpf im Ärmel. Denn der Mais "wird die Topfrucht in diesem Jahr!" prognostizierte Xaver Bösl. Jene Frucht braucht das Wasser nämlich gerade im Juli. Vom Klimawandel, "den auch wir Landwirte immer stärker merken" (Schmidt), profitiert sie am meisten. Sagte der Kreisobmann und krempelt die Ärmel schon wieder hoch. Weil es nun bis Ende August an die Aussaat von Raps geht. Ein Hektar hiervon ersetzt übrigens zwei Hektar Importsoja aus Übersee, wie der BBV-Funktionär am Rande zu bedenken gab. Bodenbearbeitung, Zwischenfrüchte anbauen und so der Erosion keine Chance geben. Das ist es, was nun anliegt. Und auf das passende Wetter hoffen. 

JÜRGEN LEYKAMM

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