Dienstag, 20.11.2018

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Wurde Diesel Mirjam Schall zum Verhängnis?

Extremschwimmerin handelte sich beim Versuch der Bodensee-Längsquerung Vergiftung ein - 13.07.2018 16:06 Uhr

Mirjam Schall versuchte zum dritten Mal, den Bodensee in Längsrichtung zu durchschwimmen und hätte bei Erfolg zwei Weltrekorde aufgestellt. Eine Vergiftung machte ihr einen Strich durch die Rechnung. © C. u. O. Halder (Archiv)


Der erste Versuch, als erste Frau den Bodensee der Länge nach von Ludwigshafen nach Bregenz zu durchqueren, war im Jahr 2015 nach 55 von 64 Kilometern wegen eines aufziehenden Gewitters gescheitert. 2017 machte der heute 41-Jährigen erneut die Natur einen Strich durch die Rechnung. Das Wetter war damals so schlecht, dass sie das Zeitfenster – ohne einen Meter geschwommen zu sein – verstreichen lassen musste.

In diesem Jahr sollte der Coup dann endlich gelingen. Ein doppelter Weltrekord wäre der Lohn gewesen: Als erste Frau hätte Mirjam Schall neben der Längsquerung auch das Triple aus Längs-, Breiten- und Drei-Länder-Querung geschafft. Doch 2018 ist das Abenteuer schon nach ziemlich genau neun Kilometern – Ironie des Schicksals: Exakt die Distanz, die ihr drei Jahre zuvor zum Erfolg gefehlt hat – jäh beendet. Und erneut kann Schall nichts dagegen tun.

Luft wurde knapp

Was war geschehen? Nachdem die Prognosen gute Bedingungen verhießen, startet Mirjam Schall mit ihrer achtköpfigen Crew aus Skippern, Trainern und Betreuern am vergangenen Sonntag, kurz nach elf Uhr, ihren erneuten Versuch einer Längsquerung. Zunächst läuft alles gut. Doch nach etwa einer Stunde im Wasser, fangen die Probleme an. "Mein Hals hat zugemacht, ich habe immer stärkere Atemprobleme bekommen", erzählt Schall, die während des Interviews immer wieder von Hustenanfällen gebeutelt wird.

Zunächst habe sie an eine Allergie gedacht, aber die Anti-Allergika helfen nicht. Vielleicht ist es ein Kopfproblem? Auch die Begleitung durch Teammitglieder im Wasser, die ihr ihren Schwimmrhythmus wieder zurückbringen sollen, macht die Situation nicht besser. Vielmehr habe plötzlich einer ihrer Partner Dieselgeruch bemerkt. Weil sie kaum noch Luft bekommt, bricht Schall den Versuch kurze Zeit später endgültig ab – nach insgesamt rund vier Stunden im Wasser.

An Land nehmen Notarzt, Rettungssanitäter und die Wasserschutzpolizei die Extremschwimmerin in Empfang. Sie hat Hustenanfälle, muss sich übergeben. Nach einem ersten medizinischen Check, der unter anderem eine stark reduzierte Sauerstoffsättigung ergibt, geht es zur genaueren Untersuchung ins Krankenhaus. Dort stellen die Ärzte nach mehreren Tests eine Vergiftung fest. Als Ursache vermutet der behandelnde Mediziner Diesel. Kraftstoff im Bodensee, einem Gewässer, das mittlerweile für sein sauberes Wasser bekannt ist?

Der Auslöser könnte ein Zwischenfall vier Tage vor Schalls Rekordversuch gewesen sein. Beim Betanken eines Fahrgastschiffs waren im Hafen von Wallhausen, an dem Schall auf dem Weg nach Bregenz vorbeischwimmen muss, rund 100 Liter Diesel in den See geflossen.

Melkfett schützte

Die lokalen Feuerwehren verhinderten die Ausbreitung des Schmutzteppichs und banden den Diesel, weshalb laut Behörden die Querung nicht gefährdet gewesen sei. Auch der Veranstalter sei daher davon ausgegangen, dass einem Start nichts im Wege stehe, erklärt die Obersteinbacherin, die aufgrund dessen den Versuch begann. Eine Fehlentscheidung, wie sich schon bald zeigen sollte. Wobei: Obwohl sie noch immer etwas Probleme mit dem Atmen hat und auch psychisch den erneuten Fehlschlag erst verarbeiten muss, hätte das Ganze noch viel schlimmer ausgehen können.

"Die Unmengen an Melkfett", die ihr ein Trainer vor dem Start gegen das Wundscheuern aufgetragen hatte, meint sie, haben sie möglicherweise vor größeren Schäden bewahrt. Denn Diesel wird nicht nur über die Lunge, sondern auch über die Haut aufgenommen.

Enttäuschung und Wut

Nachdem die Symptome mittlerweile langsam abklingen, macht sich immer stärker die Enttäuschung, aber auch eine gehörige Portion Wut bei Schall breit. Neben den nicht unerheblichen Kosten, die nur zu einem kleinen Teil durch die Sach- und Geldspenden einiger Sponsoren reduziert werden, und der vielen Zeit, die sie und ihre Unterstützer bis dahin in das Unternehmen investiert hatten, ärgert sie vor allem eines: "Weder ich noch das Team haben versagt. Im Gegenteil: Alles hat perfekt funktioniert an Bord." Sie habe die nötige Form für einen Erfolg gehabt und sei optimistisch gewesen, dass es diesmal klappt. Trotzdem ist der Traum vom Weltrekord aufgrund von Ereignissen, die nicht in ihrer Macht standen, erneut geplatzt.

Aufgeben will sie dennoch nicht: "Den Traum lasse ich nicht los! Hamza (Hamza Bakircioglu hat die Längsquerung 2016 in knapp 31 Stunden hinter sich gebracht, d. Red.) hat vier Versuche gebraucht", bevor er es geschafft hat, sagt sie fast schon trotzig zwischen zwei Hustenpausen.

Auch an ihrem nächsten Ziel, einer doppelten Staffel-Querung des Zürichsees Mitte August hält sie vorerst weiter fest. "Wollen würde ich schon, mal schauen, wie’s der Körper verkraftet." 

Andreas Regler E-Mail

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