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Auf Zeitreise mit der "alten Dame" von der Feuerwehr

Schwabacher Drehleiter gehört trotz fast 50 Jahren noch nicht zum alten Eisen - 30.05.2018 06:57 Uhr

Nur fliegen ist schöner: Auf ihre alte Drehleiter können sich die Schwabacher Floriansjünger immer verlassen, auch wenn sich die Ersatzteilsuche für das fast 50 Jahre alte Einsatzfahrzeug inzwischen schwierig gestaltet. © Martin Regner


Fast schon liebevoll bezeichnet Geier den Magirus-Deutz vom Typ 170D11, der seit beinahe 50 Jahren im Schwabacher Feuerwehrhaus steht, als "unsere alte Dame". Daran erinnern, wann die Drehleiter angeschafft wurde, kann sich heute kaum noch einer der Wehrleute: "Die war eigentlich schon immer da", überlegt Kommandant Holger Heller. 

Die Zeitreise beginnt schon mit dem Griff an der Tür: Der besteht aus massivem Metall, genau wie die gesamte Karosserie. Plastik sucht man außen wie innen (fast) vergeblich. Unter den Holzsitzbänken im Fahrerhaus arbeitet – und auch das ist heute eine Besonderheit – ein luftgekühlter Deutz-Motor. Diesen erkennt man sofort an seinem kraftvollen, donnergrollenden Klang, wenn Markus Geier im Fahrerhaus am Startknopf zieht.

170 PS stehen zur Verfügung, wenn es mit Blaulicht und Martinshorn zum Einsatz geht. Um die "alte Dame" in Bewegung zu versetzen, ist gleichzeitig Kraft und Fingerspitzengefühl notwendig: "Es traut sich nicht jeder, die zu fahren. Man muss da halt noch richtig mit der Hand arbeiten", erklärt Geier. Der Schalthebel des Getriebes ist lang und verlangt nach kundigen Händen beim Einlegen der Gänge. Richtig viel Kraft braucht der Fahrer, um am riesigen Zweispeichen-Lenkrad zu drehen. Die Zeiger und Lampen auf der grau lackierten Armaturentafel informieren über die gefahrene Geschwindigkeit, den Luftdruck für die Bremse, die Motortemperatur und den Füllstand im Kraftstofftank. Elektronische Helferlein gibt es hier genau so wenig wie Leuchtdioden: Alles funktioniert rein mechanisch oder maximal elektrisch.

Gebaut wurde der Schwabacher Leiterwagen anno 1969 bei der Firma Magirus-Deutz in Ulm. Für das kantige Erscheinungsbild der Kabine zeichnet sich ein Franzose verantwortlich, der Louis Lucien Lepoix hieß. Mit seinen Designentwürfen für Lastwagen-Fahrerhäuser prägte dieser das Straßenbild im Deutschland der 1960er bis 1980er Jahre entscheidend mit.

Erste Serie, kaum Rost

Zu den Kunden von Lepoix, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem Büro für technisches Design in Baden-Baden niederließ, gehörten in jenen Jahrzehnten so klingende Marken wie Henschel aus Kassel, Büssing aus Braunschweig und eben auch Magirus-Deutz aus Ulm. Für die Ulmer entwarf der Industriedesigner, der auch dem zeittypischen BIC-Feuerzeug und der in deutschen Innenstädten einstmals allgegenwärtigen Kienzle-Parkuhr ihre Gestalt gegeben hatte, 1963 eine neue Generation von Frontlenker-Lastwagen, die sogenannte D-Baureihe.

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Mit der Feuerwehr auf Zeitreise: Die historische Schwabacher Leiter

Der Name klingt ganz nüchtern: Magirus-Deutz 170D11. Wer sich ins Fahrerhaus des betagten Leiterfahrzeugs schwingt, wird mitgenommen in eine andere Zeit. Eine Zeit, in der es keine Elektronik in Feuerwehrfahrzeugen gab, in der alles nur mechanisch und elektrisch funktionierte. Ob mit oder ohne Nostalgie: Der Oldtimer aus dem Jahr 1969 ist mehr als einen Blick wert.


Von den Produktionsbändern lief diese Lkw-Baureihe bis weit in die 1980er Jahre, als die Marke Magirus-Deutz bereits von Iveco geschluckt worden war. Das Schwabacher Exemplar gehört zur ersten Serie, erkennbar an den eckigen Blinkern und dem dreiteiligen Kühlergrill. Nach Rost muss man an der Karosserie eine Weile suchen; offenbar wird der betagte Wagen bestens gepflegt.

Im Notfall richtig nützlich

Das allerdings gestaltet sich nicht immer ganz einfach, wie Kfz-Meister Florian Fladerer weiß: Das Fahrerhaus ist — im Gegensatz zum heutigen Lkw — nicht für Wartungs- und Reparaturarbeiten kippbar, sondern fest auf dem Rahmen montiert. Das heißt: Alle Arbeiten an Motor und Getriebe müssen von unten erfolgen. Zusätzlich müssen Geier und Fladerer dazu in der Regel den Motortunnel im Fahrerhaus ausbauen. Die Suche nach Ersatzteilen für ein fast fünf Jahrzehnte altes Modell "ist schon manchmal schwierig", seufzt Fladerer. Seltene Teile, die auch im gut sortierten Fachhandel nicht mehr zu bekommen sind, lässt die Feuerwehr deswegen mitunter sogar nachfertigen.

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"Die großen Sieben": Laster-Legenden aus Deutschland

Nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Zeit des Wirtschaftswunders war der Markt für schwere Lastwagen in Deutschland noch wesentlich vielfältiger als heute. "Die großen Sieben" der Nutzfahrzeugbranche trugen die Namen Büssing, Faun, Henschel, Krupp, Magirus-Deutz, MAN und Mercedes-Benz. Fünf davon sind heute vom Markt verschwunden. Dafür genießen die imposanten Laster der 1950er bis 1980er-Jahre heute Kultstatus, nicht nur bei Oldtimerfreunden.


Allerdings lohnt sich die Mühe: Die historische Drehleiter wird bei jeder Übung gebraucht und macht sich drei bis fünf Mal im Jahr auch im Notfall nützlich. Dabei geht es nicht immer um das Löschen von Bränden oder die Rettung von Personen, wofür ein Rettungskorb an der Leiterspitze eingehängt werden kann. Auch wenn bei Unwettern Dachziegel davon zu fliegen oder Bäume umzustürzen drohen, setzt die Schwabacher Feuerwehr auf die Qualitäten der betagten Leiter. Vielleicht hat sie deswegen auch schon manches jüngere Einsatzfahrzeug überlebt. Derzeit, so erklärt es Kommandant Holger Heller, laufe die Ersatzbeschaffung für das Tanklöschfahrzeug TLF 24/50, das direkt neben der Drehleiter in der Halle steht. Das TLF, dessen Dienstende naht, stammt aus dem Baujahr 1981.

Irgendwann in fünf oder sechs Jahren könnte dann auch "1/30/2", so lautet der offizielle Funkrufname, in Rente gehen: Bis dahin rechnet Heller mit der Anschaffung einer neuen Drehleiter. Dann wird die derzeit noch "neue" Leiter aus dem Jahr 1992 die "alte" sein und an seinen Platz rücken. An dem Kilometerstand von gerade einmal rund 25.300 wird sich bis dahin wohl nicht mehr viel ändern. Mit den Fahrleistungen ziviler Lastwagen ist das nicht zu vergleichen: "Die schaffen das in einem Monat, wenn's pressiert", meint Holger Heller lachend. 

Martin Regner

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