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Dem Druck nicht gewachsen

Die Pläne für Hähnchenmast bei Abenberg sind vom Tisch - 05.05.2012 08:31 Uhr

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Abenberger gehen auf die Straße

So sahen die Pläne von Thomas Arnold aus: Etwa einen Kilometer von Abenbergs westlichem Ortsrand entfernt sollte ein Hühner-Mastbetrieb für rund 40.000 Tiere errichtet werden.


Kundgebung in Abenberg? Zehn Jahre und drei Tage ist Werner Bäuerlein jetzt Rathauschef in der Burgstadt. „Für mich ist das eine Premiere“, sagt er am Donnerstagnachmittag.

Eine Premiere, die man sich eigentlich jetzt sparen könnte. Schließlich hat ihm soeben der Landwirt Thomas Arnold mitgeteilt, dass er seine Überlegungen für eine Hähnchen-Mastfarm westlich von Abenberg nicht weiterverfolgen wird. Er hat den Proteststurm schlicht unterschätzt.

Leben für die Tiefkühltruhe

Vor nicht einmal einer Woche haben Willi Weigand, Thorsten Jurkat, Gerlinde und Richard Band, Elisabeth Kaiser, Bertram Helbig und Melanie Rock von Arnolds Plänen erfahren. Eine Mastfabrik für knapp 40000 Tiere, die binnen weniger Wochen in einem riesigen Stall auf Schlachtgewicht getrimmt werden. Die dann in der Dunkelheit eingesammelt werden wie Fallobst und zum Schlachter nach Niederbayern gefahren werden. Zehn Durchläufe pro Jahr wären denkbar. 400000 Hühner pro Jahr auf engstem Raum, kurzlebiger Nachschub für die Tiefkühltruhen der Discounter.

Für die meisten Abenberger war klar: Nein, so etwas wollen wir nicht. Binnen weniger Tage stellten sie ein „Aktionsbündnis“ auf die Beine, nach dem ersten Bericht im Schwabacher Tagblatt am Dienstag rollte die Protestwelle richtig los. Binnen 48 Stunden hatten die Projektgegner über 1100 Unterschriften zusammen, mehr als ein Viertel der wahlberechtigten Abenberger. Und die meisten Stadtteile hatten sie noch nicht einmal abgeklappert. „97 Prozent der Befragten waren gegen die Pläne“, berichtet Jurkat. „Die anderen haben sich enthalten“. Das heißt im Umkehrschluss: Dafür war eigentlich niemand so richtig.

Gründlich verrechnet

Mit Ausnahme von Thomas Arnold. Er war schon vor zweieinhalb Jahren mit ähnlichen Plänen in Kammerstein gescheitert. Der Dorffriede ist dort bis heute noch nicht wieder hergestellt. Warum er gedacht hat, in Abenberg bessere Karten zu haben? „Hier wäre ich dreimal so weit weg gewesen von der Wohnbebauung als in Kammerstein“, erklärt er.

Wenn Arnold gehofft haben sollte, dass sich dadurch der Widerstand drittelt, dann hat sich der 35-Jährige gründlich verrechnet. Es ging den Abenbergern zunächst darum, Arnolds Pläne zu stoppen. Es ging ihnen dann aber auch darum, ein generelles Statement gegen Massentierhaltung abzugeben.

Donnerstag, 16.30 Uhr. Im Rathaus hat sich das Aktionsbündnis bei Bürgermeister Bäuerlein angekündigt. Willi Weigand und Thorsten Jurkat überreichen mehr als 1100 Unterschriften und einen zweiseitigen Brief, in dem all die Argumente gegen den möglichen Hähnchenmast-Betrieb aufgelistet sind: gesundheitliche Gefahren wegen des unvermeidlichen Einsatzes von Antibiotika, Geruchsbelästigung, ethische Bedenken gegen die Massentierhaltung, die Furcht vor einem Wertverlust der Immobilien, die Furcht, den aufstrebenden Tourismus im Burgstädtchen mit einem Schlag kaputt zu machen.

Die gute Nachricht

Werner Bäuerlein hört sich das alles nachdenklich an. Auch er will diese landwirtschaftliche Fabrik westlich von Abenberg nicht. Aber im Gegensatz zum Aktionsbündnis hat er einen kleinen, aber feinen Wissensvorsprung. Kurz vorher hat er mit Thomas Arnold gesprochen. Und in diesem Gespräch hat Thomas Arnold gesagt, dass er die Hähnchenmast für alle Zeit Hähnchenmast sein lassen will.

Als Bäuerlein die frohe Botschaft an das Aktionsbündnis weitergibt, sind die drei Frauen und vier Männer zunächst fassungslos. „Echt?“, fragt Willi Weigand. „Kein Scherz?“

„Kein Scherz“, versichert Bäuerlein, läuft ins Nebenzimmer und wählt die Handynummer von Thomas Arnold. Der taucht wenig später im Rathaus auf, Jurkat, Weigand und die anderen schauen ihn überrascht an und klopfen dann anerkennend auf den Tisch. „Glückwunsch zu deiner Entscheidung“, sagen sie. „Es ist die richtige.“

Kein offizieller Antrag

Es bleibt eine Viertelstunde für Gespräche. Eine Viertelstunde, in der Werner Bäuerlein noch einmal betont, dass es bisher keinen schriftlichen Antrag für die Mast-Fabrik gegeben habe. Dass er als Bürgermeister aus diesem Grund noch nicht an die Öffentlichkeit gegangen sei. „Wir wollten nie etwas verheimlichen. Aber ich kann nicht draußen etwas kundtun, für das wir kein einziges Schriftstück in Händen halten.“

Allerdings: Thomas Arnolds Überlegungen mögen noch nicht zu Papier gebracht worden sein. Selbst kommuniziert hat er sie durchaus. Einmal in einer (nichtöffentlichen) Sitzung des Stadtrates. Einmal bei einem sogenannten „Scoping“-Termin am Landratsamt in Roth. Dort haben ihn viele Behördenvertreter erklärt, welche Gutachten und sonstige Unterlagen er benötigt, sollte er seine Überlegungen in Form von Plänen konkretisieren wollen. Bis zur Konkretisierung, geschweige denn bis zum Bau ist Arnold nun gar nicht erst gekommen. „Für mich hat sich das Thema jetzt erledigt.“

Die Mitglieder des Aktionsbündnisses sind erleichtert, haben aber ein kleines Problem. Für den Abend haben sie vor dem Rathaus zu einer Demonstration gegen Arnolds Pläne aufgerufen. Kann man so etwas binnen zweieinhalb Stunden noch abblasen? Man kann nicht. Jurkat, Weigand, Helbig, Band, Rock und Kaiser wählen sich zwar die Finger wund und posten auf Facebook wie verrückt. Doch auch im Zeitalter der Sozialen Netzwerke lässt sich eine einmal in Bewegung geratene Masse nicht mehr so einfach stoppen.

Die Organisatoren machen aus der Not eine Tugend und fungieren die Demo gegen die Hähnchen-Mastfabrik zu einer Kundgebung gegen Massentierhaltung im allgemeinen um.

Der Platz vor dem Rathaus füllt sich immer mehr, am Ende mögen es 500, 600, vielleicht 700 Abenberger sein, die Plakate und Transparente schwingen. „Bäuerliche Landwirtschaft statt Quälmast für Agrarmultis“ steht darauf oder „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“. Die Stimmung ist gut, es hat sich schnell herumgesprochen, dass der Mastbetrieb vom Tisch ist.

Die Demonstration beginnt mit drei Minuten Verspätung, weil Thorsten Jurkats Megaphon keine Chance hat gegen das 20-Uhr-Läuten. In Abenberg hat die Kirche eben auch heute noch Vorfahrt.

„Danke“ in Großbuchstaben

Dann geht es ganz schnell. Thorsten Jurkat spricht, Bürgermeister Werner Bäuerlein spricht, am Ende tritt sogar Thomas Arnold vors Mikrophon und verkündet noch einmal das Aus für seine Pläne. Beifall schlägt ihm entgegen. Eine Frau hat ihr „Landwirtschaft-statt-Quälmast-Schild“ mit einem neuen Stoffteil überdeckt. „Danke“ steht drauf. 

ROBERT GERNER

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