Dienstag, 11.12.2018

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Eis-Motorrad aus den 50er Jahren ziert das Eiscafé De Rocco

Ein historisches italienisches Werbemittel - „Ein Kindheitstraum“ - 14.08.2014 09:08 Uhr

„Er fährt sogar noch“, freut sich Guido De Rocco über seinen Eiswagen aus guter alter Zeit. „Man müsste ihn nur zulassen.“ © Foto: Hess


Dass an einem Eiscafé ein Eiswagen steht, ist noch nicht ungewöhnlich, ungewöhnlich ist allerdings, dass es sich um ein historisches Gefährt und zudem um ein Unikat handelt.

Aus Arezzo

Die Eigentümer Italia und Guido De Rocco haben den Eiswagen aus Italien mitgebracht. Genauer: aus Arezzo in der Toskana. Der Marktplatz in Arezzo ist abschüssig. Wer dort Eis verkaufen will, muss seinen Wagen mit viel Muskelkraft hochschieben. Oder mit Motorkraft fahren. Der Vorbesitzer des Eiswagens – das Gefährt stammt aus den 1950er Jahren – ließ sich einen Motorrad-Eiswagen anfertigen: Hinten Motorrad, vor dem Tank ein großer Behälter für das Eis.

Guido De Roccos Vater verkaufte Eis aus einem Eiswagen in Sulmona (Provinz L’Aquila, in den Abruzzen), ein Onkel (Bruder des Vaters) betrieb einen in Ostia (Stadtteil von Rom). Ein anderer Onkel (mütterlicherseits) besaß gar 15 Eiswägen, die er in Vicenza laufen hatte. Das waren allerdings alles Fahrräder mit dem Eiskasten vorne dran. „Ein Eiswagen mit Motor ist extrem selten“, weiß Guido De Rocco.

Liebe auf den ersten Blick

Das Ehepaar entdeckte den Eiswagen schon vor geraumer Zeit – und es war Liebe auf den ersten Blick. Er stand jahrelang in einem Keller in Arezzo, doch der Eigentümer – inzwischen weit über 90 – wollte ihn nicht hergeben. Gebraucht hat er ihn schon lange nicht mehr, denn als er durch den Eisverkauf zu Geld gekommen war, hatte er sich ein Tabakgeschäft gekauft und konnte dadurch das ganz Jahr über arbeiten, nicht nur in der EisSaison. Irgendwie war es für den Eigentümer aber auch eine Quälerei, denn jeder nervte ihn und wollte den Eiswagen haben.

Erfolg hatte schließlich Guidos Ehefrau Italia De Rocco. „Er war nicht gerade billig“, antwortet Guido De Rocco diplomatisch auf die Frage nach dem Kaufpreis. Dafür
ist der Eis-Motorwagen noch in 1a-Zustand, so, als wäre er gerade vom Eisverkaufen zurückgekehrt. Das Gefährt ist noch im ursprünglichen Zustand erhalten, nichts ist kaputtrestauriert. An einigen AluTeilen sind sogar noch Korrosionsspuren zu erkennen, denn zum Kühlen von Eis wurde früher Salz benötigt.

Lenker am Eis-Kasten

„Er fährt sogar noch“, versichert Guido De Rocco, „man müsste ihn nur zulassen.“ Doch das dürfte etwas schwieriger werden, denn FahrzeugPapiere existieren nicht mehr. Für den Vortrieb sorgt ein 98-Kubikzentimeter-Motor der Marke „Alpino“ aus der Provinz Veneto. Blinker Scheinwerfer und Rücklicht sind montiert, es gibt Bremse und Feststellbremse. Der Rahmen ist insoweit modifiziert, als der Steuerkopf unter dem Eiskasten liegt. Eine Lenkstange im eigentlichen Sinn gibt es nicht, die Lenkergriffe sind am Eis-Kasten festgeschraubt.

Der Eis-Kasten besteht aus Aluminium. Zwei hoch stehende, rund Deckel zeigen an: Zwei Sorten Eis sind hier zu haben. „Früher gab es Schokolade, Vanille und Zitrone“, erinnert sich Guido de Rocco, „verkauft wurden meistens entweder Schoko und Zitrone oder Schoko und Vanille.“ Oben auf dem Eis-Kasten ist noch ein gläsernes Kästchen montiert für die Eiswaffeln und ein rundes Töpfchen für die Spachteln, denn früher gab es noch keine Kugel-Eis-Portionierer. Hinter dem Lenker hängt ein hölzerner Kasten; das war die Kasse.

Schnell verkaufen

Die Eishändler mussten früher schnell sein mit dem Verkaufen. Gekühlt wurde das Speiseeis nämlich lediglich mit einer Mischung aus zerstoßenem Eis (aus Wasser) plus Salz rund um die Bottiche. „Das blieb etwa fünf bis sechs Stunden kalt. Was dann nicht verkauft war, musste weggeworfen werden“, weiß Guido De Rocco. „Das war immer so ein wunderbarer Duft, als mein Vater den Deckel von seinem Eiswagen geöffnet hat. Aber wir Kinder haben nur ganz selten ein Eis gekriegt. Das musste ja schließlich verkauft werden“, erinnert sich Guido De Rocco, „So ein Eiswagen, das war für mich immer ein Kindheitstraum. Ich bin immer auf Vaters Eiswagen-Fahrrad gestiegen.“ Dieses Eiswagen-Fahrrad existiert übrigens nicht mehr. „Es ist verschwunden, wahrscheinlich verschrottet“, meint De Rocco wehmütig.

Der Motorrad-Eiswagen gehörte früher zu dem Städtchen Arezzo wie die Bratwürste zu Nürnberg. In dem Film „Das Leben ist schön“ („La vita è bella“) von Roberto Benigni aus dem Jahr 1997 ist laut Guido De Rocco der Eiswagen auf der Piazza von Arezzo zu sehen, ebenso auf älteren Postkarten.

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Eis-Liebhaber kamen auf ihre Kosten: Maurizo de Pellegrin zauberte vor der Eisdiele De Rocco ein „Eis wie zu Uromas Zeiten“.


Der Motorrad-Eiswagen dient jetzt als Werbemittel für das Eis-Café De Rocco und steht außen, neben den Tischen und Stühlen. Über Nacht wird er ins Café geholt.

Aus dem Zoldo-Tal

Familie De Rocco gehört zu Eismachern aus dem Zoldo-Tal in den Dolomiten (Region Venetien). Das liegt zwar für uns in Italien, ist aber doch etwas anderes, denn dort spricht man Ladinisch. Seit Generationen ziehen etliche der jüngeren Leute im Frühling wieder Richtung Norden. Ihre Eis-Geschäfte betreiben sie in Belgien, Deutschland, Frankreich, Holland, Ungarn oder Österreich. Die heißen oft – in Erinnerung an die Heimat – „Dolomiti“ oder „Venezia“. Die Eismacher waren ursprünglich Bergbauern, die vor rund 150 Jahren aus wirtschaftlicher Not den Eisverkauf als Lebensunterhalt entdeckt haben. 

GUNTHER HESS

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