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Jugendlesung: Aufrütteln gegen faschistische Gedanken

Leonhard F. Seidl stellte bei LesArt sein Buch „Mutterkorn“ vor — 184 Todesopfer seit 1990 - 09.11.2013 09:00 Uhr

Leonhard F. Seidl stellte in der Stadtbibliothek im Rahmen der LesArt-Lesungen sein Buch „Mutterkorn“ vor. © Porschert


Sein Buch heißt „Mutterkorn“. Es handelt vom jungen Altenpfleger Albin O., der in die Drogensucht abrutscht und in einer Entzugsklinik landet. Der bekennende Antifaschist muss feststellen, dass einige seiner Mitpatienten Neonazis sind und ein Bombenattentat planen.

Keine Hilfe duch die Polizei

Seidl greift in seinem Buch geschickt reale Ereignisse auf, wie den versuchten Anschlag vor etwa zehn Jahren auf ein jüdisches Kulturzentrum. Seine Lesung spickt er mit Videosequenzen. Besonders im Gedächtnis bleibt dabei der Rückblick von 1992: Rostock-Lichtenhagen, Rassisten attackieren eine Aufnahmestelle für Asylbewerber. Etwa 3000 Leute sehen zu, manche applaudieren sogar.

Die Polizei zieht sich zurück und greift erst ein, als Antifaschisten versuchen, die Angreifer zurückzudrängen. Verhaftet werden aber nicht die Neonazis, sondern die Linken.

Seidl veranschaulicht mit dem Video sein Buch. Darin nimmt die Hauptfigur Albin O. an einer Demonstration gegen Faschisten teil und wird von Polizisten zusammengeschlagen. Was unwirklich erscheint, wird durch die Videosequenz real: Polizeigewalt, Rassismus, Neonazis.

Bittere Aktualität

„Mutterkorn“ ist ein aufrüttelndes Buch. Durch die Aktualität der NSU-Morde kann man sich diesem tiefgreifenden Thema kaum entziehen. Und Zahlen der Amadeu-Antonio-Stiftung, einer Stiftung zeigen, dass das auch gar nicht möglich ist: 184 Todesopfer durch rechte Gewalt seit 1990 alleine in Deutschland. Eine erschütternde Zahl.

Dieses Gefühl ist auch in dem Gespräch spürbar, das sich an die Lesung anschließt. Seidl diskutiert mit den Jugendlichen, überwiegend Schüler der Wirtschaftsschule, wo die Grenze zwischen Nationalsozialismus und Rassimus verläuft.

Der Hass der Rechten

Seidl erklärt, Nazis hätten einen undifferenzierten Hass auf „Nicht-Arier“. Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, dass sich das nicht nur auf Personen mit Migrationshintergrund bezieht, sondern zum Beispiel auch auf Menschen mit Behinderung. Rassisten jedoch würden ein negatives Merkmal einer bestimmten Gruppe zuordnen und ihre Ablehnung auf dieses Merkmal fixieren.

Als Seidl seine Zuhörer fragt, ob sie wüssten, was „V-Männer“ sind, bilden sich zwei Seiten. Die einen meinen, V-Männer seien Polizisten, die in ein rechtes Netzwerk eingeschleust werden. Die anderen glauben, es seien neutrale Personen, die Informationen ausspionieren sollen.

Seidl klärt auf: „Die sogenannten ,V-Männer‘ sind Neonazis, die Geld dafür bekommen, interne Informationen an die Polizei weiterzugeben. Das Problem dabei ist: Sie geben eigentlich nur Infos weiter, die ihnen helfen oder zumindest nicht schaden.“ Seidls Zuhörer sind überrascht: „Das sind doch auch nur Nazis“, sagen sie.

Rostock als Auslöser

Natürlich wollen die Schüler auch wissen, wie Leonhard F. Seidl auf die Idee für sein Buch gekommen ist. Er erzählt: „Ich war 16 Jahre alt, als die Ausschreitungen in Rostock stattfanden.

Mich hat die Untätigkeit der Polizei sehr schockiert. Seitdem bin ich politisch aktiv, beispielsweise als Pate für ,Schule ohne Rassismus — Schule mit Courage‘ oder ich arbeite an Ausstellungen mit.“

Nürnberg im Focus

Zuletzt erzählt Seidl von der aktuellen Lage des Rechtsextremismus. Dabei erklärt er, dass Nürnberg und Fürth zentrale Versammlungspunkte für Neonazis sind. Eine rechtsextreme Internetseite informiert über aktuelle Ereignisse, logischerweise aus Sicht von Faschisten. Auch werden hier Bilder von Personen veröffentlicht, die gegen Neonazis aktiv sind, so zum von Beispiel Birgit Mair, die an der NSU-Opfer-Ausstellung mitgearbeitet hat.

Ob Seidl denn auch auf dieser Seite zu sehen sei, fragt ein Schüler. Seidl schüttelt den Kopf: „Nein, mich haben sie zum Glück noch nie öffentlich an den Pranger gestellt.“

Bis 22. November ist im Saal Burgblick des Gewerkschaftshauses Nürnberg, Kornmarkt 2-4, die Wanderausstellung „Die Opfer des NSU“ zu sehen. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht. Mehr Informationen bei Birgit Mair unter (0911) 54055935 oder 0176-62943152 oder auf der Homepage http://www.isfbb.de
  

MAJA PORSCHERT

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