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Vor 25 Jahren starb Franz Josef Strauß

Legendärer Parteivorsitzender der CSU polarisierte zu Lebzeiten - 03.10.2013 07:00 Uhr

Sein bulliges Auftreten polarisierte: CSU-Chef Franz Josef Strauß traf auf glühende Verehrer wie erbitterte Gegner, wenn er auf Plätzen oder in Bierzelten sprach. © dpa


Der Samstag begann für den Ministerpräsidenten als ganz normaler Arbeitstag. Interview mit einer Sonntagszeitung über Gorbatschows Machtkampf im Kreml; Gedankenaustausch mit Verteidigungsminister Rupert Scholz; anschließend Essen und Trinken im Käfer-Zelt auf dem Oktoberfest.

Nachmittags ließ sich Strauß per Helikopter zum Jagdschloss Aschenbrennermarter bei Regensburg fliegen, wo Johannes Fürst von Thurn und Taxis zur Jagd geladen hatte.

Wenig später passierte es. Strauß hatte sich im Schloss umgezogen und setzte sich in einen Geländewagen. „Halt“, sagt er zum Chauffeur, „der Flug war ein bisschen anstrengend. Warten Sie noch.“ Dann sackte er in sich zusammen.

Zuvor gab es keinerlei Hinweise, dass der kraftstrotzende Urbayer gesundheitliche Probleme hatte. Im Requiem würdigte Kurienkardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst, seinen Freund: „Wie eine Eiche ist er vor uns gestanden, kraftvoll, lebendig, unverwüstlich, so schien es. Und wie eine Eiche ist er gefällt worden.“

Rippen gebrochen

Vor dem Jagdschloss war bei Strauß der Puls nicht mehr fühlbar. Sofort begannen die livrierten Diener auf dem fürstlichen Rasen mit der Wiederbelebung. Einer beatmete den 73-Jährigen, ein anderer versuchte sich an der Herzdruckmassage. Der massive Körperbau des CSU-Politikers wurde zum Problem. Bei einem großen, runden Brustkorb, einem Fassthorax, ist es schwierig, den Herzmuskel zu stimulieren. Vier Rippen brachen unter dem Druck, eine Nebenwirkung, die wegen der spitzen Rippenknochen fatale Folgen haben kann.

Schon kam Notarzt Rainer Tichy, damals immerhin Chefarzt für Anästhesie, und beatmete Strauß künstlich. Aber auch hier gab es wohl fatale Nebenwirkungen. Mageninhalt gelangte in die Lunge. 50 Minuten später landete der Rettungshubschrauber am zwölf Kilometer entfernten Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Regensburg, wo der Wettlauf mit dem Tod weiterging.

Die nächsten 44 Stunden kämpften die Ärzte in Regensburg. Schließlich starb Strauß am Montagmittag an Organversagen.

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Weder Heiliger noch Dämon: Erinnerungen an Franz Josef Strauß

Der Übervater der CSU, Franz Josef Strauß, war ein wandelnder Widerspruch: Kalter Krieger und Freund von Mao Tsetung, Machtmensch und Kleinbürger, Reaktionär und Entspannungspolitiker. Am 3. Oktober 1988 starb FJS in Regensburg.


Mit 73 Jahren war Strauß auf dem Zenit seiner Macht. Zehn Jahre lang war er damals schon Ministerpräsident — ein Landespolitiker mit außenpolitischen Ambitionen, die ihn etwa nach China, Chile, Südafrika, Togo und Israel führten. Nach Moskau flog der begeisterte Pilot sogar eigenhändig mit einer Cessna.

Eigentlich wollte Strauß Latein und Griechisch unterrichten. Der Schwabinger Metzgersohn — die Familie war monarchisch und antipreußisch geprägt — legte 1935 ein Einser-Abitur ab, studierte Altphilologie und diente im Krieg im Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps.

1945 setzte ihn die US-Militärregierung als stellvertretenden Landrat von Schongau ein — der Beginn einer riesigen politischen Karriere. 1949 saß er im ersten Bundestag, 1953 Sonderminister im Kabinett Adenauer, 1955 Atomminister, 1956 Verteidigungsminister. 1961 bis zum Lebensende Parteivorsitzender der CSU.

Dann einer der zahllosen Skandale, die Spiegel-Affäre: Strauß musste seine Beteiligung an der Verhaftung des Journalisten Conrad Ahlers einräumen und trat als Verteidigungsminister zurück. Bundespolitisch trat er noch einmal groß in Erscheinung, als er 1980 als Kanzlerkandidat gegen Helmut Schmidt antrat und unterlag.

Aber eigenlich gefiel ihm die Rolle als Landesvater in Bayern, die er 1978 annahm, ohnehin besser als der Politzirkus in Bonn, in den er sich aber gerne von München aus einmischte. Als er 1983 einen Milliardenkredit für die DDR einfädelte, verlor er die Sympathie des rechten Randes, die Republikaner erstarkten.

1984 erlebte er einen Schicksalsschlag, als seine Frau Marianne bei einem Autounfall ums Leben kam. Freunde sagten später, Strauß habe sich fortan noch stärker in seine Arbeit verbissen, obendrein lebte er noch weniger asketisch.

Zeitlebens hatte Strauß polarisiert. Und sogar bei den Trauerfeierlichkeiten gab es noch Ärger, als sich Pieter Both, Südafrikas rassistischer Staatspräsident, ansagte.

München erlebte schließlich einen Trauerzug, der zuvor nur Monarchen und Kardinälen zugebilligt worden war. 1400 Gebirgsschützen, davon je 200 aus Nord- und Südtirol, bildeten das Spalier.

Mehr als tausend Polizisten sicherten die internationale Prominenz und wurden anschließend mit Bier und Hendl in einem Oktoberfestzelt belohnt, eine legendäre Feier zum Abschluss der Ära Strauß. Heute gäbe es für Alkohol im Dienst ein Disziplinarverfahren. 

Lorenz Bomhard (Nürnberger Nachrichten)

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