Mittwoch, 21.11.2018

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Öko-Idealisten am Weißenburger Jura

Bergwaldprojekt bei Nennslingen - 24.03.2018 07:00 Uhr

Niedrige Temperaturen, hohe Motivation: Über den Verein Bergwaldprojekt halfen rund 20 Freiwillige, den Osterberg bei Nennslingen zu entbuschen und einzuzäunen. Die geplante Pflanzaktion für einen künftigen stabilen Mischwald machte der Wintereinbruch zwar zunichte, doch soll sie nachgeholt werden. © Rainer Heubeck


Die Temperaturen sind niedrig, die Motivation hoch: Dick eingepackt rollen zwei Männer den Zaun aus, der vor allem die Rehe von den jungen Bäumchen fernhalten soll. Andere befestigen den Zaun an Fichtenpfosten, weiter vorne werden mit einem Erdbohrer die nächsten Pfostenlöcher in den gefrorenen Boden gesetzt. „Die Kälte macht mir nichts aus. Die ist mir viel lieber als so nasskaltes Wetter“, bekundet ein älterer Freiwilliger beim Annageln des Schutzzaunes. Er und seine Mithelferinnen und Mithelfer haben eine Woche Urlaub oder Semesterferien geopfert, um etwas für die Natur und deren Schutz zu tun. Unentgeltlich und auch bei den aktuellen Temperaturen schweißtreibend.

„Wir machen hier etwas Sinnvolles“ sagte eine Studentin überzeugt. Sie will persönlich etwas tun für eine nachhaltigere Welt. Und das kann im Kleinen beginnen, etwa wenn der durch Käferbefall und Windbruch entwaldete Osterberg wieder aufgeforstet wird. Zwar ist es aktuell zu kalt, um junge Eichen, Buchen oder andere Baumarten für einen stabilen Mischwald zu pflanzen, doch die Fläche wollte erst einmal entbuscht werden. In den vergangenen Jahren waren die Schlehen und andere Büsche mannshoch gewachsen. „Das hätten die Gemeindearbeiter nicht alleine bewältigen können“, ist Revierförster Friedrich Prosiegel überzeugt. Rund 20 Kubikmeter Heckenschnitt türmen sich nach der Aktion zu einem ordentlichen Haufen und werden gehäckselt.

In einem Waldabschnitt bei Burgsalach bauten andere Helfer einen Schutzzaun ab. Der war schon an einigen Stellen umgedrückt und „sinnlos“ (Prosiegel). Die Freiwilligen säuberten das Maschengeflecht und so konnte der Zaun in Nennslingen wieder aufgebaut werden. „Auch da passen wir auf, dass wir etwas wiederverwenden – wenn es möglich ist“, verweist Adrian Braemer auf den ökologischen Sinn. Der Projektleiter des „Bergwaldprojekt“-Vereins betreut die Gruppe, die im KLJB-Haus in Fiegenstall untergebracht ist und sich auch nach Feierabend noch mit Natur und Nachhaltigkeit beschäftigt. „Wir ernähren uns auch vegetarisch“ Hintergrund seien Braemer zufolge die ökologischen Probleme, die massenhafte Fleischproduktion mit sich bringt. Die eigens engagierte Köchin greift zudem auf ökologisch erzeugte und regionale Lebensmittel zurück. Damit will der Verein auch aufzeigen, dass eine umweltverträgliche und resourcenschonende Lebensweise möglich ist. Nur zum Abschluss gibt es von der fleischlosen Kost eine Ausnahme: Ein Gulasch von einem Reh, das Förster Prosiegel erlegt hat. „Auch das ist ein Stück Waldschutz“, so der Waidmann.

Dabei war es ein Zufall, dass der „Bergwaldprojekt“-Verein, der seine ersten Freiwilligeneinsätze vor über 25 Jahren im Harz und in der Schweiz startete, auf den fränkischen Jura kam. Bei der Altmühlfranken-Messe stand plötzliche ein Vereinsmitglied am Stand des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Weißenburg und bot eine Zusammenarbeit mit dem „Bergwaldprojekt“ an – eine Chance, die sich das Forstamt nicht entgehen lassen wollte.

Die Gemeinderäte in Burgsalach und Nennslingen waren von Förster Prosiegel schnell überzeugt, schließlich spart die Gemeinde so eine Stange Geld. „Die Gemeindearbeiter hätten das nicht geschafft, wir hätten eine externe Firma beauftragen müssen“, erläutert Nennslingens dritter Bürgermeister Bernd Drescher, der den Freiwilligen namens der Marktgemeinde ausdrücklich dankte.

Die unentgeltliche Arbeit soll aber nicht nur Kosten sparen, sondern bei den Teilnehmern auch Verständnis für den Wald und andere wichtige Öko-systeme wecken und vermitteln. In Mooren etwa werden von den Freiwilligen Stauwände eingezogen, um das Austrocknen und damit den Verlust der wertvollen Biotope zu verhindern.

Der Verein finanziert die Projekte und Arbeitseinsätze etwa zu einem Drittel über die Einnahmen von den Gemeinden sowie durch Spenden von Privatpersonen wie Unternehmen. 

Bei dem Projekt auf dem Jura ist auch die „Aktion Mensch“ mit im Boot und unterstützt den Einsatz finanziell. Denn unter den 20 Helfern sind auch zwei mit Beeinträchtigungen sowie deren Betreuerin von den Rummelsberger Diensten für Menschen mit Behinderung. Viele der 102 Projektwochen, die der „Bergwald“-Verein heuer an 46 Orten in Deutschland durchführt, haben integrativen Charakter. „In der Woche treffen ganz unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Voraussetzungen aufeinander. Gemeinsam arbeiten alle an dem gleichen, wichtigen Ziel: Sie leis-ten einen persönlichen Beitrag zum Erhalt des Waldes und seiner Funktionen“, resümiert Friedrich Prosiegel. „Das sind alles Idealisten.“

Sie sollen ihre Erfahrungen in dem Projekt an Bekannte weitergeben und diese zu einem naturverträglichen Umgang mit den natürlichen Ressourcen bewegen. Braemer: „Wir brauchen hier einen gesellschaftlichen Wandel“.

Weitere Informationen zu dem Verein und dessen Arbeit gibt es im Internet unter der Adresse www. bergwaldprojekt.de. 

Rainer Heubeck

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