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Viele haben einen prekären Job

DGB: Viele verdienen nur wenig - 04.03.2011 08:11 Uhr

Gemeinsam gegen prekäre Beschäftigung: Der mittelfränkische DGB-Vorsitzende Stephan Doll, der Kreisvorsitzende Willi Ruppert und DGB-Regionssekretär Martin Feder, informierten über atypische Arbeitsverhältnisse im Kreis. © Markus Steiner


Von prekären Beschäftigungsverhältnissen spricht man dann, wenn
ein Beschäftigter selbst bei Vollzeitarbeit nicht eigenständig von dem erzielten Einkommen leben kann. Auch im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen nehmen solche Arbeitsverhältnisse zu. Und das ziemlich drama-
tisch: Seit 2003 ist die Anzahl der atypischen Beschäftigungsverhältnisse um 7,5 Prozent gestiegen und liegt im Kreis mit 40,6 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt (37,1 Prozent). Zahlen, die beim DGB Mittelfranken die Alarmglocken schrillen lassen.

„Politisch gewollt“

Für Stephan Doll, Vorsitzender des DGB in Mittelfranken, steht fest: „Diese Entwicklung ist politisch so gewollt und durch die Hartz-Reformen vorangetrieben worden.“ Was den Gewerkschafter am meisten ärgert, sind nicht nur die niedrigeren Löhne der prekär Beschäftigten, die im Durchschnitt um bis zu 50 Prozent geringer sind, sondern auch die beschnittenen  Rechte: „Die von den Gewerkschaften erkämpften Arbeitnehmerrechte werden durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse ausgehöhlt.“ Vor allem, weil die Arbeitnehmer den Unternehmen schutzlos ausgeliefert seien. Häufig würden diese nach dem Motto „Zahlung nur nach Bedarf und Anwesenheit“ arbeiten – ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder ohne jeglichen Kündigungsschutz.

Insofern hilft es Doll zufolge nur wenig, wenn die Bundesagentur für Arbeit Monat für Monat eine günstigere Arbeitslosenstatistik verkündet, ohne hinter die Kulissen zu schauen: „Man muss genau hinsehen, um welche Art von Beschäftigung es sich da­bei handelt.“ Denn für den Gewerkschafter steht eines fest: Die Teilzeit- oder Leiharbeitsverhältnisse führen keineswegs zu dem gewünschten „Klebeeffekt“. Das heißt: Arbeitslose bleiben keineswegs für längere Zeit beim Arbeitgeber „kleben“. Ganz im Gegenteil: Nur sieben Prozent der vormals arbeitslosen Leiharbeiter schaffen den Sprung in ein reguläres Arbeitsverhältnis. Zudem enden einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit zufolge 45 Prozent der Leiharbeitsverhältnisse bereits nach weniger als drei Monaten. Elf Prozent wurden 2010 sogar nach nicht einmal einer Woche beendet. Hier wird Stephan Doll in seiner Kritik mehr als deut-
lich: „Der Klebeeffekt ist ein großer Schwachsinn und eine Arbeitsmarktlüge.“

Gleicher Lohn vom 1. Tag an

Aus diesem Grund fordert auch sein  Kollege Willi Ruppert, DGB-Kreisvorsitzender in Weißenburg-Gunzenhausen: „Wir wollen gleiche Löhne vom ersten Tag an!“ Denn die ungleiche Entlohnung führe auch zu sozialem Unfrieden in den Belegschaften und zu einer „Amerikanisierung des Arbeitsmarktes“, das bedeutet, im Landkreis müssen immer mehr Arbeitnehmer ihr Gehalt durch einen zweiten Job aufstocken. Eine Tatsache, die sich auch in der Statistik niederschlägt: 60,7 Prozent der Männer im Landkreis hat einen Mini-Job. Für Ruppert ganz eindeutig der Beweis, dass der Großteil davon sogenannte Aufstocker sind. Der Anteil der Leiharbeiter lag im Jahr 2009 bei inzwischen 25 Prozent bei den Männern. Bei Frauen spielt Leiharbeit dagegen keine Rolle: nur 0,8 Prozent. Dagegen sind sie mit 49,2 Prozent stark vertreten bei Teilzeitjobs und Mini-Jobs (50 Prozent).

„Gerechtigkeit ist etwas anderes – wir brauchen einen Kurswechsel!“, fordert deshalb der DGB. Ein Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro pro Stunde wäre für die Gewerkschaft hierbei das Mindeste. Weiterhin setzt sich der DGB dafür ein, dass der Einsatz von Leiharbeitskräften in Betrieben und Verwaltungen nicht zum Dauerzustand wird. Doll: „Es gibt in manchen Unternehmen sogenannte Auftragsspitzen, die teilweise bis zu acht Jahren dauern!“

Konkret appellieren die Gewerkschafter vor allem an die kommuna-
len Verwaltungen, bei Aufträgen und öffentlichen Ausschreibungen auf die Einhaltung eines Mindestlohns zu achten. „Verschließen Sie nicht die Augen, sonst müssen Sie in Zukunft die Probleme ausbaden, wenn Ihren Bürgern eines Tages die Rente nicht reicht“, mahnt Doll.

Insofern sollten Kommunen allen voran ein gutes Beispiel geben, wenn sie auf Leiharbeiter und befristet Beschäftigte ganz verzichteten. Auch Praktika sollten immer zeitlich begrenzt sein und bezahlt werden, wenn sie nicht unmittelbar der Ausbildung dienen. Wenn diese Regeln eingehalten würden, dann käme das auch der heimischen Wirtschaft entgegen, glaubt ebenso der DGB-Kreisvorsitzende Ruppert.
Das Thema prekäre Beschäftigung wird heuer auch das Schwerpunktthema bei der zentralen Kundgebung am 1. Mai in Treuchtlingen sein. 

Markus Steiner

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