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Wird das bayerische Volksfest zum Auslaufmodell?

So manche kleinere Veranstaltung im Freistaat kämpft ums Überleben - 25.01.2018 05:41 Uhr

Der Wellenflug ist ein absoluter Volksfest-Klassiker, dessen Betrieb sich manchmal aber kaum noch lohnt. Steigende Betriebskosten fressen die Gewinne vieler Betreiber auf. © Archivfoto: Günter Distler


"Die Zeit der großen Fahrgeschäfte neigt sich dem Ende zu. Neue Anschaffungen sind nicht mehr zu finanzieren", prophezeit Oscar Bruch. Volksfeste werden nach Einschätzung des bekannten Schaustellers immer mehr zur Party-Location, weshalb er sich inzwischen auf sein Kerngeschäft, die Gastronomie, konzentriert.

Vor einigen Jahren war das noch anders, da betrieb Oscar Bruch noch den Euro-Star. Manche Fans nahmen stundenlange Anfahrten auf sich, um einmal in der größten transportablen Achterbahn der Welt mit über 80 km/h durch Loopings und korkenzieherförmige Kurven katapultiert zu werden. Der sogenannte Inverted Coaster, bei dem die Fahrgäste unter der Schiene hängen, war auch auf der Münchner Wiesn die Attraktion schlechthin.

"Viele Kollegen trauen sich nicht mehr"

Trotzdem liefen dem Betreiber die Kosten davon, unter anderem weil für den Transport des Ungetüms 84 Lkw nötig waren. Der Eurostar wurde 2008 an den Gorki-Park in Moskau verkauft und einige Jahre später stillgelegt.

Weniger Rummelplatz, mehr Fressmeile – diese Tendenz sieht auch Jürgen Wild, Geschäftsführer des Bayerischen Landesverbandes der Marktkaufleute und Schausteller (BLV). "Viele Kollegen trauen sich nicht mehr an Fahrgeschäfte ran, weil da immer weniger dran verdient ist", erklärt der fränkische Betreiber zweier Karussells und einer Süßigkeitenbude. Sein Verband bekommt die Folgen dieser Entwicklung deutlich zu spüren: In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Mitglieder um etwa 15 Prozent gesunken.

Auch deshalb, weil viele im BLV organisierte Marktkaufleute mittlerweile gehörig mit der Konkurrenz des Internets und der Homeshopping-Kanäle zum kämpfen haben. Beim kleinen Händler, der auf der Fürther Kirchweih seine Gemüsehobel anpreise, würden sich die Leute informieren und das Ding dann online bestellen, nennt Wild ein Beispiel.

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Einige Feste sterben lautlosen Tod

In Erlangen ging in diesen Tagen die dreitägige Landesdelegiertenkonferenz des BLV über die Bühne. Zu Gast war auch Bayerns designierter Ministerpräsident Markus Söder (CSU), dem die Fieranten eine ganze Reihe von Forderungen mit auf den Weg gaben. Unter anderem sind nach Ansicht der Delegierten ein Abbau der in ihren Augen ausufernden Bürokratie, Ausnahmeregelungen für die Fahrt durch Umweltzonen und günstigere Stromtarife nötig, wenn die Branche langfristig überleben soll.

Manche Veranstaltungen im Freistaat starben bereits einen relativ lautlosen Tod, zum Beispiel das Volksfest im schwäbischen Neu-Ulm, das nach 107 Jahren einer Multifunktionshalle auf dem bisherigen Festgelände weichen musste. Auch im unterfränkischen Karlstadt wurde der Festbetrieb vor einigen Jahren eingestellt, weil die Einheimischen inzwischen lieber Weinfeste besuchen oder zur kulinarischen Meile in der Altstadt pilgern. 2009 verlängerte die Stadt deshalb die Verträge mit Festwirt und Brauerei nicht mehr.

Die Metropolregion Nürnberg dagegen steht vergleichsweise gut da mit Besuchermagneten wie dem Nürnberger Volksfest, der Erlanger Bergkirchweih oder dem Jura-Volksfest in Neumarkt. In kleineren Kommunen jedoch ist etwa die Kerwa nicht mehr das Ereignis wie früher. "Die Leuchttürme werden höher, doch abseits davon gehen manchmal die Lichter aus", formuliert es Albert Ritter, der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes (DSB).

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"Die Feste müssen sich weiterentwickeln"

Der in Hersbruck lebende Jürgen Wild erlebt unter anderem in manchem kleinen Ort in Mittel- und Oberfranken, wie die Resonanz nachlässt "Früher hatten viele Arbeitnehmer am Kirchweihmontag frei, und die komplette Familie ist gemeinsam auf den Festplatz gegangen. Heute arbeiten die Leute auswärts, und auch die Lust auf den gemeinsamen Volksfest-Ausflug hat nachgelassen", bilanziert der BLV–Funktionär.

Ein großes Problem sei auch die ausufernde Bürokratie, ergänzt sein Nürnberger Kollege Lorenz Kalb, der den Süddeutschen Schaustellerbund anführt. Unter anderem mit der Dokumentation der Arbeitszeit sei mancher kleine Familienbetrieb schnell überfordert. "Wenn ein Mitarbeiter im Lkw auf dem Beifahrersitz zum nächsten Einsatzort fährt, muss das als Bereitschaftsdienst verrechnet werden. Wenn er sich dafür in den Zug setzt, gilt das nicht als Arbeitszeit", liefert Jürgen Wild ein Beispiel für die Fallstricke in der Gesetzgebung.

Lorenz Kalb will allerdings nicht nur jammern, sondern nimmt auch die Schausteller selbst in die Pflicht. "Die Feste müssen sich weiterentwickeln", appelliert er an seine Branche und führt das Nürnberger Volksfest als Positivbeispiel an. Mit immer neuen Aktionen wie Opernaufführungen im Festzelt setze man dort oft Trends.

"Die Aufenthaltsqualität wird immer wichtiger. Einfach nur ein paar Bierbänke aufstellen, das reicht heute längst nicht mehr", pflichtet ihm Albert Ritter bei. Die Besucher würden Wert auf einen bunten Mix legen, gerade beim kulinarischen Angebot. "Außerdem haben die Menschen in unserer technisierten Welt eine immer größere Sehnsucht nach Romantik und Atmosphäre. Deshalb hat der bundesweite Boom bei den Weihnachtsmärkten die Verluste bei den kleineren Volksfesten teilweise aufgefangen." 

André Ammer

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