Donnerstag, 15.11.2018

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LiteratuReise: Humor aus der Provinz

Auf den Spuren von Wilhelm Busch in Wiedensahl - 25.09.2018 17:46 Uhr

Idylle pur: Der Dorfteich „Heiliger See“ in der Ortsmitte von Wiedensahl. © Sara Weidinger


"Mach dich auf und sieh dich um, reise mal ’n bissel rum. Sieh mal dies und sieh mal das, und paß auf, du findest was" schrieb Wilhelm Busch übers Reisen. Ich folge seiner Aufforderung und zwar an den Ort, der für ihn Heimat war, für meinen Freund und mich aber eine Reise von 560 Kilometern bedeutet.

Vier Bundesländer, fünf Stunden und sechs verschiedene Autobahnen später erreichen wir Wilhelm Buschs Geburtsort Wiedensahl, ein 1000-Einwohner-Dorf westlich von Hannover. Hilfe, hier ist alles rot! Die Häuser, die ordentlich links und rechts der Hauptstraße aufgereiht stehen, sind alle aus rotem Backstein. Die Vorplätze sind aus rotem Backstein gepflastert und sogar der Gehsteig ist aus rotem Beton.

An den Häuserfassaden hängen Zielscheiben von Schützenfesten. Die Vorgärten sind sehr adrett und gepflegt, der Rasen überall frisch getrimmt. Es ist ein verschlafenes Dörfchen, wenige Menschen sind auf der Straße. Zwei Männer säubern mit Hochdruckreinigern ihr Backsteinpflaster.

Wir parken unser Auto in der Mitte von Wiedensahl auf dem Marktplatz, direkt vor dem Teich, der dem Dorf seinen Namen gab: Wiedensahl kommt von "wedem Sol", was "heiliger See" heißt. Auf der anderen Straßenseite erhebt sich die sandsteinfarbene St.-Nikolai-Kirche, auf der Nordseite davon finden wir das Grab der Familie Busch.

Wilhelm Busch selbst ist nicht hier, sondern im niedersächsischen Mechtshausen begraben, wo er die letzten zehn Jahre seines Lebens bei seinem Neffen wohnte. Vor dem Friedhof an der Straße steht ein Wilhelm-Busch-Denkmal. Gerade als ich ein Foto davon mache, geht ein Mann vorbei und sagt zu mir: "Fotografieren Sie doch lieber mich als tote Menschen."

Wir gehen die Hauptstraße ein Stück Richtung Süden, über unseren Köpfen hängen an den Straßenlaternen verschiedene Figuren von Busch: Tobias Knopp, Max, Moritz, die fromme Helene, Balduin Bählamm, Peter mit Hündchen Plum, Lehrer Lämpel und Meister Böck begleiten uns zu Buschs Geburtshaus, in dem heute ein Museum ist.

Direkt daneben steht das Haus der Familie, in dem sich der Kolonialwarenladen von Buschs Eltern befand. Regelmäßig besuchte er sie dort und verfasste unter anderem Teile von "Max und Moritz". Im Backsteingewölbe darunter ist der "Busch-Keller", ein Café, das die Ur-Ur-Großnichte von Wilhelm Busch betreibt.

Im Museum entdecken wir den Flyer "Dorfspaziergang mit Wilhelm Busch" und beschließen, den Rundweg zu gehen. Die ersten 16 der insgesamt 19 Stationen liegen im Ort, wie etwa das Geburtshaus, das Alte Pfarrhaus oder der Spielplatz namens "Witwe Boltes Hühnerwiese".

So kommen wir von der Hauptstraße weg und dringen in die hinteren Straßen des Dorfes ein. Am Ende des Weges gelangen wir zum alten Bahnhofsgebäude. Zwei große Uhren hängen noch an dem grauen Haus. Was einst die Zugschranke war, ist jetzt das Tor zum Hof.

Am Bahnsteig liegen noch alte Koffer – natürlich zur Dekoration. Aber dieses Gebäude ist so urig, dass man fast noch das hektische Treiben, das Koffergerolle, die Reisenden, das Tuten der Züge sehen und hören kann. Als wäre die Zeit stillgestanden. Als wäre hier nichts angerührt, nichts verändert worden. Als wären nur etwas Efeu und Gras über das Gebäude und die Schienen gewachsen und hätten das alles konserviert.

Plötzlich knurrt mein Magen, wir gehen zurück ins Dorf und setzen uns auf die Terrasse des Gasthauses Steuber. "Jeden Freitag Burger-Abend mit Cocktails" lockt ein Schild. Später beobachten wir, wie langsam die letzten Sonnenstrahlen erlischen und sich die Nacht über Wiedensahl legt.

25 Kilometer Radtour

Am nächsten Morgen geht’s auf den Sattel unserer mitgebrachten Fahrräder. Wir wollen die 25 Kilometer lange Radtour "Auf den Spuren von Wilhelm Busch" fahren. Der Weg führt uns über Feld- und Waldwege durch die umliegenden Ortschaften und an verschiedene Stellen, an denen Busch gemalt hat.

An den Stationen sind Schilder angebracht, welche die dort entstandenen Gemälde zeigen. Zum Beispiel das Bild "Wiedensahler Erntelandschaft", das Busch etwa 1870 auf einem Hocker sitzend mit Blick auf sein Dorf angefertigt hat.

Nach der letzten Station wird der Waldweg recht schmal, links und rechts und über mir sind Bäume — als würde ich durch einen Tunnel aus Laub fahren.

Als wir aus dem Wald wieder auftauchen, liegt Wiedensahl vor uns. Wir fahren eine Hecke mit Sträuchern entlang, und wunderbarer Blütenduft steigt mir in die Nase. Drei junge Frauen kommen uns mit fünf Schafen entgegen. "Vorsicht! Die kleinen Schafe laufen frei", sagt eine der Frauen.

Und ich kann verstehen, dass Wilhelm Busch sein Leben lang immer wieder von seinen Reisen nach Wiedensahl zurückkehrte. Es ist so idyllisch hier, so unfassbar friedlich.

Oder um es mit seinen Worten auszudrücken: "Rück ich wieder in mein gutes, einsames Wiedensahl, so fühl ich: nur hier ist meine angestammte und angewöhnte Heimstätte." 

VON SARA WEIDINGER

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