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Sehr viele Menschen und recht wenig Platz

Medizin-Studentin aus Nürnberg berichtet über ihre Eindrücke vom Gesundheitswesen in Indien - 10.04.2017 17:39 Uhr

Auf ihrer Reise nach Indien hatte Ellen auch Gelegenheit, einige Sehenswürdigkeiten wie zum Beispiel das Grabdankmal Taj Mahal zu besichtigen. © privat


Mumbai – das bedeutet: viele Menschen und wenig Platz. Als Europäer fragt man sich, wie in dieser Stadt so viele Leute leben können – mehr als 20 Millionen auf einer Fläche so groß wie Hamburg.

Auf dem vierspurigen Highway tummeln sich die Autos in sieben Reihen nebeneinander, an die Spur hält sich kaum einer. Aber jeder hupt, was das Zeug hält. Jenseits der Leitplanke wird Tetris gespielt – mit bunten Containern, windschiefen Wellblechhütten und "Anbauten" aus Planen, Tüchern und Brettern.

Das Gesundheitssystem in Indien ist dem unseren sehr fremd. Nicht wie bei uns: erstmal die Karte zücken beim Arzt. Sondern: erstmal zahlen! Zwar gibt es Versicherungen, bei denen man die Belege einreichen kann, um etwas erstattet zu bekommen. Das ist aber oft schwierig, teuer und angeblich mit viel Korruption verbunden.

Die reiche Oberschicht begibt sich deshalb gerne in private Krankenhäuser, die einem Ferienresort ähneln. Wer sich selbst die billigeren Varianten der privaten Krankhäuser nicht leisten kann, geht in ein sogenanntes Charitable Hospital. Das verlangt zwar Geld, aber nicht den regulären Preis einer Behandlung.

Die Differenz trägt zum einen der Staat, zum anderen wird sie durch Spenden aufgefangen. Diese Förderung spiegelt sich auf den Stationen wider: zwölf Betten in einem Raum, ein Badezimmer für alle, keinerlei Privatsphäre, das Essen bringen die Angehörigen.

Im OP-Trakt gibt es nur eine Umkleide für alle: Ärzte, Pflegepersonal, Patienten. Der OP-Saal selbst ist klein und so voll mit Menschen und Geräten, dass man sich kaum drehen kann. Die Ärzte haben nur eine kleine Kammer als Rückzugsort, die Schwestern gar keinen.

Es gibt keine großen Aufzüge für die Patientenbetten. Ist jemand wirklich bettlägerig, wird er auf einer klapprigen Liege in einem offenen Lift zwischen den Stockwerken transportiert. Man sieht keine Schwestern in orthopädischen Schuhen wie oft bei uns. Man zieht die Schuhe, meist Flip-Flops, vor dem OP-Trakt aus und geht barfuß weiter.

Oder man schnappt sich gegebenenfalls andere Flip-Flops, die in dem jeweiligen Raum bereitstehen. Daraus ergibt sich ein lustiges Bild: Ärzte mit Hemd und Krawatte, schwarzen Socken – und Schlappen.

Es gibt keine Desinfektionsmittel-spender alle paar Meter und in jedem Raum. Dafür wäre kein Platz an der Wand und wahrscheinlich auch kein Geld vorhanden. Die Ärzte waschen sich die Hände vor dem OP-Saal mit Seife, anstatt sie sich minutenlang zu desinfizieren.

Ebenso wenig ist Platz für westliche Modelle wie "shared decision making", bei dem Arzt und Patient zusammensitzen und über Möglichkeiten reden, in dem beide Ängste und Risiken besprechen. Hier wird der Patient "abgehandelt" – und zeigt dafür tiefe Dankbarkeit! Besonders die Ärmsten, die ihre medizinischen Behandlungen in den kostenlosen, vom Staat getragenen Government Hospitals erhalten, sind unendlich dankbar dafür, dass sich jemand um sie kümmert und ihnen hilft.

Ihnen macht es auch nichts aus, am Boden in riesigen Hallen zu sitzen und auf ihre Behandlung zu warten. Auch wenn sie den Boden mit streunenden Hunden teilen und die Hygiene-Standards nicht die besten sind.

Glaube an Wiedergeburt

Es ist ein System, das funktioniert, einfach weil es funktionieren muss. Dass so ein System möglich ist, ist wohl auch dem Hinduismus zu verdanken. Diese Religion ist ungemein tolerant: Angeblich kann man an 1000 Götter glauben oder an gar keinen. Man kann sich sogar seinen eigenen Gott basteln, indem man einen Stein rot anmalt und ihn anbetet. Solange man Gutes tut, hilft und niemandem Schmerzen bereitet, ist das egal.

Der Hinduismus ist auch eine Religion, deren Anhänger daran glauben, dass gute Taten belohnt werden, in diesem wie im nächsten Leben. Schlechten Taten folgt eine Wiedergeburt, zum Beispiel als Insekt. Je hilfsbereiter man im vorigen Leben war, desto besser geht es einem nun.

So ist Neid beinahe unbekannt unter Indern. Geht es einem nicht gut, nimmt man es hin, denn man muss wohl im vorherigen Leben Schlechtes getan haben. Nächstenliebe wird großgeschrieben. Man gibt denen, die weniger haben. Letztlich stellt sich jedem Hindu und Nicht-Hindu in Indien die Frage: "Wer sind wir im Universum?" Die Antwort ist leicht: "Nichts, niemand!" Denn nicht wir geben der Welt ihre Bedeutung. Die Welt gibt sie uns. 

ELLEN HAJDUK

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