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30 Männer jagen einem einzigen Ei hinterher

Neue Abteilung des ASV Weinzierlein betreibt Rugby –— Absichtliche Fouls sind unanständig - 24.04.2013 15:25 Uhr

"Schub für Deutschland": Co-Trainer Andrew Beazley (r.) weist in Wintersdorf Anfänger in die Geheimnisse eines Sports ein, der vor 190 Jahren an einer englischen Privatschule erfunden wurde. © Thomas Scherer


Zunächst sieht alles nach einem normalen Training aus. 20 Jungs in Trikots, Hosen und Fußballschuhen. Auf einem Platz in Wintersdorf. Erste Zweifel, es könnte sich hier vielleicht doch nicht um Fußball handeln, kommen beim Aufwärmen. Co-Trainer Andrew Beazley schart die Akteure im Kreis um sich, beginnt wild mit den Armen zu rudern und zählt immer wieder inbrünstig von eins bis zehn. Als statt eines Fußballs ein Lederei aus dem Ballnetz gefischt wird, ist klar. Hier, im beschaulichen Zirndorfer Landkreis, wird Rugby gespielt.

Erst am 22. Februar wurde die neue Abteilung gegründet. Neben dem ASV Weinzierlein-Wintersdorf existieren mit dem TSV 1846 Nürnberg und dem SC Herzogenaurach Nord lediglich zwei weitere Rugby-Vereine in Mittelfranken, die Jugendarbeit betreiben. In anderen Teil der Welt ist die Sportart, die 1823 zum ersten Mal an der englischen Privatschule in Rugby gespielt wurde, extrem populär.

Während der englische Verband über eine Million Mitglieder zählt, hat der deutsche gerade einmal 30000. In Bayern sind es ganze 2500. „Wir werden von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Was uns fehlt ist eine Identifikationsfigur“, sagt Alexander Michl (55), 1. Vorsitzender des Bayerischen Rugby-Verbandes. Mit Boris Becker und Steffi Graf boomte Tennis, dank Magdalena Neuner begeisterten sich Millionen für Biathlon, Martin Schmitt und Jens Hannawald sorgten einst für kreischende Teenies an den Skisprungschanzen. Den Hannoveraner Nationalspieler Robert Mohr, Deutschlands Export-Schlager in Sachen Rugby und Profi in Frankreich, kennt kaum jemand. In Australien, Neuseeland, Frankreich und Großbritannien besuchen bis zu 100000 Rugby-Fans die Spiele ihrer Nationalteams, hierzulande trifft sich ein harter Kern von Enthusiasten.

Rugby hat in Deutschland mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, wird oft mit dem American Football verwechselt und gilt als brutal. Zu Unrecht, wie Michl betont: „Die Spieler tragen lediglich einen Mundschutz, damit sie sich im Spiel nicht auf die Zunge beißen. Ansonsten braucht es keine Schutzausrüstung.“ Angriffe gegen den Mann sind nur von vorne und ab dem Oberkörper zulässig, dabei wird der Gegner umschlungen. Attacken gegen Kopf und Hals sind verboten.

Ohne Teamgeist geht nichts

Rugby sei hart aber fair, betont Michl. Bis vor einigen Jahren war es den Spielern sogar nicht erlaubt, auf dem Platz zu sprechen. Diskussionen mit dem Schiedsrichter sind ein absolutes No-go und werden mit Zeitstrafen bis zum Platzverweis geahndet. Und: Absichtliche Fouls gelten als unanständig, obwohl bis zum Schluss gekämpft werden muss. „Die meisten Spiele werden in den letzten zehn Minuten entschieden, wenn es auf Kondition und geistige Frische ankommt“, weiß Michl, der früher beim ASV Köln aktiv war.

Auf Laien wirkt das 80-minütige Spektakel 15 gegen 15 wie ein wirres Durcheinander. Zumal der ovale Ball beim Angriff niemals nach vorn, sondern immer nach hinten geworfen werden muss, der Raumgewinn durch Laufwege oder Fuß-Kicks entsteht. Dass hinter den Aktionen der Männerhorde eine ausgeklügelte Strategie steckt, sehen nur die wenigsten.

„Fußball ist sehr technisch und man muss früh anfangen. Rugby definiert sich über den Teamgeist. Ohne den geht gar nichts“, sagt Wolfgang Bühler, der gemeinsam mit ASV-Vorstand Andreas Bengelstorff die neue Abteilung gegründet hat. Klar, Rugby sei anstrengend sagt Michl, aber „der Wechsel zwischen Sprint, Zweikampf, Gruppenkampf und der Fähigkeit ein Spiel lesen zu können, macht die Sportart so interessant.“

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2016 in Brasilien ist Rugby erstmals als olympische Disziplin vertreten. Michl erhofft sich „einen Schub für Deutschland.“ Momentan hat er andere Sorgen. Beim Bayerischen Landes-Sportverband läuft noch immer das Aufnahmeverfahren. Nur anerkannte Mitgleider erhalten unter anderem Zuschüsse für die Übungsleiter.

Co-Trainer Andrew Beazley scheucht mittlerweile seine Jungs über den Platz. Alle 20 Meter stehen zehn Liegestützen an. Jeder zieht mit. Rugby, philosophiert Michl, gehorche dem Lebensprinzip der Steinzeit: „Mit 30 Leuten konntest du ein Mammut jagen, alleine hättest du keins erwischt.“

Training für Jugendliche ab 12 Jahren freitags von 18 bis 20 Uhr auf dem Gelände des ASV Weinzierlein-Wintersdorf. Kontakt: Wolfgang Bühler Telefon 09122/180011 od. 0911/9690550. www.4rugby.de 

Martin Ferschmann

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