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Andreas Thom: "Den BFC in der Bundesliga hätte ich gern mal gesehen"

Der heute 46-Jährige war der erste Spieler, der aus dem Osten in die Bundesliga wechselte - 06.08.2012 12:08 Uhr

1988 jubelte er noch für Dynamo Berlin. Ein Jahr später wechselte er zu Bayer Leverkusen, als erster Ost-Fußballer spielte Andreas Thom für einen Bundesligisten. © dpa


Bayer Leverkusen legte nach dem Mauerfall im November 1989 schnell die Angel aus. Über 200 Mal spielte Thom in der Bundesliga, war auch kurz Erstliga-Interimscoach. Heute arbeitet der 46-jährige als Nachwuchstrainer bei Hertha BSC.

Wie haben Sie als Nationalspieler in der DDR die Bundesliga eigentlich erlebt?

Andreas Thom: „Im Fernsehen und live bei einem Vergleich mit Werder Bremen, der nicht so glücklich für uns endete. Mit dem BFC Dynamo schied ich nach einem 0:5 in Bremen aus dem Meistercup aus.“

Konnten Sie die Bundesliga überhaupt verfolgen? Thom: „Wann immer die Möglichkeit war, ja. Westfernsehen war ja verboten.“ Das hat viele ja nicht daran gehindert.

Thom: „Mich auch nicht.“

Hatten Sie als DDR-Star zuvor schon mal an einen Wechsel in die Bundesliga gedacht, also an Flucht in den Westen wie ihre BFC-Kollegen Falko Götz und Dirk Schlegel?

Thom: „Nein. Ich habe schon zu DDR-Zeiten gesagt, ich könnte mir vorstellen, in der Bundesliga zu spielen. Aber ich wäre nie abgehauen. Es wäre sicher schwierig für die Familienangehörigen geworden, die dageblieben wären. Deshalb habe ich daran nie gedacht.“

Als sich nach Mauerfall im November 1989 die Chance eröffnete, haben sie die als Erster genutzt. Wie kam das?

Thom: „Wir sind angesprochen worden nach dem verlorenen WM-Qualifikationsspiel Österreich gegen DDR. Und dann ging es recht flott. Leverkusen war da. Reiner Calmund hat sich sehr bemüht, war auch relativ schnell bei mir zu Hause. Ich musste mich schnell entscheiden und habe die richtige Wahl getroffen.“

Wie sind Sie denn in der Bundesliga empfangen worden, als Exot oder eher als neuer Kontrahent um einen der begehrten Verträge?

Thom: „Es war einfach, sich einzuleben. Mir wurde es sehr leicht gemacht. Auf der anderen Seite hat man schnell gemerkt, in der Ellenbogengesellschaft will sich jeder durchsetzen. Das galt für mich genauso.“

Sie sollen damals in Leverkusen 12.000 D-Mark pro Monat verdient haben, war das für Sie auch wirtschaftlich das Paradies?

Thom: „Ich weiß nicht, woher die Summe stammt. Ich musste mich wie jeder andere auch an brutto und netto gewöhnen. Da gab's ja noch paar Abzüge. Sicher hat man mehr bekommen als in der DDR. Ich denke, ich hab das ganz vernünftig geregelt.“

Sie selbst haben schon Anfang 1990 in der Bundesliga gespielt, die Ostclubs mussten noch bis Sommer 1991 warten. War das ungerecht?

Thom: „Das kann ich nicht beurteilen.“

Über die damalige Quote von zwei Ostvereinen in der 1. Liga und sechs in der 2. Liga würde man in den neuen Bundesländern heute jubeln. Warum ist der Wettbewerbsnachteil nie verschwunden?

Thom: „Ab Sommer 1990 konnten viele Spieler aus den Ostclubs gehen - leider zulasten der wirtschaftlichen Verhältnisse der Heimvereine. Es wäre mal sportlich ganz interessant gewesen, wenn der BFC damals mit der kompletten Truppe in der Bundesliga hätte spielen können. Das hätte ich gern mal gesehen. Wir wären sicher nicht abgestiegen.“

Es ist etwas anders gelaufen.

Thom: „Jeder ist dahin gegangen, wo er die Möglichkeit bekam, professionell zu spielen.“

Viele haben in den Jahren danach auch den Sprung in die deutsche Nationalmannschaft geschafft. 20 Jahre später bei der EM 2012 kam mit Marcel Schmelzer wieder nur noch ein Spieler aus den neuen Ländern. Was läuft da falsch?

Thom: „Letztlich ist es eine Qualitätsfrage. Die guten Talente gehen zeitig zu großen Vereinen.“

Viele ehemalige DDR-Spitzenvereine wie Europacupsieger 1. FC Magdeburg oder die Europacup-Finalisten Lok Leipzig und Carl Zeiss Jena sind von der große Bühne ganz verschwunden. Wer hat denn als Ostclub am ehesten die Möglichkeit, einmal dauerhaft in der Bundesliga mitzuspielen?

Thom: „Momentan Dynamo Dresden. Fakt ist, da muss man sich über Jahre etablieren. Entscheidend ist: Was kann man sich leisten? Hat man gute Spieler im Nachwuchsbereich? Wen muss man kaufen?“

Sie haben über 200 Bundesligaspiele bestritten für Leverkusen und Hertha, aber nur zehn Länderspiele für den DFB. Dabei galten Sie als einer der komplettesten Spieler?

Thom: „Ich kann es nicht ändern. Es war so. Klar, aufgrund des Talents und der Lorbeeren, die man mir schon gegeben hatte, hätte mehr rauskommen können. Ist aber nicht. Es gab viele Gründe.“

Ärgert Sie das?

Thom: „Jetzt nicht mehr.“ 

dpa

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