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Cricket in Erlangen: Auf einen Schlag zu Hause

Für diese Erlanger ist Cricket mehr als nur Sport - 17.04.2017 14:48 Uhr

Cricket im Wiesengrund. © Harald Sippel


Immer wieder lässt Zafari den kleinen Ball von der rechten in die linke Hand sausen. Es klatscht leise, wenn der raue Kunststoff die Handfläche trifft. Zafari, kurze, pechschwarze Haare, dunkler Teint, dunkle Augen, spricht dazu kein Wort. Der junge Mann wird ohnehin kaum ein Wort sprechen an diesem Nachmittag. Er sitzt still im Schatten der Birken, begleitet nur vom leisen Klatschen des Cricket-Balles in seiner Hand.

Vor zwei Jahren ist Zafari, der eigentlich anders heißt, aus Afghanistan geflohen. Er hat das Nötigste gepackt und ist wie so viele andere davon gelaufen. Die Eltern, die Freunde und die Bomben, die wie Laub vom Himmel fielen, hat er hinter sich gelassen. Gestrandet ist er in Erlangen. Und alles Schöne, was ihm von zu Hause geblieben ist, ist der Sport mit diesem kleinen Ball.

Ein paar Meter weiter haben sich Zafaris Mitspieler auf der holprigen Wiese verteilt. Sie tragen das selbe Trikot, "Erlangen Cricket Club" haben sie sich auf den Rücken geschrieben, und viel Stolz darunter gepackt. Denn auch wenn sie aus Indien kommen, aus Pakistan, aus Bangladesh oder eben Afghanistan, wenn sie unterschiedlich alt sind, als studierte Fachkräfte in Erlangen sind oder eben aus Angst um ihr Leben, so eint sie der Sport auf besondere Weise. Cricket, sagen auch Shahid Satti oder Mirza Waqas Sadiq, ist nicht nur Sport. Cricket ist ein bisschen Heimat.

Cricket - bis Sonnenuntergang

"In meinem Dorf", erklärt Sadiq, der 1992 nach Deutschland kam und den Nürnberg Cricket Club mit gegründet hat, "spielt kein Kind Fußball." Auf der staubigen kleinen Straße in Pakistan, da nehmen sie wann immer es geht einen Ball, wie ihn Zafari in seinen Händen hin- und hersausen lässt. Dazu ein Stück Holz als Schläger und ein paar Äste, die sie in den Sand rammen. "Und dann", sagt Sadiq und lächelt, "spielten wir Cricket — bis die Sonne unterging."

Ein Spiel, das Baseball ganz ähnlich ist – aber doch ganz anders ist. So erklärt es Adil, der Kapitän des NCC, des Testgegners der Erlanger. "Es gibt so viele Regeln, dass es selbst für die Spieler unmöglich ist, sie alle zu kennen." Adil besitzt einen kleinen Imbiss in der U-Bahn-Haltestelle Hauptbahnhof. An diesem Sonntag wird er später mit einer ausladenden Kreisbewegung versuchen, mit dem Ball die Hölzchen herunterzuwerfen, die auf den Stäben liegen. Wie oft ihm das gelingen wird, weiß er nicht. Das ist auch egal. "Cricket", sagt Adil, "hat die Kraft, meine Heimat hierher auf die Wiese zu holen."

Nürnberg und Erlangen sind die einzigen Klubs, die in Nordbayern organisiert am Spielbetrieb teilnehmen. Die übrigen vier Vereine der Bayernliga stammen aus München. Von April bis September dauert der Spielbetrieb, seit 2012, sagt Mirza Wadiq Sadaq stolz, ist die Meisterschaft nun schon in Nordbayern geblieben. Nur über das Achtelfinale hinaus, wenn die Landessieger im K.O.-Modus die beste Mannschaft Deutschlands ermitteln, sind weder Erlangen, noch Nürnberg bislang gekommen. "Das ist unser Ziel", sagt Sadaq.

Betonplanke mitten auf dem Bolzplatz

Für Erlangen steht Shahid Satti gerade als Bowler, als Werfer, auf dem Pitch, das sie in Eigenarbeit mitten auf die Regnitzwiesen gebaut haben. Eine 20 Meter lange und drei Meter breite Betonbahn mit Kunstrasenüberzug. Auf dieser Planke spielt sich die komplette Partie ab. Hier wird geworfen und geschlagen, gejubelt, diskutiert und auch einmal geflucht. Was in der Natur der Sache liegt, wenn nicht alle die Regeln kennen und ein reguläres Match über acht Stunden dauert.

"Ein Lärmgutachter war kürzlich hier", erzählt Udhay Kumar, Betreuer, Übersetzer und Physiotherapeut der Erlanger Mannschaft. Seine Eltern stammen aus Indien, die Mutter ist in England aufgewachsen, Kumar spricht sechs Sprachen. Doch, Moment, ein Gutachter war hier? "Es gibt Beschwerden", sagt Ulrich Klement, der Leiter des Sportamts. Eine Handvoll Anwohner versuchen mit sehr viel Ausdauer, die Cricketspieler aus dem Wiesengrund zu vertreiben. Unterschriften wurden gesammelt, minutiöse Auflistungen erstellt, wann man welchen laut vom Cricketplatz vernommen hat. "Das Gutachten kam zur Erkenntnis, dass keine Lärmbelästigung besteht", sagt Klement, der den Widerstand nicht so recht verstehen kann: "Cricket bringt doch Vielfalt in unsere Stadt."

Lärmgutachten für ein bisschen Sport

Für Wasif Abbas-Shah, der im Kapuzenpullover dem für Laien, nunja, ziemlich undurchsichtigen Cricketmatch zusieht, und seine Mitspieler fühlt es sich so an, "als habe man hier Angst vor uns. Als wolle man uns loswerden." Er ist Sohn eines Pakistaners und einer Engländerin, als er nach Deutschland kam, sehnte er sich nach dem Cricketsport – und fuhr deshalb jedes Wochenende bis nach München. Eines Tages hatte er genug von der Fahrerei und gründete 2008 den Erlangen Cricket Club. Bis zum vergangenen Jahr war er Vorsitzender. Nun, sagt Abbas-Shah, braucht er mal eine Auszeit.


Auch, weil sich seit Jahren diese Anwohner schriftlich bei der Stadt über das "Klack", den das Schlagen des Balles erzeugt, beschweren sowie über die Lautstärke der Spieler, die im Schatten der Bäume sitzen. Außerdem über die überfüllten Parkplätze. Und dann wären da ja auch noch diese wild umherfliegenden Bälle.

Abbas-Shah seufzt. Sie schieben nun den kleinen Materialwagen auf die andere Seite des Spielfelds, weg von der Siedlung. Sie haben Schilder aufgestellt, an jeder Ecke, die vor fliegenden Bällen warnen, auch wenn noch niemand getroffen wurde. Gesehen, geschweige denn gesprochen hat Abbas-Shah keinen – alle Einladungen lehnten die Anwohner ab. Am 2. Mai, im Sportbeirat, soll das Thema diskutiert werden. Für Abbas-Shah fühlt es sich an, als wolle man ihnen das kleine Stück Heimat entreißen.

29 Mitglieder zählt der Cricket Club, sie haben dank der vielen minderjährig unbegleiteten Flüchtlinge sogar ein Jugendteam gründen können. Dort hat auch Zafari gespielt, "er ist so gut", sagt Abbas-Shah, "dass er bei den Herren spielt". Als nach vier Stunden das Angriffsrecht wechselt, beide Teams nach kurzem Imbiss zurück auf die Wiese laufen, strahlt Zafari: Er wird eingewechselt. Jetzt kann er seiner fernen Heimat für vier Stunden ein wenig näher sein. 

Christoph Benesch

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