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Große Krise trifft kleine Krise: Kiel kommt zum HCE

Der wankende Handball-Riese tritt beim Andersson-Team an - 05.10.2017 09:02 Uhr

Verwunderlich, aber möglich: Die Erlanger um Martin Stranovsky haben diesmal die Möglichkeit, die Über-Kieler von der Förde auf eigener Platte zu bezwingen. © Sportfoto Zink


Vor ein paar Wochen, da hätte man Robert Andersson vermutlich noch für verrückt erklärt. "Jetzt kommt das perfekte Spiel für uns", sagt der Trainer des HC Erlangen und lächelt vergnügt. Das perfekte Spiel? Gegen den großen THW Kiel? Den Handball-Rekordmeister, der wie ein Orkan zwischen 2004 und 2015 Jahr für Jahr (bis auf 2011, als der HSV Hamburg die Serie durchbrach) durch die Liga pflügte und es zum Handball-Gesetz machte, dass Kiel eigentlich immer Deutscher Meister wird. Angeführt seit 2008 von Alfred Gislason, einem Trainer, mit dem Kiel zweimal die Champions League gewann, der 2011/12 ohne Verlustpunkt durch die Liga marschierte und der Bestmarken aufstellte, die wohl für die Ewigkeit sind.

"Eine Chance, so groß wie nie"

Am Donnerstagabend gastiert also einer der erfolgreichsten Handballvereine der Welt am Nürnberger Kurt-Leucht-Weg, beim kleinen HC Erlangen, vergangene Saison aufgestiegen in die Bundesliga und mit zwei Siegen aus den ersten sechs Spielen gestartet. Und nun soll also ausgerechnet Kiel zum perfekten Gegner werden: "Wir können mit einer Überraschung all unsere Sorgen los werden", sagt Andersson. "So groß wie jetzt war die Chance noch nie, gegen den THW etwas zu holen."

Überragendes Überholmanöver

Acht Minuspunkte hat Kiel bereits gesammelt, einen mehr als in der gesamten ersten Bundesliga-Saison des HCE 2014/15. Das 26:28 im Spitzenspiel bei den Rhein-Neckar Löwen am Sonntag war bereits die vierte Niederlage im siebten Spiel – mit einem Sieg am Donnerstag würde der HCE Kiel in der Tabelle überholen.

"Wir haben momentan nicht die Qualität, um die Ziele zu erreichen, die wir uns alle gesteckt haben", sagte THW–Geschäftsführer Thorsten Storm nach der Niederlage vor über 11.000 Zuschauern in Mannheim zerknirscht, dabei hieß es im Sommer noch, der Umbruch sei bei den Zebras nach zwei Jahren ohne Meisterschaft endlich abgeschlossen.

Doch einerseits wiegt die Verletzung von Ausnahme-Spielmacher Domagoj Duvnjak schwer, zum anderen gelingt es bis auf Rechtsaußen Niklas Ekberg niemandem der hochtalentierten Spieler, sein Potential abzurufen. Von der Bank kommen zudem keine Impulse, Neuzugang Ole Rahmel, der aus Erlangen vor der Saison in den Norden ging, erhält in der Bundesliga, anders als in der Champions League, kaum Einsatzzeiten. Sogar Gislason, lange Zeit verehrt wie ein Handball-Heiliger, steht mittlerweile zur Diskussion. "Ich mache weiter! Wir sind sicherlich in einer schwierigen Situation. Aber wir müssen nach und nach an uns arbeiten", sagte Gislason nach der Niederlage in Mannheim. Natürlich sei es derzeit "schwer, die Ruhe zu bewahren, der THW ist ein großer Klub mit großen Zielen", sagte Geschäftsführer Storm. Von denen ist Kiel eben derzeit so weit entfernt wie geografisch von Nürnberg.

Keine Konstanz und dann noch Verletzungspech

"Das in Kiel derzeit alle nervös sind, ist natürlich unsere Chance", sagt Erlangens Geschäftsführer René Selke. Doch die Vorzeichen könnten noch besser sein – wenn der HCE nicht selbst eine mentale Krise durchleben müsste. In Flensburg, zu Hause gegen Hüttenberg und auch beim Tabellenführer in Hannover zeigte Erlangen zwar, wie viel Potential in der neuen Mannschaft stecken kann. Allerdings nie über die gesamte Spielzeit. Dann fehlen mit Torwart und Ex-Kieler Nikolas Katsigiannis (Muskelbündelriss), Europameister Johannes Sellin (Fingerbruch) und Kreisläufer Jonas Thümmler (Sehnenriss im Zeigefinger) drei Leistungsträger.

Großes Spiel?

Wenigstens bei Thümmler gibt es nun vorsichtige Hoffnung, dass er spielen und die größte Schwachstelle im Angriff, den Kreis, beleben kann. Zum anderen aber leidet vor allem der linke Rückraum mit Nikolai Link und Andreas Schröder unter Mangel an Torgefährlichkeit: Keinen einzigen Treffer gab es von der Shooter-Position gegen Hannover, das macht den HCE leicht ausrechenbar.

Das fehlende Wurfglück, anhaltende Rückschläge sowie jetzt drei Spiele ohne Sieg führen zum Verlust des Selbstbewusstseins, wie Rückraumspieler Christoph Steinert sagt. 18 technische Fehler gegen Hannover sprechen auch für ein beginnendes mentales Problem: "Aber wir sind ein sehr intaktes Team, wir stärken uns gegenseitig den Rücken und stehen füreinander ein", so Steinert.

Kurzum: Der HC Erlangen braucht dringend ein Erfolgserlebnis, oder, wie René Selke sagt, gleich "ein großes Spiel gegen einen der ganz Großen." Wie gut, dass am Donnerstagabend da ein THW Kiel kommt. 

Christoph Benesch

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