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Schleicher: Die drei Sekunden nach London

Der bisher größte Erfolg des Johanniser Ringers - 10.05.2012 12:00 Uhr

Ein Johanniser kämpft in London: Tim Schleicher (oben) wurde bei seiner Rückkehr in die Heimat entsprechend begrüßt. © Sportfoto Zink


Später Freitagnachmittag in der finnischen Hauptstadt, beim letzten Olympia-Qualifikationsturnier tritt Schleicher in der 60-kg-Klasse im entscheidenden Kampf (wir berichteten) gegen den Armenier Artur Arakelyan an. Der war – wie auch der Nürnberger – noch nie bei Olympischen Spielen dabei, aber immerhin schon Siebter der WM 2009. Wer gewinnt, erfüllt sich seinen Traum von London.

Schon oft hatte Schleicher Pech bei internationalen Turnieren. Der mehrfache deutsche Meister, der in der Bundesliga künftig für Aalen ringt, bei Einzelmeisterschaften aber weiterhin für Johannis antritt, verliert die erste Runde 0:1; am Ende der zweiten steht es 0:0, doch er darf im folgenden Clinch das Bein des Gegners fassen und hebt ihn aus, 5:0, die höchste Wertung, ein Ausrufezeichen.

Runde drei muss also die Entscheidung bringen. 1:0, 2:0 Schleicher, der Sieg ist nahe, London vor Augen, da schafft der Armenier mit einem Überstürzer eine Zwei, 2:2. Das würde jetzt ihm reichen, er hat die höhere Wertung. Noch 45 Sekunden, Schleicher greift an, muss angreifen, der Gegner ist nur noch passiv, wird ermahnt, doch dann läuft der Johanniser in einen Konter, 2:3. Aus und vorbei?

Noch acht Sekunden. Tim braucht noch zwei Punkte. Er versucht eine Beinsichel, die gelingt, bringt aber nur eine Eins. 3:3. Zu wenig. Da wirft Bundestrainer Alexander Leipold das „Challenge“-Kissen, was so viel bedeutet wie: Einspruch! Leipold fordert vom Kampfgericht eine Zwei – doch sollte der Einspruch abgewiesen werden, wird dem Gegner ein weiterer Punkt zugesprochen. „Ich war mir sicher“, erzählt Schleicher, „dass es kein Zweier oder Dreier war, „also hab’ ich das Kissen zurückgeworfen.“

Kein Einspruch also, stattdessen nur noch drei Sekunden, drei Sekunden für oder gegen London: „Ich hab’ den Pfiff des Kampfrichters gar nicht mehr richtig abgewartet. Es war ein Doppelbeinangriff. Ich bin einfach auf ihn draufgerannt wie ein Bekloppter.“ Und tatsächlich bringt er den Armenier zu Boden. Eine Energieleistung. Doch die Bewertung der Aktion ist strittig. Zunächst erhält der Armenier eine Drei. Jetzt fordert Schleicher tatsächlich die „Challenge“ – und hat Erfolg: Aus dem Dreier für den Gegner wird ein Zweier für ihn.

Bevor „Timmi“ allerdings endgültig jubeln kann und die Armenier ihre Schimpfkanonaden loslassen, erheben sich erst noch quälend lange Diskussionen zwischen Kampfgericht, deutscher und armenischer Ecke. „Sogar der Präsident des Weltverbands FILA, der Schweizer Raphael Martinetti, hat sich eingeschaltet“, erzählt Schleicher, nachdem das Zittern von Helsinki vorbei ist: „Ich hab’ den Gegner im Blauen der Matte auf die Schultern geworfen, erst danach hat er gekontert und mich übertragen.“ Später hätten ihm die deutschen Kampfrichter berichtet, „dass die Entscheidung für mich völlig korrekt war“.

„Die Olympischen Spiele sind das Größte für einen Sportler. Olympiasieger zu werden, ist das größte Ziel, das ein Sportler haben kann“, sagt Tim noch. Außer ihm haben sich nur noch Europameister Frank Stäbler (66 kg/Musberg), Nick Matuhin (120 kg/Luckenwalde) und die EM-Dritte Alexandra Engelhardt (48kg/Ludwigshafen), die Gattin des Johannisers Peter Engelhardt, für London qualifiziert.
  

Hermann Hempel

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