Dienstag, 19.02.2019

|

Olympia regional: Heikle Klientel im Traumurlaub

Albert Güßbacher war schon 1984 in Los Angeles dabei - 06.08.2008

Auch in Athen durfte sich Albert Güßbacher über Erfolge seiner Patienten freuen, Peking soll nun das krönende Schlusslicht seiner Olympia-Karriere werden – vielleicht. © privat


Morgens um drei Uhr ins schmale Bett fallen, wenn der Sportler endlich seine Urinprobe abgeliefert hat. Güßbacher hat das alles schon oft erlebt, zum siebten Mal reist er als Teil des deutschen Ärzteteams zu den Olympischen Spielen nach Peking - doch zwischen aller reifen Gelassenheit blitzt immer noch viel Vorfreude durch bei dem Nürnberger Sportorthopäden.

Zwischen Boxern, Judokas und Taekwondo-Kämpfern

20 Ärzte und 40 Physiotherapeuten begleiten die 438 deutschen Olympia-Starter nach China, die im Olympischen Dorf ein eigenes medizinisches Zentrum bevölkern. Güßbacher betreut schon seit Jahrzehnten die deutschen Boxer und Judoka, jetzt kommen noch die Taekwondo-Kämpfer dazu.

Kampfsportarten faszinieren ihn seit jeher, beanspruchen sie doch den Körper wie kaum eine andere Disziplin. Und wie die Athleten muss sich der Rheumatologe ständig fit halten: Welche Behandlungsmethoden sind heute gefragt? Welche gelten als überholt? Und natürlich: Welche Mittel stehen auf der Dopingliste?

Im Gedanken auf dem Podium

Los Angeles, Seoul, Barcelona, Atlanta, Sydney, Athen lauteten bisher Güßbachers Stationen, und in Gedanken stand er bei einigen Medaillen mit auf dem Podium. Da, diese Muskelverletzung hat er noch rechtzeitig geheilt, jenes Kniegelenk erfolgreich wiederhergestellt. Jüngstes Beispiel: Judo-Kämpferin Yvonne Bönisch bescherte dem deutschen Team in Athen das erste Olympia-Gold, weil sie auch Güßbachers Empfehlung gefolgt war, ein ausgekugeltes Ellbogengelenk nicht zu operieren.

Dabei hat sich der promovierte Orthopäde eine heikle Klientel ausgesucht. «Sportler hinterfragen viel mehr als normale Patienten», sagt er seufzend. Aber er versteht sie nur zu gut, «die Gesundheit ist ihr höchstes Kapital». Und wer ist wehleidiger, Männer oder Frauen? Kein Unterschied, meint Güßbacher, allerdings «muss man sich für Frauen mehr Zeit nehmen, mehr auf ihre Sorgen eingehen.» Wie überhaupt nicht immer seine medizinischen Kenntnisse, sondern manchmal auch mehr seine psychologischen Fähigkeiten gefragt sind. Der Sportler will spüren: Hier bin ich geborgen, hier hat jemand eine Lösung für mein Problem.

Keinen Cent, aber unbezahlbare Momente

Das Glücksgefühl, «seine» Sportler zur Medaillenzeremonie schreiten zu sehen, ist übrigens der einzige Lohn. Keinen Cent sieht der Arzt für seinen Einsatz, die Praxis im Maxtorhof bleibt in der Zeit geschlossen. Obwohl - da sind diese anderen, unbezahlbaren Momente.

In der Mensa im Olympischen Dorf neben den internationalen Stars, die man nur aus dem Fernsehen kennt, seine Nudeln zu essen. Oder, wenn es die Zeit erlaubt, bei Leichtathletik und Gewichtheben vorbeizuschauen. Rund um die Uhr viel Zeit mit jungen Menschen zu verbringen. Sich mit den Kollegen auszutauschen - sofern die sprachlichen Hürden nicht zu hoch sind.

Chinas Exotik als krönender Karriere-Abschluss

Von Peking selbst, da macht er sich keine Illusion, wird er kaum etwas sehen. Trotzdem ist er neugierig auf Chinas Exotik, und eigentlich sollen diese Spiele der krönende Schlusspunkt seiner eigenen olympischen Laufbahn werden.

Eigentlich. So ganz glaubt man Güßbacher nämlich nicht, dass er tatsächlich einen ganz normalen Urlaub genießen kann. Ohne verstauchte Finger, hässliche Prellungen oder malträtierte Gelenke. 

Ulrike Assmann

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus dem Ressort: Sport