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Von der Couch in die Laufgruppe 0

Der lange Lauf zum Sport: Unterwegs mit der Anfängergruppe des Post SV - 21.05.2007

Schaut nicht sonderlich schnell aus, wird aber noch. Das behauptet Lauftreff-Leiter Rudi Webert (vorne rechts), der den erschöpften Sportredakteur unter seine Fittiche nimmt.

Schaut nicht sonderlich schnell aus, wird aber noch. Das behauptet Lauftreff-Leiter Rudi Webert (vorne rechts), der den erschöpften Sportredakteur unter seine Fittiche nimmt. © Eduard Weigert


Eigentlich bin ich ja Fußballer. Na gut, ich war einer bis vor ungefähr 14 Jahren mein Knie nicht mehr mitgemacht hat. Der Arzt meinte damals, ich soll eben joggen oder schwimmen - Fußball wäre nicht mehr drin. Aber ich hatte noch die Witze im Kopf, die übers Bolzen existieren: «22 Idioten rennen einem Ball hinterher». Warum, so hab‘ ich mich gefragt, soll ich dann ohne Ball rennen - klingt irgendwie noch idiotischer.

Und so habe ich im Alter von 16 Jahren still und leise meine aktive sportliche Karriere beendet und bin zum Passivsportler geworden, der weiß, wer in der ersten norwegischen Fußball-Liga Abstiegssorgen hat und wer sich in Irland Hoffnungen auf die Meisterschaft machen kann.

In letzter Zeit aber mehren sich die Zeichen, dass es so ganz passiv wohl nicht weiter geht. «Couch-Potatoe» hat mich vor kurzem eine wenig einfühlsame Kollegin genannt, eine andere hat mir, ohne dabei das Gesicht zu verziehen, «Aqua-fitness für Mollige» empfohlen. Die Zeichen mehren sich also, dass es Zeit wird, meine überhebliche Ignoranz gegenüber dem Volkssport Joggen aufzugeben, mich einzureihen in die Kolonnen derer, die Tag für Tag stur und schwitzend die Pegnitz entlang laufen. «Runter von der Couch», heißt die erzwungene Devise.

Ich schließ mich dem Lauftreff Marienbergpark an. Auch den habe ich nicht selbst ausgesucht, wieder wählt die Kollegin für mich. «Eigentlich brauchen sie nur Laufschuhe», sagt mir Lauftreff-Leiter Rudi Webert am Telefon, nachdem ich ihm meine Fitness-Daten durchgegeben habe: Ein Body-Mass-Index knapp unter der Grenze zum Übergewicht und zu viele Zigaretten. «Gruppe 0», sagt Webert und stuft mich damit vollkommen richtig als blutigen Anfänger ein. Gruppe 0 bedeutet fünf Minuten laufen und eine Minute gehen - zum Verschnaufen. Eine Stunde lang. Ich bin trotz der realistischen Einschätzung beleidigt und will in Gruppe 1: Neun Minuten laufen, dann eine Minute gehen.

Danach schalte ich für zirka zehn Minuten mein Hirn ein und das entscheidet sich für Gruppe 0. Schließlich habe ich die Meldungen von toten Läufern beim Marathon in Essen noch im Kopf. Laufen als Extremsport. Also lieber vorsichtig sein, so weit geht die neu entdeckte Leidenschaft dann doch noch nicht.

Am großen Tag herrscht dann vielleicht als Reminiszenz an meine Fußball-Leidenschaft zumindest Fritz-Walter-Wetter. Im Nieselregen treffe ich mich mit Webert und dem Rest der Laufgruppe 0 am Parkplatz am Marienberg-Park. Aufwärmen fällt aus, es geht sofort ins Gelände. Das fehlende Stretch-Programm stellt sich im Nachhinein als Zeichen für ein eher gemächliches Tempo heraus.

«Laufen, ohne zu Schnaufen», nennt sich das Angebot des Post SV. Meine Mitläufer unterhalten sich auf den ersten Metern, ich halte mich zurück, will mir die Pein eines frühen Einbruchs ersparen. Nach 20 Minuten werde ich mutiger, frage sogar, warum nicht schneller gelaufen wird? Weil keiner überfordert werden soll, antwortet mir Webert, der bei mir aber zumindest einen «Rest Kondition» entdeckt.

Schwindel im Nieselregen

Davon spüre ich zehn Minuten später nichts mehr, versuche aber, mir meine ersten Schwindelanfälle nicht anmerken zu lassen. Ich schau mir die Mitläufer an und sehe, dass die, die schon drei Wochen länger im Training stehen, auch Ermüdungserscheinungen erkennen lassen. Beruhigend. Langsam gewöhne ich mich an den Trott und der Schwindel lässt wieder nach. Trotzdem schiele ich ab und an auf Weberts Uhr. Reden will ich immer noch nicht. Zurück am Ausgangspunkt schmerzt nur die Achillessehne etwas, das Knie ist ruhig geblieben und etwas Puste hätte ich auch noch.

Ich überlege, wie lange es wohl dauern wird, bis ich in eine der fortgeschrittenen Laufgruppen aufsteigen kann. Deren Mitglieder schauen in ihren eng anliegenden Laufhosen auch viel professioneller aus als ich mit meiner arg weiten Jogginghose. Der Ehrgeiz ist geweckt, Langeweile kam trotz des fehlenden Balls nicht auf. Wird es eintönig, erzählt Rudi Webert einen «harmlosen Blondinen-Witz». Fast wie beim Fußball. 

Fadi Keblawi

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